Zum Hauptinhalt springen

Brände in Tschernobyl Steigt jetzt die Radioaktivität in Europa?

In der Nähe der AKW-Ruine Tschernobyl steigt wegen Waldbränden die Radioaktivität. Müssen wir uns jetzt Sorgen machen? Die wichtigsten Fragen.

Gefährliche Sperrzone: Ein Geigerzähler misst erhöhte Strahlenwerte in der Umgebung des stillgelegten Atomreaktors in Tschernobyl – im Hintergrund brennt der Wald.
Gefährliche Sperrzone: Ein Geigerzähler misst erhöhte Strahlenwerte in der Umgebung des stillgelegten Atomreaktors in Tschernobyl – im Hintergrund brennt der Wald.
Foto: Yaroslav Yemelianenko, AP/Keystone

Wie ist die Situation in der Ukraine?

In der Ukraine wüten seit drei Wochen grossflächige Waldbrände. Betroffen sind vor allem das radioaktiv belastete Sperrgebiet in der Umgebung des stillgelegten Atomreaktors Tschernobyl sowie die benachbarte Ortschaft Schytomyr.

Gemäss offiziellen Angaben ist bereits eine Fläche von über 11’500 Hektaren abgebrannt, was mehr als 16’000 Fussballfeldern entsprechen würde. Greenpeace indes geht vom Fünffachen aus. Regenfälle am Wochenende versprechen etwas Besserung.

Zu anderen Zahlen als die Ukraine kommen auch Forscher des französischen «Institut de Radioprotection et de Sûreté Nucléaire» (IRSN), welche Satellitendaten ausgewertet haben. Gemäss ihren Analysen umspannt alleine die grösste Feuersbrunst 70 Kilometer westlich von Tschernobyl eine Fläche von 22’000 Hektaren. Einen weiteren Brandherd orteten die Forscher in ihrem Bericht nur 30 Kilometer westlich des AKW, an der Grenze zur Sperrzone, sowie zwei kleinere in nur zwei Kilometer Entfernung zur Reaktorruine.

Satellitendaten zeigen die grössten Brandherde in der Region um das AKW Tschernobyl (roter Stern). (Stand: 17. April)
Satellitendaten zeigen die grössten Brandherde in der Region um das AKW Tschernobyl (roter Stern). (Stand: 17. April)
Foto: Nasa/Firms/IRSN

Die ukrainischen Behörden haben seit dem 4. April wiederholt die Anzahl der Einsatzkräfte erhöht, was unter anderem darauf zurückzuführen ist, dass die Brände von starkem Wind wieder neu angefacht wurden. Teils lodert das Feuer auch in schwer erreichbaren Gegenden, was die Löscharbeiten zusätzlich erschwert.

Nach Angaben des ukrainischen Katastrophenschutzes kämpfen noch immer über 1000 Einsatzkräfte im Sperrgebiet gegen vereinzelte Brände an. In Schytomyr stehen noch fast 800 Personen im Einsatz. Flugzeuge und Helikopter bewässern in den beiden Regionen die schwelenden Brände in Böden und Bäumen aus der Luft. Jüngst wurden auch die Armee und die Nationalgarde mobilisiert, welche nun mit Planierraupen und Drohnen Unterstützung leisten.

Auch Löschhelikopter stehen im Einsatz: Bisher sind mehrere Tausend Hektaren Land den Flammen zum Opfer gefallen.
Auch Löschhelikopter stehen im Einsatz: Bisher sind mehrere Tausend Hektaren Land den Flammen zum Opfer gefallen.
Foto: Getty Images

Die ukrainischen Behörden verkündeten vor wenigen Tagen, die Kontrolle über die Mehrheit aller Brände gewonnen zu haben. Die Forscher des IRSN hegen jedoch Zweifel. «Einige Quellen verkünden das Erlöschen der Brände. Nach Ansicht des IRSN sollte die Annahme einer endgültigen Kontrolle mit Vorsicht betrachtet werden.»

Was wird befürchtet?

