American Football

Auf Umwegen fand er das Glück

Von Winterthur nach Washington: Wie sich der frühere NLA-Trainer Evan Harrington den Traum von der NFL erfüllt.

Drei Jahre trainierte Harrington (Mitte) die Winterthur Warriors.

Drei Jahre trainierte Harrington (Mitte) die Winterthur Warriors. Bild: Manuel Aeberli (endzone.ch)

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Nach 19 Minuten ist er im Stadion. Etwas mehr braucht er, wenn es Stau hat, aber das ist nichts im Vergleich zu früher. Denn früher trennten ihn Welten von der grossen Bühne, von der weltberühmten National Football League. Jetzt ist er mittendrin. 12 Meilen liegen zwischen dem Elternhaus in Bowie und dem Fedex Field, dem Stadion der Washington Redskins. Heimat von 82000 Fans.

Von Winterthur nach Washington: Evan Harrington hat geschafft, wovon in den USA Millionen träumen und es doch niemals schaffen. Es nicht einmal in die Nähe schaffen. Gut, keiner in den USA träumt von Winterthur, aber von der NFL eben schon, und Harrington hat jetzt nun einmal diesen Umweg in seinem Lebenslauf. Einst war er ein respektabler Hochschulfootballer, spielte später in Kanada, kam nach Europa – und übernahm 2016 als Cheftrainer die Warriors in der Nationalliga A.

Nun ist er zurück in Amerika, die Redskins haben Harrington auf diese Saison hin als Assistant Director of Player Engagement verpflichtet. Er wird im Stadion an der Seitenlinie stehen, wenn Washington zum Saisonauftakt am Sonntag bei den Philadelphia Eagles spielt. «Ich finde keine Worte, um zu beschreiben, wie gross meine Vorfreude ist», sagt er. «Die Redskins sind eine Mannschaft mit langer Tradition, ich bin in der Nähe meiner Familie. Ich bin überglücklich.»

Ein Auge auf die Offensive

In den letzten Monaten war der 30-Jährige stark gefordert. «Meine Aufgabe war es, die Neulinge im ­Kader an das Leben eines Profis heranzuführen», erklärt er. Seit Mai stiessen immer mehr Hochschulabgänger zu den Redskins, zuletzt umfasste das Kader 90 Spieler. Harrington kümmerte sich um deren Wohnungen, Transporte und Pässe, ausserdem assistierte er dem Trainer­staff, die Offensive auf die Saison vorzubereiten. Für die internen Analysen hält er jeden einzelnen Angriffsspielzug fest.

Nach seinen Jahren als Highschool-Footballer studierte Harrington an der University of ­Colorado in den fernen Rocky Mountains. Er spielte als Runningback für das College-Team und zog nach seinem Abschluss 2011 das Interesse der San Diego Chargers auf sich. Er durfte am Trainingslager teilnehmen, wurde aber noch vor der Saison ausgemustert – unter Vertrag nahmen ihn dann die Edmonton Eskimos aus der Canadian Football League. Es nicht früher in die NFL geschafft zu haben, bedauert er nicht. «Ich war für einige Zeit Teil eines NFL-Teams. Die meisten Menschen können das nicht von sich behaupten», sagt er.

Nach seinem Engagement in Kanada kam Harrington in die Schweiz, wurde als Spieler in der Offensive und Defensive mit den Gladiators beider Basel Schweizer Meister, zog weiter nach Frankfurt, gewann auch mit Galaxy den Titel – ehe sich 2015 die Winterthur Warriors an ihn erinnerten. Er beendete seine Karriere mit 27 und erklärte: «Es ist Zeit, den nächsten Schritt zu machen.» Bis 2018 blieb Harrington in Winterthur, und heute sagt er: «Diese drei Jahre sind von unschätzbarem Wert für mich. Ich konnte meine Trainerfähigkeiten schleifen und Spieler entwickeln. Ich habe zudem gelernt, Spieler mit ganz unterschiedlichem Hintergrund zu führen.»

Noch extremer war dies, als er danach kurzzeitig am Independence Community College im Bundesstaat Kansas trainierte. An dieser kleinen Universität, porträtiert in der eindrücklichen Netflix-Dokumentation «Last Chance U», erhalten verhaltensauffällige und sonst schwierige Nachwuchsspieler eine letzte Chance, ihren Traum von der Profikarriere doch noch zu verwirklichen. Harrington half ihnen dabei – musste mal einfühlend sein und mal hart.

In der Schweiz lernte Harrington zudem seine heutige Frau kennen, eine Schweizerin. Das Paar hat mittlerweile zwei Söhne, die daheim in Maryland zweisprachig aufgezogen werden. «Denn wir reisen so oft wie möglich zurück in die Schweiz, sie sollen deshalb beide Sprachen können», erklärt Harrington.

Er fördert Schweizer Spieler

2016 gründete er das Unternehmen «Europe’s Elite» mit dem Ziel, vermehrt europäische Footballer so weit zu fördern, dass sie Kandidaten sind für Stipendien der US-Hochschulen. Schliesslich gilt in der Regel: ohne College keine NFL-Karriere. Erst vor einem Jahr schaffte es mit dem Briten Efe Obada erstmals ein Europäer, aus einer europäischen (Amateur-)Liga kommend direkt in der NFL zu debütieren. Er wurde gleich bei seinem Debüt zum Verteidiger der Woche ausgezeichnet.

Auch Schweizer hat Harrington schon ins Programm von «Europe’s Elite» aufgenommen, etwa spielen die Zürcher Ibrahima Suso, Josh Meier, Alain Schärer und Steven Mueller an US-Colleges – Letzterer sogar als Quarterback. In die NFL hat es bislang jedoch kein Schweizer geschafft, sieht man von Olivier Vernon ab, dem Verteidiger der Cleveland Browns, dessen Mutter aus St. Gallen und Vater aus Jamaika stammt.

Erstellt: 05.09.2019, 17:59 Uhr

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