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Mit Leistung auffallen

Die beidseitig am Unterschenkel amputierte Sprinterin Abassia Rahmani startet an der WM in London trotz einer längeren Verletzungspause über 100 m, 200 m und 400 m.

Abassia Rahmani musste sich 2009 beide Unterschenkel amputieren lassen.
Abassia Rahmani musste sich 2009 beide Unterschenkel amputieren lassen.
Swiss Paralympic

Luana Bergamin, Leiterin Sport & Entwicklung bei Plu­sport Behindertensport Schweiz, geriet Anfang Saison bei den Trainings­leistungen von Abassia Rahmani (Wila) ins Schwärmen. An den Paralympics in Rio 2016 hatte die beidseitig unterschenkelamputierte Sprinterin als Vierte über 200 m für eine mitt­le­re Sensation gesorgt. Die Aufholjagd auf der Zielgeraden war das Beste, was eine stehende Athletin in der Geschichte des Schweizer Behindertensports je geboten hatte. «Abassia läuft stärker als in Rio. Auch über 400 m sind klare Fortschritte erkennbar», stellte Bergamin zufrieden fest.Wenige Tage später sah alles anders aus. Abassia Rahmani zog sich im Training eine Knieverletzung zu. Bedeutete: An Krücken hum­peln, statt auf Karbon-Blades sprinten. Am 13. Mai wollte die Winterthurer Sportlerin des Jahres 2016 beim SVM-Meeting auf dem Deutweg über 400 m eine Kostprobe ihres Stehvermögens abgeben. Stattdessen half sie im Rechnungsbüro mit. Schon vor zwei Monaten schaute sie aber optimistisch nach vorne: «Ich hoffe, dass der Formaufbau bis zur WM klappt und allenfalls auch selektioniert werde, sollte ich die Richtlinien nicht zu 100 Prozent erfüllen.»

400 m als Paradedisziplin?

Klar war für sie schon damals: Nur dabei statt mittendrin zu sein, das kam nicht infrage. Entweder Finalchancen haben oder für die WM Forfait erklären. Die Testwettkämpfe in Nottwil vom 4. Juli und am Meeting in Luzern am Tag vor dem Abflug: Das Knie bzw. der Stumpf hielten der Belastung stand. «Alles klar. Ich starte an der WM wie geplant über 100 m, 200 m und 400 m. Die jeweilige Final-Qualifikation», so Rahmani, «bleibt das primäre Ziel.» Noch fehlten ihr einige Prozent bis zur (Hoch-)Form von Rio, aber Motivation, Ehrgeiz und Wille passten, ist Luana Bergamin überzeugt.

«Es wird schwierig»

Sportlich hat sich für die Zürcher Oberländerin, die mit einem 70-Prozent-Pensum als Kauffrau in Fehraltorf arbeitet, während der letzten Monate einiges geändert. So sind die 100 m in den Hintergrund gerückt. Auf der Kurzdistanz handeln sich Athletinnen wie Abassia Rahmani am Start mit zwei Prothesen gegenüber den «einbeinigen» Konkurrentinnen zu viel Rückstand ein. Haben sie Tempo aufgenommen, können sich die federnden «Stelzen» als Vorteil erweisen. «Meine Chancen auf einen Spitzenplatz über 200 m und 400 m sind deshalb grösser als auf der Kurzdistanz.» Trotz der höheren Belastung durch die Schläge auf den «Stumpf» könnte die Stadionrunde zur neuen Paradedisziplin werden.

«Überstehe ich die Vorrunde, sollte es möglich sein, in die Nähe der Podestplätze zu laufen.»

Abassia Rahmani

Am Sonntag beginnen die Einsätze für Abassia Rahmani mit dem 400-m-Final. «Überstehe ich die Vorrunde, sollte es möglich sein, in die Nähe der Podestplätze zu laufen. Aber es wird nach der keineswegs optimal verlaufenen Vorbereitung schwierig», glaubt sie vor ihrem ersten Einsatz im Olympiastadion von 2012. Die beim LV Winterthur von Georg Pfarrwaller trainierte Vereinskollegin des Embrachers Philipp Handler weiss: Das zweite Jahr, die Bestätigung nach dem rasanten Aufstieg in die Welt­elite, wird nicht einfach.

Schwierige Rolle als Hoffnungsträgerin

Und sie muss sich in ihrer ­Rolle als Hoffnungsträgerin für den Schweizer Behindertensport erst zurechtfinden. Glanz und Gloria wegen ihrer (medienwirksamen) Behinderung mag sie auch ein Jahr nach Rio nicht. Sie drückt sich ähnlich aus wie Triathlon-Olympiasiegerin Nicola Spirig. Die Leistungen und nicht das Drumherum müssten für die Berichterstattung entscheidend sein. «Ich möchte dem Behindertensport durch meine Resultate zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen und nicht wegen des Handicaps», betont Rahmani.

Als Zuschauerin beim Rollstuhlmeeting «Weltklasse am See» in Arbon hatte sie festgestellt: «Ohne Stelzen erkennt mich bisher selbst in der Szene kaum jemand.» Die bisherigen Erfolge reichten demnach noch nicht. Nach London könnte sich dies ändern.

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