Wanders mit fantastischem Schweizer Rekord

In Hengelo läuft der Genfer die 10'000 m in 27:17. Damit erfüllt Wanders gleichzeitig die WM-Limite.

Julien Wanders ist erneut eine Topleistung gelungen.

Julien Wanders ist erneut eine Topleistung gelungen. Bild: Keystone

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Wenn die US-Leichtathleten zu Ausscheidungswettkämpfen für Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele starten, tun sie das jeweils irgendwo im eigenen Land. So beginnen ihre WM-Trials in einer Woche in Des Moines (Iowa). Wenn der äthiopische Verband seine Läuferinnen und Läufer bestimmen will, die an internationalen Titelkämpfen über die Mittel- und Langdistanzen antreten sollen, verlegt er die Ausscheidungsrennen seit einigen Jahren vom Hochland Äthiopiens nach Hengelo in den Niederlanden. Und weil der Organisator identisch ist mit dem Management des Genfers Julien Wanders, war dieser gestern einer der wenigen Eingeladenen an diesen Ausscheidungen. In Stockholm war Wanders zwar Schweizer Rekord über 10'000 m gelaufen, hatte die Limite für die WM Ende September in Doha aber um gut vier Sekunden verpasst.

Ganz anders nun nutzte er seine zweite Chance. Haile Gebrselassie und Kenenisa Bekele, die äthiopischen Olympiasieger und Weltmeister, hatten zwischen 1994 und 2004 in Hengelo mit vier Welt­rekorden über 5000 und 10'000 m bewiesen, dass die Bahn schnell ist. Und so wurde auch das 10'000 m-Rennen. Es wurde gar zum schnellsten in diesem Jahr – und mittendrin Wanders. Ihm gelang ein Exploit, den ihm so wohl kaum jemand zugetraut hätte: In 27:17,29 Minuten lief er ein überragendes Rennen, der Schweizer profitierte dabei von einem eigenen Tempomacher. Er unterbot die eigene Bestmarke von Stockholm um sagenhafte 27,07 Sekunden – und innerhalb von knapp sieben Wochen verbesserte er die 14 Jahre alte Schweizer Rekordzeit von Christian Belz sogar um über 35 Sekunden.

Nur sechs Europäer vor sich

Wanders katapultierte sich mit dieser Fabelzeit in der ewigen Europa-Bestenliste auf Rang 7 hinter so illustre Namen wie Mo Farah, Mohammed Mourhit, Antonio Pinto, Fernando Mamede, Fabian Roncero und Salvatore Antibo. Ausser Mo Farah sind sie alle ihre Bestzeiten vor der Jahrtausendwende gelaufen, die meisten sogar lange davor. Im Rennen, das Hagos Gebrhiwet in der Jahresweltbestzeit von 26:48,95 vor Selemon Barega und Yomif Kejelcha gewann, wurde der 23-jährige Genfer Neunter und qualifizierte sich auch über die längste Bahndistanz für die WM von Ende September in Doha. In der Jahresweltbestenliste belegte er ebenfalls einen Top-Ten-Platz: Er ist Neunter.

Wanders ist in diesem Jahr noch kaum ein Rennen gelaufen, in dem ihm nicht eine persönliche Bestzeit, ein nationaler Rekord, ein Europa- oder sogar Weltrekord gelungen wäre. Über 10'000 m steigerte er sich mit neuem und grossem Selbstvertrauen auf der Bahn innerhalb eines Jahres um 50 Sekunden – eine kleine Weltreise. In Oslo war er im vergangenen Jahr 28:07,15 gelaufen. Dass er schon vor zwölf Monaten läuferisch die Fähigkeit zu tieferen Zeiten gehabt hätte, scheint klar. Limitierender Faktor war die mentale Barriere, die sich aufbaute, sobald er zu einem Bahnrennen startete.

Am Ende der Saison der Weltrekordversuch

Dass die Äthiopier ihre Trials in den Niederlanden und nicht im eigenen Hochland durchführen, ist für den Schweizer zum Glücksfall geworden. Wieso sie das tun, erklärt der einstige Spitzenläufer und Global-Sports-Gründer Jos Hermens: «Wenn die WM wie jetzt in Doha oder 2017 in London mehr oder weniger auf Meereshöhe stattfindet, sollen auch die Trials auf dieser Höhe durchgeführt werden.» Würde wie früher in der Höhenlage von Addis Abeba auf rund 2300 Metern über Meer um die jeweils drei Startplätze gelaufen, «dann gewinnen andere als in Hengelo». In der Höhe seien die leichten Läuferinnen und Läufer bevorteilt. «Bekele, der einer der schwereren Läufer ist, hatte in der Höhe immer Mühe. Auf Meereshöhe aber war er dank seines kräftigeren Laufstils überragend», sagt er.

Wanders kann nun in Ruhe die WM-Vorbereitung in Angriff nehmen. Nach einem weiteren Trainingsblock in St. Moritz wird er noch in Bern (3. August) und an der SM in Basel (23./24. August) über kürzere Distanzen antreten. Danach wird er nach Kenia zurückkehren. Und auch auf Kipchoge treffen, bei dessen Marathon-Weltrekordversuch er wieder Pacemaker sein wird.

Erstellt: 17.07.2019, 21:37 Uhr

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