Von Crazy Banana bis Olympiagold

Snowboard-Profi Sina Candrian forscht als Kuratorin zur Geschichte ihres Sports. Sie staunt, welch grosse Rolle die Schweiz dabei spielt.

Eine Wand voller legendärer Snowboards: Wenn Sina Candrian durch die Ausstellung geht, macht sie das ähnlich stolz, wie wenn sie einen ihrer Pokale betrachtet. (Bild: Nicola Pitaro)

Eine Wand voller legendärer Snowboards: Wenn Sina Candrian durch die Ausstellung geht, macht sie das ähnlich stolz, wie wenn sie einen ihrer Pokale betrachtet. (Bild: Nicola Pitaro)

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Wenn sich Sina Candrian umschaut im Gelben Haus, dem Flimser Kulturzentrum, spürt sie Stolz. «Du erinnerst dich an all die Geschichten hinter den einzelnen Ausstellungsobjekten», sagt sie. «Das Gefühl ist ähnlich, wie wenn ich daheim einen Pokal betrachte, den ich an einem Contest gewonnen habe. Der Gedanke: geschafft!» Zum Glück liegt das Gelbe Haus in Steinwurfdistanz zu Candrians Elternhaus. So kann die Profi-Snowboarderin jederzeit ihr neustes Projekt besichtigen. Auch ausserhalb der Öffnungszeiten – dank eigenem Schlüssel zum Kulturhaus.

Dieses ist bei den Candrians eine Familienangelegenheit. Die Mutter steht der Trägerschaft vor. Dass sich nun auch Sina engagierte, hat aber nichts mit Vitamin B zu tun. Sondern mit einer glücklichen Fügung.

Die aktuelle Ausstellung «Welcome on Board» beschäftigt sich mit 40 Jahren Snowboard-Kultur in der Schweiz. Kuratorin Ariana Pradal begann ihre Forschungsarbeit mit Interviews mit Exponenten der Szene. Eines der ersten Gespräche brachte sie mit Candrian zusammen. Das Frage-Antwort-Spiel der beiden Frauen entwickelte sich rasch in Richtung Ideenaustausch, bald darauf kam die Anfrage an Candrian, ob sie an der Ausstellung mitarbeiten wolle. Natürlich wollte sie. Denn die ausgebildete Primarlehrerin trug sich schon länger mit dem Gedanken, sich in Kunstpädagogik weiterzubilden – nun kam eben die Praxis der Theorie zuvor.

Die Snowboarder strömen ins kubische Gebäude in Flims' Dorfmitte.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Und findet sein Publikum: An Tagen, an denen das Wetter nicht zum Fliegen oder Carven auf dem Berg einlädt, strömen die Snowboarder ins kubische Gebäude in der Dorfmitte – und bescheren «Welcome on Board» beste Besucherzahlen.

Das liegt daran, dass die Ausstellung alle Snowboard-Generationen anspricht. Im Erdgeschoss fühlen sich die Älteren in ihre Jugend zurückversetzt. Wer wird nicht sentimental beim Anblick von legendären Boards längst verschwundener Schweizer Marken wie Crazy Banana, Hooger Booger oder Steep & Deep, daneben die Ur- und wichtigsten Modelle von Burton oder Sims?

«Die Essenz des Lebens»

Im ersten Stock erzählen Porträts von 35 Snowboardern von gestern, heute und morgen, was diese antreibt, was das Snowboard ihnen bedeutet. Viele der Interviews führte Candrian, als Profi fand sie leicht den Zugang zu den ehemaligen, aktuellen und künftigen Profis.

Die vereinigte Schweizer Snowboard-Prominenz führt zudem eindrücklich vor Augen, wie viel sportlichen Erfolg die Snowboarder gerade bei Olympia feierten. Allein die Liste von Siegern: Simmen. Schoch. Meuli. Frieden. Podladtchikov. Kummer. Dazu kommen noch fünf Silber- und Bronzemedaillen.