Wie die internationale Ärzteorganisation zur Verhinderung eines Atomkriegs (IPPNW) in einer Mitteilung schreibt, seien die Brände bereits gefährlich nahe an das in einem «Sarkophag» eingeschlossene Atomkraftwerk herangekommen. Noch 500 Meter hätten die Flammen am 13. April von der Reaktorruine getrennt. Näher sind diese dann aber doch nicht gekommen. Die Organisation warnt dennoch vor einer Verharmlosung der Lage: Es gebe radioaktive Wolken über der Ukraine. «Bei ungünstiger Wetterlage und Windrichtung könnte auch der Rest Europas, könnte auch Deutschland von den radioaktiven Wolken betroffen sein», teilte der IPPNW-Co-Vorsitzende Alex Rosen am Montag mit.

Befürchtet wird, dass die Feuer grössere Mengen radioaktiver Partikel – in erster Linie vom radioaktiven Isotop Caesium 137 – aus den kontaminierten Böden in die Luft wirbeln und diese durch Winde weitertransportiert werden. Die radioaktiven Werte seien in der Umgebung von Kiew zwar leicht angestiegen, lägen jedoch im Normalbereich, beschwichtigten die örtlichen Behörden wiederholt.

Giftige Rauchwolken: Ein Waldbrand innerhalb der nuklearen Sperrzone, vom Dach des stillgelegten Atomkraftwerks aus betrachtet.
Giftige Rauchwolken: Ein Waldbrand innerhalb der nuklearen Sperrzone, vom Dach des stillgelegten Atomkraftwerks aus betrachtet.
Foto: AP/Keystone

Kein Grund zur Entwarnung, meint Rosen: «Noch mögen die gemessenen Strahlenwerte keine relevante Gefahr für die Bevölkerung darstellen, doch dies kann sich schlagartig ändern, sobald höher kontaminierte Waldgebiete brennen, die quer über die Sperrzone verteilten Lagerstätten für radioaktive Stoffe erreicht werden oder sogar der ‹Sarkophag›, der den Grossteil der hochradioaktiven Überreste des Super-GAU umschliesst.» Ein Anstieg der Radioaktivität, möge dieser noch so gering sein, sei ausserdem nie gut für die Gesundheit. «Jede zusätzliche Strahlenbelastung sollte möglichst vermieden werden», so Rosen.

Was heisst das für die Schweiz?

In der Schweiz ist laut Philipp Steinmann von der Sektion Umweltradioaktivität des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) in naher Zukunft nicht mit einer erhöhten Strahlenbelastung zu rechnen. «In der Ukraine selber werden Werte von weniger als einem Tausendstel des in der Schweiz gültigen Immissionsgrenzwertes (8’500'000 Mikrobecquerel pro Kubikmeter) gemessen.» Bis die kontaminierte Luftmasse in der Schweiz angelangt sei, werde die Cs-137-Aktivität noch stark verdünnt, meint Steinmann.

Der Experte sieht keinen Anlass, den Messwerten aus der Ukraine zu misstrauen. «Aus meiner Sicht sind sie durchaus realistisch, denn das meiste Cs-137 dürfte sich seit dem Reaktorunfall in etwas tiefere Bodenschichten verlagert haben und wird vermutlich vom Feuer nicht mobilisiert.» In der Nähe der Brände seien die Messwerte jedoch sicher höher.

Unterstützung erhält Steinmann von den Forschern des IRSN, welche die Lage in der Ukraine analysierten. Gemäss ihrer Ausbreitungsrechnung sind in der Schweiz (und auch im grössten Teil von Europa) Werte im Bereich von einem Mikrobecquerel pro Kubikmeter zu erwarten. «Dies wäre nicht von den üblichen Werten zu unterscheiden», so Steinmann.

In der Schweiz bewegt sich die Cs-137-Konzentration in der Luft gemäss Messwerten vom BAG nahe bei 1 Mikrobequerel pro Kubikmeter. Ursprung dieser kleinen Menge an radioaktiver Strahlung sind Ablagerungen in den Böden, welche noch von der atomaren Katastrophe in Tschernobyl vor 34 Jahren sowie den oberirdischen Atombombentests in den 1960er-Jahren herrühren.

Sollte sich die Strahlenbelastung wider Erwarten stark erhöhen, würde das BAG die Messungen intensivieren, sagt Steinmann. Das BAG steht dazu in regelmässigem Kontakt mit anderen europäischen Messstellen und auch im Austausch mit der Nationalen Alarmzentrale (NAZ), welche allfällige Massnahmen vorbereiten würde. Im aktuellen Fall seien jedoch keine Massnahmen für die Bevölkerung nötig, versichert Steinmann.

