«Viele setzen nicht mehr auf mich»

Ronnie Schildknecht prägte den Ironman Switzerland. Bei der Derniere in Zürich will er am Sonntag den letzten Sieg.

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Irgendwann verschwimmen die Erfolge. Ronnie Schildknecht ist keiner dieser Athleten, die aus dem Stegreif aufzählen können, welche Farbe ihre Schuhbändel hatten und wie warm das Wasser war bei ihren Siegen. Das ist durchaus nachvollziehbar: Bei neun Siegen auf der Zürcher Landiwiese vermischen sich die Erinnerungen. Im Gespräch kommen die Erinnerungen aber nach und nach zurück.

Am Sonntag um 7 Uhr stürzt sich der 39-Jährige letztmals für die 3,8 Kilometer Schwimmen in den Zürichsee, gefolgt von 180 Rad- und 42 Laufkilometern. An Schildknecht liegt es nicht, dass es das letzte Mal ist – er plant auch noch mit der Saison 2020. Doch der Ironman Switzerland zieht weiter. Ab 2020 findet der Langdistanztriathlon in Thun statt.

Darum blickt Schildknecht auf das Rennen zurück, das er prägte wie kein Zweiter – und das seine Karriere prägte wie kein anderes.

Sie bestreiten zum 16. Mal den Ironman Switzerland. Gibt es eine Stelle unterwegs, an der Sie jeweils spüren, ob es ein guter Tag wird?
Die Radstrecke folgt ja erst dem Seeufer. Wenn es dann in Feldbach nach knapp 30 Kilometern erstmals hochgeht, merke ich gleich, ob die Watt mühelos kommen. Wenn sich das easy anfühlt, ist es gut.

2002 absolvierten Sie in Florida erstmals einen Ironman, wurden auf Anhieb Siebter. Wie waren Ihre Anfänge in Zürich?
Sehr durchzogen. 2003 wurde ich bei meinem ersten Start Achter bei den Profis (in 9:07 Std., die Red.). Im Jahr darauf gab ich auf der Radstrecke auf. Ich hatte, Anfängerfehler, zu viel getrunken. 2005 hatte ich schwer zu kämpfen, schon auf dem Velo, aber ich finishte. (Rang 206, 10:22 Std./Marathon 4:22).

«Ich zweifelte in jenen Jahren sehr.»

Da deutete noch nichts darauf hin, dass sich da ein Rekordsieger entwickelt.
Ich zweifelte in jenen Jahren sehr. Ich war zwar schon Profi, aber gerade nach 2005 hing meine Karriere an einem seidenen Faden. Ich wurde immer noch von meinen Eltern unterstützt. Mein Vater sagte mir damals: «Jetzt musst du langsam mal ein gutes Resultat erzielen.» Zumindest im Duathlon hatte ich diese.

2006 folgte die Wende, Sie wurden Fünfter, 2007 kam der erste Sieg. Wie fühlt es sich an, den Ironman Switzerland zu gewinnen?
Ich war nicht in jenes Rennen reingegangen, um es zu gewinnen. Ich konnte nicht glauben, dass ich das geschafft hatte. Ich war überwältigt, es war fast surreal.

Und dann ging es einfach immer so weiter. Umschreiben Sie jeden Ihrer Siege so knapp wie möglich: 2007?
Die Überraschung.

2008?
Die Bestätigung.

2009?
Jetzt ist es eine Serie – nun war ich «the man to beat».

2010?
Der Höllenritt: Es regnete, ich stürzte auf der Radstrecke – und fuhr in 4:29 Stunden trotzdem eine sehr schnelle Abschnittszeit. Mit durchschnittlich 320 Watt.

2011?
Erstmals wendete ich das Rennen auf dem Marathon.

2012?
Wieder so: «Ronnie der starke Velofahrer» hatte sich in «Ronnie der Läufer» verwandelt.

2013?
Die Hitzeschlacht. Ich hatte Krämpfe auf dem Velo, Jan van Berkel überholte mich. Auf dem Marathon brach er zusammen und ich lief den Sieg heim.

