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Wenn die eigene Mutter erschrickt

Tränen, Streit und Fluchwörter – in der preisgekrönten TV-Dokumentation «Hard Knocks» nähern sich Kamerateams den NFL-Mannschaften bis in die intimsten Bereiche.

Die Cleveland Browns mit Quarterback Baker Mayfield: Im Trainingslager arbeiten sie an einem Neuanfang – unter steter Beobachtung der TV-Kameras. Foto: Frank Jansky (Getty Images)
Die Cleveland Browns mit Quarterback Baker Mayfield: Im Trainingslager arbeiten sie an einem Neuanfang – unter steter Beobachtung der TV-Kameras. Foto: Frank Jansky (Getty Images)

Schwer fällt die Tür ins Schloss, und dann herrscht dicke Luft. «Welchen Teil der Regel hast du nicht verstanden?», fragt der Trainer seinen Spieler, doch fertig ist er damit noch nicht. Er beschwört ihn weiter: «Ich dachte, ich hätte klargemacht, was wir tun und was wir nicht tun. Es gibt ein paar Regeln bei uns, und die sind eigentlich wirklich nicht so schwierig.»

Danach sagt er so langsam, als wollte er noch extra zusätzliche Spannung aufbauen: «Ich werde dich entlassen.» Der Spieler schluckt leer, der Zuschauer hält den Atem an, und der Trainer stellt sich im Türrahmen auf, um sicherzustellen, dass der Spieler auch tatsächlich geht.

Zu sehen war diese Szene am Fernsehen, doch sie war echt: als Teil der Dokumentationsserie «Hard Knocks». Produziert wird das Format vom Pay-TV-Kanal HBO und der National Football League (NFL). «Hard Knocks» wird jedes Jahr während des fünfwöchigen Trainingslagers eines NFL-Teams gedreht und in 5 Folgen à 45 Minuten gesendet. Die Nähe der Kameraleute zu Spielern und Trainern ist eindrücklich, weil die Teams als Franchisen der NFL sich einer Teilnahme nicht verwehren können.

Der Trainer sagt: «Ich werde dich entlassen.» Der Spieler schluckt leer.

Bevor in knapp einem Monat die neue Saison beginnt, läuft gegenwärtig die 13. Staffel, mit den Cleveland Browns diesmal. Auch im deutschsprachigen Raum: Ab 2. September ist «Hard Knocks» auf dem Spartensender Prosieben Maxx zu sehen.

Dass die Browns ausgewählt wurden, entspricht dem Konzept: Das porträtierte Team muss im Vorjahr erfolglos gewesen sein und vor einem Neubeginn stehen. Die Dauerverlierer aus der Stadt am Eriesee haben 2017 keines ihrer 16 Saisonspiele gewonnen und gerade mal 4 ihrer letzten 48. Mit starken Zuzügen im Draftverfahren und auf dem Transfermarkt nährten sie aber die Hoffnung auf Linderung der Qualen. Nun sollen die intimen Einblicke zeigen, ob der harte Trainingsalltag fruchtet.

Die erste Folge widmet sich auch den Schicksalsschlägen von Trainer Hue Jackson: Dieser verlor im Juli innerhalb weniger Tage seinen Bruder und seine Mutter. Man hört ihn mit seiner Schwester telefonieren und dabei weinen, und in einer emotionalen Ansprache weiht er seine Mannschaft ein. Er erinnert, wie wichtig ein Team als Familie und Bruderschaft sei.

Im europäischen Fussball ist so eine Nähe undenkbar

Je intimer die Einblicke, desto spannender ist «Hard Knocks». So erfuhr 2012 Miami-Verteidiger Vontae Davis vor laufender Kamera, dass er eben nach Indianapolis verkauft worden war. Nach einer kurzen Denkpause sagte er, er würde nun gerne seine Grossmutter anrufen. Die Kamerateams begleiten die Spieler zwischendurch auch auf privaten Ausflügen, zum Fischen etwa, Bowlen oder Einkaufen. Einmal gestand ein Spieler, er glaube an die Existenz von Meerjungfrauen und Dinosauriern.

