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Kilde und Jansrud müssen grosse Fussstapfen füllen

Die Norweger Kjetil Jansrud und Aleksander Kilde müssen nach dem Rücktritt von Aksel Svindal liefern. Sie können das, weil die Galionsfigur nie wichtig war im Team.

Die norwegischen Speedspezialisten Aleksander Kilde (l.) und Kjetil Jansrud. (Bild: freshfocus)
Die norwegischen Speedspezialisten Aleksander Kilde (l.) und Kjetil Jansrud. (Bild: freshfocus)

Der Star ist nicht mehr da. Aksel Svindal, zweifacher Olympiasieger, fünffacher Weltmeister, der Mann, der fast zwei Jahrzehnte lang voranschritt im norwegischen Speed-Team, hat sich an der WM in Are mit 36 und Silber in der Abfahrt verabschiedet aus dem Skizirkus. Zurückgeblieben sind sie: Kjetil Jansrud und Aleksander Kilde, 34 und 27. Sie müssen es nun richten als neue Leader in diesem Miniteam aus dem hohen Norden, das noch zu viert antritt zu den Abfahrten – so auch am Freitag in Bormio.

Es ist ein Tag Anfang Dezember, Saisonauftakt in Lake Louise. Die beiden sitzen auf einem Sofa im Teamhotel und reden über die Ära nach Svindal. Es ist früh im Gespräch, als Jansrud mit wenigen Worten all das sagt, was es heisst über diese Norweger, über ihren Zusammenhalt, ihre Philosophie. Er sagt: «Wir spüren schon, dass Aksel nicht mehr da ist, beim Mittagessen, beim Nachtessen, bei den Kartenspielen am Abend. Wir merken auch, dass Erfahrung fehlt, es war gut für alle, dass er dabei war. Aber sonst ist der Unterschied klein. Das Training geht weiter, wir machen weiter, das Ziel ist noch immer, Rennen zu gewinnen. Eigentlich ist fast egal, wer da ist.»

Es ging einer, der 80-mal auf einem Weltcup-Podest stand, der 36 Rennen gewann, der 16 Jahre lang an der Seite von Jansrud durch die Skiwelt reiste – und dieser findet das «fast egal». Es ist Ausdruck davon, was die Norweger von klein auf verinnerlichten: Der Einzelne ist nicht wichtig, alleine kommt keiner weiter. Vielleicht geht das noch bei den Technikern, wo mit Henrik Kristoffersen einer ausscherte und seinen eigenen Weg geht, kaum aber beim Abfahrtsteam.

Kjetil Jansrud muss nun ohne Aksel Svindal auskommen. (Bild: Keystone)
Kjetil Jansrud muss nun ohne Aksel Svindal auskommen. (Bild: Keystone)

Dort sind sie auf aufwendig präparierte Trainingsstrecken, gute Betreuung am Pistenrand, manchmal auch die Hilfe anderer Nationen und das Feedback der Teamkollegen angewiesen. Sie würden sich deshalb immer gegenseitig helfen, sagt Jansrud, oder in markigeren Worten: «Ich könnte sagen: Was Aleksander macht, ist mir scheissegal. Hat er keine Ahnung, was er tut, ist das gut für mich, weil ich besser dastehe. Doch ich sage ihm, woran er arbeiten kann. Denn ich weiss: Dann sagt er mir auch immer ehrlich, was er denkt. Wir gehen unsere Schritte gemeinsam.»

Bei vielen grossen Mannschaften, den Schweizern, den Österreichern, komme irgendwann der Punkt, an dem die Athleten nur noch auf sich schauen würden, sagt Jansrud, «käme es bei uns so weit, wäre das ganz schlimm. Ohne den Zusammenhalt können wir unseren Weg nicht gehen, an dessen Ende steht: Wir wollen die Besten sein.» Friede, Freude, Eierkuchen also bei den Norwegern rund um die Uhr? «Natürlich nicht», sagt Jansrud, «wir streiten auch, und das oft. Es ist wichtig, dass wir die Dinge ansprechen, die nicht stimmen. Dann klären wir das hinter verschlossener Tür und finden eine Lösung.» Und Kilde schiebt nach: «Wir haben zusammen ein Ziel. Ist etwas nicht gut genug, müssen wir handeln.»

Lächelnd in den Kampf

Offenheit, Ehrlichkeit, ein gemeinsames Ziel: Es wären bei anderen Teams nicht mehr als Floskeln. Die Norweger leben es. Wenn Jansrud sagt, dass sie sich gegenseitig freuen über gute Resultate, bleibt es nicht dabei, dann führt er es aus: «Es ist Ergebnis von alldem, was wir gemeinsam machen. Wir kämpfen im Training hart gegeneinander – aber immer mit einem Lächeln im Gesicht. Wir reden jeden Tag sehr viel miteinander, geben Dinge weiter. So trage ich einen Teil von Aleksander in mir, er einen Teil von mir, wir beide etwas von Aksel. Deshalb haben wir das Gefühl, auch am Erfolg des anderen beteiligt zu sein.»

Kilde erzählt, beim Essen, im Training oder während der Streckenbesichtigung werde mitunter so viel geredet, dass er ein Buch darüber schreiben könnte, «ich habe enorm profitiert von den beiden». Ihm graut vor dem Gedanken, er könnte bald als alleiniger Teamleader dastehen, wenn auch Jansrud des Skisports überdrüssig wird. «Ich bin dazu noch nicht bereit.»

Beim Super-G 2015 in Gröden waren alle vereint auf dem Podest: Kjetil Jansrud, Aksel Svindal und Aleksander Kilde (v.l.; Bild: freshfocus)
Beim Super-G 2015 in Gröden waren alle vereint auf dem Podest: Kjetil Jansrud, Aksel Svindal und Aleksander Kilde (v.l.; Bild: freshfocus)

34 ist Jansrud im August geworden, durch Rücktritte wie die von Svindal merke er, dass auch sein Ende näherkomme, sagt er. Mit Blick auf seine Erfolge könnte er schon jetzt guten Gewissens abtreten: 22 Weltcupsiege, fünf Olympiamedaillen, darunter Gold im Super-G von Sotschi 2014, drei WM-Medaillen. Dass Svindal in Are im Februar mit Silber in der Abfahrt ging, lag an ihm. Er war noch zwei Hundertstel schneller als der Mann, in dessen Schatten er sich trotz all der Triumphe lange bewegte.

Nun ist Jansrud mehr gefragt denn je. Mit vier Top-10-Plätzen in den ersten sechs Rennen und jüngst Rang 2 im Super-G von Gröden ist er vorzüglich gestartet. Und Kilde, der im Riesenslalom von Alta Badia am letzten Sonntag mit Rang 4 glänzte, zeigte in den Speeddisziplinen mit vier Platzierungen in den Top 10 und dem 2. Platz im Super-G von Beaver Creek, dass er sich auch vor der Zeit nach Jansrud nicht zu fürchten braucht.

Es wäre der nächste Schnitt im Team, das neben Svindal auch Cheftrainer Christian Mitter verlor sowie Coach Reto Nydegger, der zu den Schweizern ging. Jansrud findet das «traurig» und Kilde «schon etwas viel». Sein Zusatz: «Doch wichtig ist nur, dass unsere Philosophie weiterlebt.»

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