2014 verzichteten Sie auf einen Start, kehrten dann 2015 siegreich zurück.
Das war ein Sieg nach Plan. Erst bei Kilometer 30 auf dem Marathon übernahm ich die Führung.

2016?
Das war noch einmal ein dominanter Sieg. Ich wechselte mit Timo Bracht und Jan aufs Laufen – und brachte den Sieg von vorne nach Hause.

«Nie, nie hätte ich gedacht, dass ich da auch einmal mitmachen würde.»

Der schönste Sieg?
Ich kann mich an eine Situation erinnern, es war 2008, mit Stefan Riesen. Ich hatte einen grossen Vorsprung, war auf der Schlussrunde, er musste noch eine: Wir kreuzten uns und klatschten uns ab. Dieser Moment –wir hatten im Training so viele Stunden miteinander verbracht. Zudem war mir auf dem Weg zu jenem Sieg ein sehr schneller Bikesplit geglückt (4:27h).

Was inspirierte Sie überhaupt zum Ironman-Triathlon?
Die erste Austragung in Zürich 1997, als Pierre-Alain Frossard gewann. Ich hatte am Vortag auf der Kurzdistanz mitgemacht, knapp «überlebt» und war Zweitletzter geworden. Am Sonntag sah ich dann, wie sie neun Stunden in der Hitze unterwegs waren. Verrückt. Nie, nie hätte ich gedacht, dass ich da auch einmal mitmachen würde.

Welche Ratschläge erhielten Sie vor Ihrem ersten Ironman in Zürich?
Mir half Stefan Riesen viel, wir waren zusammen im EKZ-Team und trainierten oft zusammen. Ich guckte mir viel von ihm ab: Vor allem sein entspanntes Wesen – und dass unser Sport nicht so kompliziert ist: Swim, Bike, Run, Essen, Schlafen – fertig.

Warum wird 2019 noch einmal ein guter Tag?
Weil die letzten sechs Wochen Training perfekt waren. Wenn ich sie mit allen Zürich-Vorbereitungen vergleiche, die ich je gemacht habe, gehört diese zu den Top 3.

Wie viele Ihrer Leistungen bei den neun Siegen würden am Sonntag erneut reichen?
Sicher jene von 2010 und 2016. Dazu muss ich aber auch sagen: Ich wurde nicht in jedem Jahr voll gefordert, manchmal wäre es ­sicher noch schneller gegangen, musste es aber nicht. Aber klar: Es ist schwieriger geworden, zu gewinnen.

Dann braucht es beim Abschluss eine grössere Leistung, um zu gewinnen? Die Zürcher Konkurrenz mit Van Berkel, Sven Riederer und Ruedi Wild ist gross.
Überhaupt nicht. Es braucht nicht eine grössere, sondern eine optimale Leistung. Du darfst nur das machen, was du kannst. Klar kann man auf den letzten 20 Marathon-Kilometern etwas riskieren. Aber nur, wenn es bis dahin optimal lief.

Apropos optimal: Sie wechselten auf diese Saison Trainer und Velomarke. Was bringt einen dazu, mit 39 Jahren alles über den Haufen zu werfen?
Ich brauchte einen neuen Reiz, hatte mir davor die Sinnfrage gestellt. Ich mache, was mich motiviert, und nicht immer, was das Schlauste ist. Es war ein Bauchentscheid, fühlte sich richtig an. Ich fällte ihn im Dezember innert einer Woche.

Sie haben zwei schwierige Jahre hinter sich, 2017 gaben Sie in Zürich auf, 2018 wurden Sie Fünfter, auf Hawaii lief es auch nicht wie gewünscht. Warum gewinnen Sie zum Abschluss in Zürich trotzdem zum 10. Mal?
Mir ist bewusst: Viele setzen nicht mehr auf mich. Wohl 80 Prozent der Leute sagen, ich würde es nicht schaffen. Zu Recht auch, nach meinen Resultaten. Aber ich bin sicher: Ich werde ein paar Leute überraschen. Und vielleicht sogar die Jungs –Jan, Sven und Ruedi. Wobei: Sie sind wohl eher darauf gefasst –sie kennen mich.



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Erstellt: 20.07.2019, 22:20 Uhr

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