Interessant sind Teamansprachen, dramatisch interne Animositäten. Und faszinierend, wenn die harte Hand gefragt ist. Wie eingangs beschrieben: als Jeff Fisher, Trainer der Los Angeles Rams, Probespieler Deon Long entlässt, nachdem dieser nachts noch Besuch im Trainingslager empfangen hat. Die Folgen dieser öffentlichen Degradierung aus der Staffel von 2016 hallen bis heute nach: Passempfänger Long ist nie im fixen Kader eines Teams untergekommen. Er ist27 und spielt derzeit in Kanada für eine Handvoll Dollar.

Legendär ist auch die Besprechung von Bill O’Brien mit seinen Quarterbacks im Jahr 2015, in einer der besten Staffeln überhaupt: Der Trainer der Houston Texans erläuterte Brian Hoyer und Ryan Mallett, welchen der beiden er zur Nummer 1 gemacht hat. Keine zwei Minuten dauerte die Ansage O’Briens am TV: «Die bezahlen mich, damit ich Entscheidungen treffe. Du, Brian, bist unser Starter. Aber bist du auch Leader? Das musst du dir verdienen. Du musst Spiele mit den Houston Texans gewinnen. Wir halten dich nicht an der kurzen Leine, aber wir werden auch nicht acht Spiele lang zuschauen, wenn es nicht läuft. Und von dir, Ryan, erwarte ich, dass du dich wie ein Profi verhältst.»

Hier sind die Clubs auf ein möglichst faltenfreies Image bedacht.

Der Trainer stand auf und liess das Duo schweigend im Raum zurück. Tags darauf verschlief Mallett das Training – und nach einer Startniederlage war Hoyer ab dem zweiten Spieltag seinen Platz los.

Die Nähe des TV-Teams zur Mannschaft ist fürs europäische Publikum aussergewöhnlich, gerade im Vergleich zum Fussball. Hier sind die Clubs auf ein möglichst faltenfreies Image bedacht und lassen sich kaum je auf ein Experiment wie dieses ein.

Auf Stufe Nationalmannschaft funktionierte das in der Vergangenheit hingegen schon: Mit «Les Yeux dans les Bleus» (1998) oder «Deutschland. Ein Sommermärchen» (2006) gibt es preisgekrönte Beispiele. Für ­seine Serie «Morgen sind wir Champions» begleitet wiederum das Schweizer Fernsehen Junioren-Nationalspielerinnen und -spieler.

Auch in den USA hat «Hard Knocks» Schule gemacht. Der Streamingdienst Amazon drehte mit «All or Nothing» ein ähnliches Format mit den Arizona Cardinals, und in «Last Chance U» porträtiert Netflix schwer trainierbare Collegestudenten mit problembeladener Vergangenheit auf ihrem steilstmöglichen Weg in eine bessere Schule und schliesslich die NFL. Die Serie ist beliebt, im Juli ist schon die ­dritte Staffel der lebensnahen Dokumentation angelaufen.

«Immer ein Mikrofon – daran gewöhnt man sich nicht»

Bei den Akteuren der NFL ist die Resonanz auf «Hard Knocks» ­gespalten. Houston-Trainer O’Brien, dessen Popularität nach dem Auftritt anstieg, nannte die Serie «ein spannendes Projekt» und lobte die Zusammenarbeit mit den Drehteams. Trotzdem ist er ein Kritiker. «Ich könnte das anderen Teams oder Coachs nicht empfehlen», sagte er. «Die ganze Zeit ein Mikrofon zu tragen, daran gewöhnt man sich als Trainer nicht. Es ist auch nicht unproblematisch, wenn Konversationen von einer halben Stunde der Dramaturgie wegen auf zwei Minuten zusammengekürzt werden.» Er sprach damit die Szene mit seinen beiden Quarterbacks an.

Auch Rams-Coach Jeff Fisher erlangte durch seinen Auftritt in der Serie eine gewisse Beliebtheit – weniger aus sportlichen Gründen allerdings. Er benützt auf dem Platz und in den Meetings bemerkenswert oft das f-Wort. Doch allen voran gefiel das seiner Mutter nicht. «Sie rief mich an und sagte ‹Jeffrey, was soll das?›. Und wenn ich ‹Jeffrey› höre, weiss ich, dass sie erschrocken ist», erzählte Fisher belustigt. «Aber was soll ich sagen? Das ist unsere Welt.»

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