«Umfallen und wieder aufstehen, weitermachen. Tausende Male. Und das in die DNA aufnehmen. Das ist die Essenz des Lebens.»Andy Tanner, Gründer von Alprausch

«Was mich bei den Interviews berührte, war die eine Aussage, die vom Ältesten bis zum Jüngsten kam: Niemand sagt, er fahre Snowboard – sondern er sei Snowboarder. Das ist ein feiner, aber wichtiger Unterschied», sagt Candrian. Wie sehr es eine Herzensangelegenheit ist, ist bei den Pionieren ganz besonders zu spüren – etwa bei Andy Tanner, Gründer der Kleidermarke Alprausch, der im Video-Interview über die Snowboard-Anfänge sagt: «Umfallen und wieder aufstehen, weitermachen. Tausende Male. Und das in die DNA aufnehmen. Das ist die Essenz des Lebens.»

Mit José Fernandez, dem ersten Schweizer Snowboard-Profi, und anderen Ikonen traf sich Candrian im letzten Winter zu einem Tag im Schnee. Und spürte eine spezielle Verbindung. «Ich schaute zu ihnen auf, weil sie Legenden sind. Spürte aber, wie sie mich ähnlich anschauten, aus Freude über die Ausstellung, die wir organisierten.» Weltweit ist es eine der Ersten, die die Geschichte dieses Sports so aufarbeitet. Zudem sagt Candrian: «Das waren tolle Typen. Wir haben ihnen zu verdanken, dass wir heute in der Schweiz als Snowboard-Profis leben können.»

Das Kuratorinnenduo Pradal/Candrian funktionierte, weil sich beide ihrer Stärken bewusst waren. «‹Du bist mein Gewissen›, sagte Ariana jeweils zu mir», so Candrian. Sie garantierte, dass die Arbeit der beiden von der Szene akzeptiert würde.

Der Blick auf die 20 Millionen

Das macht einen klaren Unterschied zu anderen Sportarten deutlich: Die Snowboard-Szene als Gesamtes ist viel mehr als eine Sportszene, eher fass- und begreifbar als Kultur, als Lebensphilosophie. Bis heute gibt es Fahrer, die sich trotz klar vorhandenem Talent den Wettkämpfen verschliessen, weil ihnen der Wettstreit nicht zusagt – und die trotzdem eine Profikarriere machen: dank Film- und Fotoaufnahmen.

In China werden 20 Millionen Leute an den Wintersport herangeführt.

Indem sich Candrian mit der Vergangenheit ihres Sports beschäftigte, drehten sich automatisch auch Gedanken über dessen Zukunft. «Ich kann mir vorstellen, dass sich die kleinen Geschwister der Freeskier wieder vermehrt fürs Snowboard entscheiden, weil sie etwas anderes machen wollen», sagt sie, hoffnungsvoll. Zudem schaut sie wie der ganze Schneesport nach Asien, wo in China 20 Millionen Leute an den Wintersport herangeführt werden, wovon sich auch die Snowboard-Branche grossen Schub erhofft. Candrian: «Wenn ich bei einem Sponsor von einem Contest in China spreche, heisst es: ‹Nur zu!›»

Eltern wie im Skirennsport

Zugleich betrachtet sie kritisch, wie sich das Snowboarden sportlich weiterentwickelt. «Ich bin froh, konnte ich noch eine rebellische Phase erleben, als das Snowboarden noch nicht so stark vom Verband geprägt war. Meine Eltern wussten jeweils nicht, was wir genau auf dem Berg machten. Und ich wusste nicht, wie gut ich war – und sein konnte.» Nun beobachtet sie Eltern, die ihre Kinder fördern und antreiben, wie man das aus dem Skirennsport kennt. «Das ist die erste Generation von Eltern, die wissen, wie man es zum Snowboard-Profi schafft.»

Trotzdem sieht sich die 31-jährige Candrian noch einige Jahre als Profi. Auch nach Rückschlägen wie diese Woche, als sie den Final des Laax Open, ihres Heimwettkampfs, um weniger als einen Punkt verpasste.

Auch die Tätigkeit für nächsten Sommer ist bereits aufgegleist. Die Arbeit der Neo-Kuratorin Candrian wurde offensichtlich geschätzt, weshalb sie auch bei der nächsten Ausstellung mitarbeiten wird. Das Thema ist nicht mehr ganz so nah bei ihr wie das jetzige. Aber fern sind ihr «Berge und Frauen» auch nicht.

Erstellt: 17.01.2020, 09:22 Uhr

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