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Als Gambier will er olympische Geschichte schreiben – im Eiskanal

Amadou Krubally kam als Flüchtling in die Schweiz und träumt jetzt davon, für sein Heimatland bei Olympia zu starten.

Amadou Krubally spielt Fussball und rennt die 100 Meter in 10,58 Sekunden. Doch im Skeleton-Anzug fühlt er sich am wohlsten. Foto: PD
Amadou Krubally spielt Fussball und rennt die 100 Meter in 10,58 Sekunden. Doch im Skeleton-Anzug fühlt er sich am wohlsten. Foto: PD

Seine Geschichte wäre ein Buch wert, das verfilmt werden könnte. Sie erinnert an «Cool Runnings», die bekannte Komödie über die erste jamaikanische Bobmannschaft, die 1988 an den Olympischen Winterspielen in Calgary an den Start ging. Nur sitzt Amadou Krubally nicht in einem Schlitten, sondern liegt auf einem. Als erster Gambier will er sich im Skeleton einen Olympiastartplatz erkämpfen. Und er setzt alles daran, um seinen Traum zu verwirklichen.

2013 hatte Krubally seine Heimat und seine grosse Familie (drei Schwestern, fünf Brüder) verlassen. Aufgrund seiner schwierigen privaten Situation – Armut und kaum Aussichten auf einen Job; Gambia zählt zu den ärmsten Ländern der Welt – sah er sich zur Flucht gezwungen. Wie viele andere Flüchtlinge riskierte der junge Mann sein Leben, um in einem kleinen Boot übers Mittelmeer nach Europa zu gelangen.

Das Schicksal war auch später auf seiner Seite. Krubally reiste im Zug von Italien nach Deutschland, um dort seinen Cousin zu besuchen. Unterwegs begegnete er einer Zürcherin, die beiden tauschten sich spontan aus und wurden ein Liebespaar. 2016 haben sie geheiratet, seither lebt Krubally mit seiner Frau in Zürich. Dem 27-Jährigen ist bewusst: «Ich hatte in vielerlei Hinsicht grosses Glück.»

Von der Tartanbahn aufs Eis

Um hier Fuss zu fassen und sich möglichst gut zu integrieren, trat er 2018 dem FC Erlenbach bei. «Schon als Bub spielte ich oft Fussball», sagt Krubally. Die in der 5. Liga spielende erste Mannschaft des Zürcher Vereins besteht zur einen Hälfte aus einheimischen Spielern und zur anderen aus jungen Flüchtlingen. Der Gambier ist Mittelstürmer. «Der, der die Tore schiesst», schmunzelt er. Doch wirds kühler, kommt Krubally, der inzwischen einen Teilzeitjob als Behindertenbetreuer hat und weiterhin die Integrationsschule besucht, kaum mehr zum Fussballspielen.

Denn er hat die Wintersportarten entdeckt. Zuerst das Skifahren – «das brachte mir mein Schwiegervater bei» – und dann Skeleton. Seine Sprintfähigkeiten haben ihn in den Eiskanal geführt. Neben Fussball trainiert Krubally in der Leichtathletikgruppe des TV Unterstrass. «10,58 Sekunden über 100 m ist meine Topzeit.» Seine Schnelligkeit beeindruckte Trainings­kollege und Skeleton-Athlet Max Goldmann. «Er lud mich zu einem Training auf die Anschubbahn in Dinhard bei Winterthur ein», schildert Krubally.

Wie es ist, auf dem Schlitten kopfvoran einen Eiskanal hinunterzuflitzen, erlebte der Gambier erst einige Wochen später. Er durfte das Schweizer Skeleton-Team nach Innsbruck begleiten. «Das Tempo und der Adrenalinschub» haben es Kru­bally angetan, obwohl die erste Fahrt «sehr abenteuerlich» war. Unterwegs dachte er mehrfach: «Warum mache ich das?» Mittlerweile stellt er sich diese Frage nicht mehr, sondern vielmehr, wie er noch schneller werden könnte.

«Um mir einen eigenen Anzug und Schlitten leisten zu können, arbeitete ich monatelang bei McDonald’s.»

Amadou Krubally

Nach seiner Premiere im Eiskanal sah sich Krubally mit seiner Frau «Cool Runnings» im TV an und will es nun den Jamai­kanern gleichtun. «Die Olympischen Winterspiele 2022 sind mein grosses Ziel», betont er. Und ihm schwebt bereits ein nächstes Projekt vor: «Ein Bobteam aus Gambia gründen und dieses als Pilot an die Winterspiele führen.»

Die meisten Leute reagieren erstaunt, wenn sie ihn am Eiskanal antreffen. Manchmal ernte er schräge Blicke. «Die meisten haben aber Freude, und einige wollen sogar Selfies mit mir machen», sagt Krubally stolz. Eine besondere Anekdote erlebte er während eines Trainings in Winterberg: «Ich war vor dem Start so nervös, dass ich vergass, den Helm anzuziehen.» Doch niemandem, nicht einmal dem Streckenaufseher, sei aufgefallen, dass er eine Fahrt ohne Kopfschutz absolvierte. «Weil meine Haare so schwarz wie mein Helm sind», schmunzelt er.

Sich alles hart abverdienen

In sein aktuelles Vorhaben investiert Krubally viel Zeit und Geld. «Um mir einen eigenen Anzug und einen eigenen Schlitten leisten zu können, arbeitete ich neben meinem Job monatelang bei McDonald’s.» Auch die Reisen nach Innsbruck, Königssee oder Winterberg, wo der Gambier jeweils trainiert, kosten einiges. Ein eigener Coach liegt nicht drin; Krubally versucht, seine Fahrfehler mit selbstständigem Videostudium zu korrigieren und sich so zu verbessern. Er bekommt zwar einen Trainer vom Internationalen Bob- und Skeleton-Verband gestellt (die IBSF fördert so kleine Nationen), muss sich diesen aber jeweils mit zehn Athleten aus anderen Ländern teilen.

Allein im Zielbereich: Beim Trainieren ist Amadou Krubally (27) meist auf sich selbst gestellt. (Bild: PD)
Allein im Zielbereich: Beim Trainieren ist Amadou Krubally (27) meist auf sich selbst gestellt. (Bild: PD)

Mit Unterstützung aus der Heimat ist nicht zu rechnen. Entweder haben seine Landsleute zu wenig Geld oder «können nichts spenden, weil sie keine Kreditkarte haben», begründet er. Und dass die Regierung eines Landes, in dem Wintersport allen fremd ist, einem Skeleton-Fahrer unter die Arme greift, ist unwahrscheinlich. So finanziert der Gambier, der im Sommer eine Ausbildung zum Apparateglasbläser beginnt, derzeit allesselber, um der Erfüllung seines Traums näherzukommen.

Im nächsten Winter will er im Intercontinental Cup starten und dann «hoffentlich möglichst bald» im Weltcup, denn über diesen führt die Olympiaqualifikation. «Dazu muss ich all die Rennbahnen und jede Kurve kennen lernen», sagt Krubally. Reisen nach Lettland, Russland oder China schweben ihm vor.

Doch wer weiss, vielleicht hat der Späteinsteiger das Schicksal wieder auf seiner Seite und findet einen Gönner. Einen, der bereit ist, den «Schwarzen im schwarzen Anzug» (so betitelt sich Krubally selbst) im Skeleton weiter- respektive bis an die Olympischen Spiele zu bringen.

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