Wie gefährdet ist der Atomreaktor?

Die Nähe des Feuers zum stillgelegten Kernkraftwerks macht vielen Sorgen. Auch wenn der letzte Reaktor des Atomkraftwerks seit der Jahrtausendwende stillgelegt ist, befindet sich noch immer stark radioaktives Material in der Atomruine und in Zwischenlagern in unmittelbarer Nähe. Schätzungen gehen von fast 200 Tonnen radioaktivem Material aus, welches im Reaktor zwischengelagert ist. Was ist, wenn die Feuer bis dorthin vordringen?

In einem früheren Bericht geben die IRSN-Forscher Entwarnung: Da die meisten dieser Lagerstätten relativ neu seien, erfüllten sie die gängigen Sicherheitsstandards. Mögliche Risiken seien also mit einberechnet worden. «Da diese Anlagen über eine besonders robuste Bauweise verfügen, ist das Risiko, dass sie bei Bränden die in ihnen enthaltene Radioaktivität freisetzen könnten, unwahrscheinlich», schreiben die Forscher. Ältere noch bestehende Zwischenlager sähen zwar von der Bauweise her «dürftig» aus, erfüllten jedoch ihren Zweck und würden dank Abschirmungen wie Lehm- oder Betonschichten gut gegen mögliche Feuer schützen.

Abgeschirmt: Die neue Schutzhülle von Reaktor 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl wurde 2017 fertiggestellt.
Abgeschirmt: Die neue Schutzhülle von Reaktor 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl wurde 2017 fertiggestellt.
Foto: Andrew Kravchenko, AP/Keystone

Nach der Explosion des Blocks 4 im damals noch sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl am 26. April 1986 wurden radioaktiv verstrahlte Landstriche um die Atomruine gesperrt. Es handelte sich um die grösste Atomkatastrophe in der zivilen Nutzung der Kernkraft. Es gab Tausende Tote und Verletzte. Zehntausende Menschen wurden zwangsumgesiedelt.

Ein erster «Sarkophag» wurde noch im selben Jahr errichtet und sollte den Atomreaktor gegen aussen hin abschirmen. Im Jahr 2017 wurde die neue Schutzhülle, «New Safe Confinement» (NSC) genannt, fertiggestellt. Sie wurde über die alte, nicht mehr ganz sichere alte Hülle gestülpt. Dieser neue «Sarkophag» soll für die nächsten 100 Jahre Schutz bieten. In der Zwischenzeit soll das AKW in einen für die Umwelt unbedenklichen Zustand zurückgebaut werden.

Wie sind die Waldbrände entstanden?

In den vergangenen Jahren ist es immer wieder zu Bränden in den unbesiedelten Gebieten der Sperrzone von Tschernobyl gekommen. Als Ursache wird oftmals Brandstiftung vermutet. Dies könnte auch bei den jetzigen Feuern – zumindest teilweise – der Fall sein. Ein 27-jähriger, vorbestrafter Mann gestand inzwischen, für den Brand von fünf Hektaren Wald in der Sperrzone verantwortlich zu sein. Er habe aus Langeweile gezündelt, so seine Erklärung.

Erhöhte Luftverschmutzung: Der Rauch der Waldbrände reichte bis ins 70 Kilometer entfernte Kiew. Radioaktivität gebe es jedoch keine, versicherte der Bürgermeister und Ex-Boxer Vitali Klitschko.
Erhöhte Luftverschmutzung: Der Rauch der Waldbrände reichte bis ins 70 Kilometer entfernte Kiew. Radioaktivität gebe es jedoch keine, versicherte der Bürgermeister und Ex-Boxer Vitali Klitschko.
Foto: Gleb Garanich, Reuters

Meteorologen führen die vielen Brände aktuell auf die fehlende Schneedecke im Winter und die Trockenheit zurück. Dazu kommt, dass die Dorfbewohner im Frühjahr traditionell Laub und trockenes Gras verbrennen und so unkontrollierte Feuer verursachen.

* Mit Material der SDA