Sie gewann den Gesamtweltcup, jetzt wird sie immer dünner

Ingvild Flugstad Östberg wurde von ihrem Verband wegen gesundheitlicher Probleme gesperrt. Sie ist kein Einzelfall im Langlauf.

Wurde zu ihrem eigenen Schutz gesperrt: Ingvild Flugstad Östberg

Wurde zu ihrem eigenen Schutz gesperrt: Ingvild Flugstad Östberg Bild: Keystone

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Man zoomt sich Ingvild Flugstad Östberg ganz nahe heran. Zumal ihr enger Renndress jedes Kilo abbildet, das sie aufweist. Wobei in ihrem Fall zum Auftakt der Tour de Ski auf der Lenzerheide gilt: Man schaut sich die 29-jährige Norwegerin so genau an, weil manches Kilo fehlt.

Just vor dem Saisonstart vor einem Monat verkündete Östberg schluchzend in einer Pressekonferenz, dass sie aus gesundheitlichen Gründen von ihrem Verband für Wettkämpfe gesperrt worden sei. Dauer dieser Schutzsperre: offen.

In Norwegen applaudierte man Östberg für ihre Offenheit. Sie zählt zu den Sportstars im Land, ist eine sehr öffentliche Figur – ­spätestens seit letzter Saison, als sie den Gesamtweltcup gewann und sich an der WM fünf Medaillen sicherte.

Weder Östberg noch ihr Verband aber wollten beim emotionalen Auftritt ausführen, was unter gesundheitlichen Gründen zu verstehen sei. Die Athletin sprach wiederholt «von diesem Thema» – und dass sie es für wichtig halte, in der Öffentlichkeit darüber zu sprechen. Weil sie es aber explizit nicht tat, sprossen die Spekulationen. Klar wurde ohnehin rasch, woran sie leidet: an Essproblemen.

Die zweite Schutzsperre in einem halben Jahr

Denn als Sprinterin an die Spitze gekommen, wollte sich Östberg zur Top-Allrounderin entwickeln. Also wurde sie mit den Jahren unübersehbar dünner. Fast verschwunden sind ihre vollen Backen, die sie über Jahre prägten. Bereits im Sommer deuteten sich die Probleme an. Östberg wurde für einen Wettkampfblock samt Trainingslager aus demselben Grund gesperrt. Damals informierten weder Athletin noch Verband.

Dabei sind in Norwegens Langlauf immer wieder zu dünne Athletinnen aufgefallen. Entsprechend eng werden seit ein paar Jahren selbst die besten Nachwuchslangläuferinnen und -läufer beobachtet. Sie müssen wie die Elite mehrmals im Jahr einen Gesundheitscheck absolvieren.

Ist nur schon ein Kriterium erfüllt, liegt ein Symptom für ein gestörtes Essverhalten vor.

Um zu ergründen, ob eine Athletin oder ein Athlet an einem Essproblem leidet, haben Spezialisten einen Kriterienkatalog kreiert. Kontrolliert werden unter anderem der Body-Mass-Index (er darf bei Mädchen nicht unter 17,9 sein); ob pathologische Versuche vor­liegen, das Gewicht zu halten (in Form von Medikamenten oder ­Erbrechen) – generell Abnehmeversuche. Ist nur schon ein Kriterium erfüllt, liegt ein Symptom für ein gestörtes Essverhalten vor.

Essstörungen bei ehemaligen Athletinnen

Solches ist gerade bei norwegischen Teenagern weit verbreitet. 44 Prozent der Mädchen halten immer wieder Diät, bei den Buben sind es 17. Weil das Thema drängend ist, hat Norwegen – im Gegensatz zur Schweiz – auch langlaufspezifisch geforscht. 15,3 Prozent der besten Nachwuchslangläuferinnen plagt eine Essstörung. Aber: Deutlich höher ist die Prozentzahl bei ehemaligen Athletinnen (40 Prozent).

Die Autoren erklären sich diese Diskrepanz damit, dass junge Langläuferinnen regelmässig überprüft werden, während die Aussteigerinnen allenfalls gerade wegen ihrer Essstörung mit dem Spitzensport aufhörten und sich den Kontrollen entziehen (können).

Die Jugendlichen erhalten im Handlungsfall eine gelbe, orange oder rote Karte.

Weil sich Norwegens Langlauf seit Jahren mit dem Thema beschäftigt bzw. beschäftigen muss, screent das Land seit 2015 die besten Langläufer(innen) ab 16 Jahren systematisch. Die Jugendlichen erhalten im Handlungsfall eine gelbe, orange oder rote Karte. Gelb heisst: Der oder die Athletin ist gefährdet. Rot: Wettkampfabbruch und strengste Überwachung. In der Schweiz ist das Problem nur schon darum weniger virulent, als kaum mehr Mädchen sehr intensiv langlaufen.

Die Offenheit der bulimischen Langlauf-Olympiasiegerin

In Norwegen hingegen mahnt der Verband gar in der Kommunikation zur Zurückhaltung. Topathletinnen wie Flugstad Östberg sollen sich gut überlegen, was sie in den sozialen Medien von sich zeigen. Denn ihre durchtrainierten, oft sehr dünnen Körper sind das Resultat jahrelanger Anstrengungen. Die Nachwuchslangläuferinnen wiederum orientieren sich an diesen Vorbildern in einer Phase, in denen sich ihre Körper stark entwickeln und verändern (können).

Welche Zahl auf der Waage steht, ist für das Wohlbefinden nicht entscheidend – und auch nicht für sportlichen Erfolg.

Die Amerikanerin Jessica Diggins (28), Langlauf-Olympiasiegerin 2018, erzählte in diesem Jahr offen von ihren Essproblemen. Als Jugendliche legte sie an Muskeln zu, fand ihren Körper unattraktiv – und glaubte, ihre Vorbilder seien alle viel dünner. Diggins musste mit 19 Jahren wegen Bulimie in eine Klinik eingewiesen werden. Mittlerweile sagt sie, wohl immer eine «potenzielle Patientin» zu sein. Zumal in ihrem Sport der «dünne Typ» als normal bzw. vorbildlich betrachtet werde.

Mädchen und Frauen massiv stärker betroffen

Für Diggins ist wichtig, dass sie sich und anderen zeigen kann: Welche Zahl auf der Waage steht, ist für das Wohlbefinden nicht entscheidend – und auch nicht für sportlichen Erfolg. Zugleich wissen Diggins wie Flugstad Östberg: Dünnsein ist im Ausdauersport nun einmal vorteilhaft, sonst würden viele Athleten ja nicht versuchen, ihr Gewicht zu drücken. Obschon das Thema beide Geschlechter betrifft, sind Mädchen und Frauen von Essstörungen massiv stärker betroffen – was wiederum nicht bedeutet, dass Knaben bzw. Männer kein Fehlverhalten entwickeln können.

Der vierfache Tour-de-France-Sieger Chris Froome verdünnte sich über die Jahre zu einem Supersprenzel. Postet er, was er vor einem Training isst, fragt man sich, woher er die Kraft nimmt. Diese Hochrisiko-Ernährungsstrategie ist Teil des Ausdauer-Spitzensports. Ingvild Flugstad Östberg, gestern Vierte, weiss nur zu gut darum.



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Erstellt: 30.12.2019, 17:06 Uhr

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