Bei Feuz hört ihre Freundschaft auf

Die Servicemänner Sepp Kuppelwieser und Sepp Zanon sind Sandkastenfreunde – als Betreuer der weltbesten Abfahrer Beat Feuz und Dominik Paris aber auch erbitterte Konkurrenten.

Sepp Kuppelwieser (l.) wachst die Ski von Beat Feuz, Sepp Zanon jene von Dominik Paris.

Sepp Kuppelwieser (l.) wachst die Ski von Beat Feuz, Sepp Zanon jene von Dominik Paris. Bild: Jan Hetfleisch

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Doch, sie sprechen Deutsch. Man muss nur genau zuhören. Und ab und zu nachfragen. Sepp Kuppelwieser und Sepp Zanon, der eine Servicemann bei Head und verantwortlich für Beat Feuz, der ­andere bei Nordica in gleicher Funktion für Dominik Paris tätig, reden in ihrem kurligen Ultner Dialekt munter drauflos. Es handelt sich um eine der vielen ­Varianten des Südtirolerischen, und nach einer knappen Stunde hat der Zuhörer einiges gelernt: Eine «Gitsch» etwa ist eine unverheiratete Frau, als «Schwigel» wird ein Dummkopf bezeichnet, und «Fettsack» bedeutet in Ulten, einem der urtümlichsten Täler in Norditalien, tatsächlich Kumpel.

Zwei Kumpel, das sind die Sepps. Schon als Buben alberten sie zusammen herum, sassen nebeneinander im Schulzimmer. Später arbeiteten sie während zehn Jahren gemeinsam für Nordica, kümmerten sich um die besten Norweger. Und es war ausgerechnet Zanon, der seinem Copain den Job bei Head vermittelte. Beim Skifabrikanten hätte Zanon die Latten für Bode Miller wachsen sollen, doch auf den eigenwilligen Amerikaner hatte er keine Lust. Auch eine Offerte als Servicekraft für Feuz lag ihm vor, den damaligen Lausbuben Paris aber wollte er nicht im Stich lassen. Zanon sagte also ab – und griff zum Hörer. Umgehend berichtete er Kuppelwieser vom ­Angebot. «Es gab zwei Anrufe, und die Sache war geritzt», sagt Zanon. Statt den einen kriegte Feuz den anderen Sepp.

Mittendrin im Kugelkampf

Zanon ist also selbst schuld, hat er doch dem ärgsten Konkurrenten seines Fahrers unter die Arme gegriffen. Der Emmentaler Feuz und der Südtiroler Paris sind die Nummern 1 und 2 in der Königsdisziplin, der eine hat neun, der andere ein Dutzend Abfahrten gewonnen. Letzten Winter lieferten sie sich ein ­Privatduell bis zum Schluss, mit 20 Pünktchen Reserve gewann Feuz den Abfahrtsweltcup.

Und mittendrin im Kugelkampf waren Kuppelwieser und Zanon, die selbst am Abend vor dem Finalrennen noch ein Bier zusammen getrunken hatten. Keine 3000 Menschen leben in Ulten, «aber ausgerechnet wir zwei arbeiten für die beiden Besten der Welt. Das ist schon irrsinnig», sagt Kuppelwieser, der rund einen Kilometer entfernt von Zanon lebt und diesem indirekt die Erfolgsprämie verwehrte. «Wir sind beste Freunde», sagt Zanon schmunzelnd, «aber auch beste Feinde.»

Lange Tage in kargen Räumen: So sieht für Sepp Zanon der Alltag im Winter aus. Bild: Jan Hetfleisch

Immer wieder mal kommt es vor, dass der eine Sepp beim anderen vorbeifährt und etwas holt, das der andere vor der Abreise an ein Rennen vergessen hat. Spioniert aber wird im fremden Anwesen nicht, Geheimnisse bestehen durchaus. «Wir tauschen uns zwar aus. Welcher Wachs genommen wird und was wir über Schneebeschaffenheit und Wetterentwicklungen wissen, hat den anderen aber nichts anzugehen», sagt Zanon.

