Lacrosse-Spielerin Vera Pfeiffer

Ein «Kampfzwerg» mit Ausdauer

Vera Pfeiffer tanzt auf vielen Hochzeiten: Als Absolventin der ZHAW School of Engineering und als Lacrosse-Spielerin für zwei Clubs und die Nationalmannschaft, die vor der EM in Israel steht.

Lacrosse ist eine dynamische Sportart. Vera Pfeiffer (vorne) bringt dafür die nötige Schnelligkeit und Übersicht mit.

Lacrosse ist eine dynamische Sportart. Vera Pfeiffer (vorne) bringt dafür die nötige Schnelligkeit und Übersicht mit. Bild: zvg.

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Ein typisches Wochenende von Vera Pfeiffer: Am Freitagabend Reise von Winterthur nach Freiburg im Breisgau, um mit der deutschen Mannschaft am frühen Samstagmorgen um 5 Uhr nach Bayreuth, Kaiserslautern oder Saarbrücken aufzubrechen. Dort werden zwei Spiele absolviert und anschliessend die Rückfahrt im Car mit Ankunft um drei Uhr morgens. «Vorlesungen, lernen, Lacrosse spielen und etwas schlafen, das ist im Moment mein Leben», erklärt die 29-jährige Studentin der Verkehrssysteme. Letzte Woche hat sie ihre Bachelorarbeit abgegeben, Mitte Juli findet die Diplomfeier statt – einen Tag vor der Abreise mit der Nationalmannschaft an die EM in Israel. «Im Moment kann ich das machen, weil ich alles selber einteilen kann. Wenn ich wieder arbeite, wird es schwieriger», sagt die gelernte Automatikerin.

«Vorlesungen, 
lernen, Lacrosse spielen und 
etwas schlafen. 
Das ist im Moment 
mein Leben.»
Vera Pfeiffer

Lacrosse, der Sport, der aussieht wie ein Ballspiel mit Schmetterlingsnetzen auf Fussballfeldern mit Eishockeytoren (siehe Kasten), ist in der Schweiz eine Randsportart. Deshalb ist der Aufwand für eine Spielerin wie Pfeiffer gross. Ihr Stammclub sind die Zurich Lions. Dazu spielt und trainiert sie auch in Konstanz und mit der Nationalmannschaft. Mit den Zurich Lions wurde sie dieses Jahr Schweizer Meisterin, dank einem dramatischen 7:6-Sieg im Final gegen Wettingen.

In der Doppelrolle

Bei Zürich ist sie Torhüterin, «weil es da jemanden brauchte und weil organisieren und kommunizieren zu meinen Stärken gehören.» Gefragt sind diese Eigenschaften auch bei Verteidigerinnen. Und weil sie im Nationalteam eher Chancen auf Einsätze als Verteidigerin sah, ergriff Pfeiffer die Gelegenheit, mit den Konstanz Seagulls in der zweithöchsten deutschen Liga zu spielen. «Dort ist das Niveau etwas höher als in der Schweiz.»

Lacrosse spielen kann man in der Schweiz nicht an jeder Ecke. In der Liga der Männer gibts acht Teams, bei den Frauen sechs. Mit Ausnahme von Fribourg sind alle in der Deutschschweiz zu Hause. Vera Pfeiffer bezeichnet sich als «Bewegungsmensch». Sie war als Kind im Ballett, mit 16 war sie schon Skilehrerin. Sie spielte Handball und Rugby und stiess vor fünf Jahren als Leiterin in einem Sportferienlager auf Lacrosse. «Es hat mich von Anfang an gepackt», beschreibt sie diese Zeit, umso mehr, als sie ein Jahr später in Kanada weilte, wo Lacrosse herkommt. Wieder zurück in der Heimat, wurde sie nach einem Tryout fürs Schweizer Nationalteam selektioniert. Wegen einer Meniskusverletzung musste sie die WM 2017 indes abschreiben.

Im Juli an die EM

Seit dem letzten Dezember weiss Vera Pfeiffer aber, dass sie an der EM 2019 teilnehmen kann, denn sie gehört zur ersten Hälfte des Teams, die damals schon selektioniert wurde. Als Verteidigerin eben, obwohl sie mit 1,62 Metern Grösse und 56 Kilogramm Gewicht dafür nicht die Idealmasse hat. Aber sie ist schnell und hat das dafür nötige Naturell. «Ich bin ein ‹Kampfzwerg›», sagt sie mit einem Lachen über sich selber, gestählt vor allem durch die harten Turniere in Deutschland und Holland im Sommer, zwischen den Meisterschaftsterminen. Diese Zeit geniesst sie, «denn überall, wo Lacrosse gespielt wird, hat man eine Familie». Weil sie vorher schon Mannschaftssportarten betrieben hat, ist das Lesen des Spiels eine ihrer Stärken. «Es hilft extrem», denkt sie.

An der EM in Israel spielt Pfeiffer mit dem Nationalteam im Pool BET, der zweithöchsten Klasse. Zweite müssen die Schweizerinnen gegen Holland, Lettland, Norwegen und Italien werden, damit sie um den Aufstieg spielen können. Favorit auf den EM-Titel sind die Engländerinnen, die mit Wales, Irland, Deutschland und Israel im Pool 1 spielen. Viele dieser Teams haben US-Amerikanerinnen mit europäischen Wurzeln in der Mannschaft. Die Schweizerinnen verzichten darauf. «Das bringt der Liga und dem Sport nichts», erklärt Pfeiffer entschieden. Wer in der Nationalmannschaft spielen will, muss zweimal pro Monat die gemeinsamen Trainings besuchen. An Know-how, Fitness und Spielverständnis fehlt es ihren Teamkolleginnen nicht, glaubt die Winterthurerin. «Unser Problem sind die Stick-Skills», also die technischen Fähigkeiten im Umgang mit dem Hartgummiball und den Schlägern.

Probleme in Winterthur

Und in Zukunft? Vera Pfeiffer hofft, irgendwann in Winterthur Lacrosse spielen zu können. Der Verein Winterthur Lacrosse ist letztes Jahr gegründet worden. Das Problem bestand bisher allerdings darin, einen Platz für Trainings und Spiele zu finden. «Wir haben einige Spielerinnen und Spieler aus Winterthur, die aber in Zürich spielen, weil wir in Winterthur keinen Platz haben. Umgekehrt bekommt man keinen Platz, wenn man zu wenig Spieler hat», erklärt Pfeiffer den Teufelskreis. Dafür aber lassen sich gewiss Lösungen finden. Sonst würde in Winterthur nicht Unihockey, Rugby oder American Football gespielt – alles Sportarten, die hier einst als exotisch galten, mittlerweile aus dem Sportgeschehen der Stadt jedoch nicht mehr wegzudenken sind.

Erstellt: 13.06.2019, 17:49 Uhr

Indianische Wurzeln

Lacrosse hat Wurzeln bei den Indianern in Gebieten, die heute zu Kanada und den USA gehören. Erstmals schriftlich erwähnt wurde das Spiel im 17. Jahrhundert. In Montreal wurde Mitte des 19. Jahrhundert der erste Club gegründet. Über England kam das Spiel in den Commonwealth, nach Australien und Neuseeland. 1904 und 1908 war die Sportart gar olympisch, ehe sie in der Versenkung verschwand. Einen Aufschwung, der bis heute anhält, gab es mit der Gründung der National Lacrosse League 1987 in den USA und Kanada. Seit 1994 ist Lacrosse offiziell eine Nationalsportart Kanadas.

Gespielt wird outdoor auf einem Platz von der Grösse eines Football- oder eben Fussballfelds mit Toren (1,83 mal 1,83 m), die wie im Eishockey vor der Grundlinie stehen, und mit je zehn Spielerinnen oder Spielern. Der Schläger, «La Crosse» eben, ist bei den Frauen für alle gleich lang, bei den Männern wird je nach Position variiert. Am Schlägerkopf ist ein Netz oder «Pocket» befestigt, mit dem man passen und schiessen kann. Bei den Männern ist Lacrosse ein Kontaktsport. Erforderlich sind Helme, Mundschutz und Oberkörperprotektoren ähnlich wie im Eishockey. Bei den Frauen ist Körperkontakt eigentlich nicht erlaubt. Ganz körperlos ist der Sport trotzdem nicht. Ein grosser blauer Fleck am Oberarm von Vera Pfeiffer zeugt davon. (uk)

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