«Mache ich einen Mist, wirds für den Beat schwierig.»Feuz' Servicemann Kuppelwieser

Was geteilt wird, sind die Sorgen. Etwa die Sehnsucht nach Frau und Kindern. Den Winter hindurch sind die Servicemänner kaum einmal daheim; Kuppelwiesers jüngere Tochter ist erst acht, sie litt bis vor kurzem unter den Absenzen des Papas.

Die Tage sind oft lang, gearbeitet wird meist in kargen Räumen oder Containern mit kaum oder gar ohne Tageslicht. Beschweren aber tut sich keiner. «Wir brauchen keinen Luxus», sagt Kuppelwieser, der seinen Anteil an Feuz’ Erfolg nicht überbewerten will. Er sagt nur: «Mache ich einen Mist, wirds für den Beat schwierig.» Feuz seinerseits sagt: «Sepp wird nie hektisch, bleibt immer gelassen. Er schafft es, für jede Bedingung schnelle Ski zu präparieren.»

Sepp Kuppelwieser erhält wenig, dafür aber gezielte Rückmeldungen von Beat Feuz. Bild: Jan Hetfleisch

Eine Frage des Gefühls

Seit drei Jahrzehnten ist Kuppelwieser als Servicemann tätig. Quasi aus dem Nichts kam er dazu; ein Südtiroler Trainer bot ihm eine Stelle im Nachwuchs an, befreite ihn dafür vom Militärdienst. Neben jenem von Feuz kümmert sich der 50-Jährige auch ums Material des Zürchers Gilles Roulin. Zanon hingegen schaut nur zu den Latten von Paris. Wie die Servicemänner verstehen sich auch die zwei dominierenden Abfahrer gut, sie sind auch schon gemeinsam frei Ski fahren gegangen, wobei Feuz diesbezüglich eher von einem Après-Ski-Tag spricht.

Das Verhältnis zu den Athleten sei eng, sagen Kuppelwieser und Zanon. Letzterer spricht im Zusammenhang mit Paris von einem guten Freund, «dem ich aber problemlos und deutlich meine ­Meinung sagen kann». Laut wird es jedoch auch nach schlechten ­Rennen selten, anderswo hingegen würden schon mal die ­Fetzen fliegen. Zanon sagt: «Ich habe Serviceleute gesehen, die ausgerastet sind, weil der Fahrer eine Kurve verbockt hat.» Kuppelwieser und Feuz sind sich noch nie in die Haare geraten. «Kommt Beat in den Skiraum, sprechen wir über alles zusammen. Aber eigentlich nie über die Ski ...»

«Er hat ein unglaubliches Gespür.»Kuppelwieser über Feuz

Feuz ist nun mal kein Tüftler. Er gibt nach Fahrten wenig Rückmeldung. Und dass er in den Trainings wie gestern in Gröden kaum einmal ans Limit geht, macht es für Kuppelwieser nicht einfacher. «Für mich ist es schwierig abzuschätzen, ob es nur an ihm oder doch auch ein wenig am Ski lag.» Fast zehn Jahre lang betreute Kuppelwieser den vierfachen Olympiasieger Kjetil André Aamodt. Dieser habe wie ein Besessener trainiert, Feuz hingegen mache nur das Nötigste. «Aber er hat ein unglaubliches Gespür – auf dieses kann ich mich in der Regel beim Wachsen verlassen.»

Und für den Fall, dass es doch einmal Grund zur Kritik gibt, hat Kuppelwieser einen guten Plan. Er könnte Feuz dann ein paar ­typische Ultner Schimpfwörter an den Kopf hauen. Feuz würde sie ohnehin nicht verstehen.


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Erstellt: 20.12.2019, 08:26 Uhr

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