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Kolumne LomoStille Stunde für alle!

Unserem Kolumnisten Johannes Binotto käme es entgegen, wenn Einkaufszentren, Grossisten und Läden ganz auf Hintergrundgedudel, Dauerdurchsagen und grelles Licht verzichten würden.

Keine Lust auf Ella Fitzgerald und Hausmachernudeln.
Keine Lust auf Ella Fitzgerald und Hausmachernudeln.
Foto: Archiv

In England, Irland oder Neuseeland gibt es sie bereits, nun wollen hierzulande auch Spar und Coop sie ausprobieren: die stille Stunde für Menschen im Autismus-Spektrum. Für sie können nämlich Hintergrundgedudel, Dauerdurchsagen und grelles Licht unter Umständen grossen zusätzlichen Stress auslösen.

Als ich davon las, fragte ich mich zweierlei: Warum kommt das erst jetzt und warum nicht für uns alle? Ehrlich gesagt, würde nämlich auch ich die stille Stunde dem sonst üblichen Betrieb jederzeit vorziehen. Wenn ich Musik hören will, dann lege ich eine Schallplatte auf und geh sicher nicht in den Supermarkt, zumal es musikalisch dort nur zwei Möglichkeiten gibt, die beide blöd sind: Entweder es ist Musik, die ich selbst nie hören würde. Dann nervt sie mich.

«Vielleicht sind Abstandsregeln ja auch einfach Anstandsregeln.»

Johannes Binotto, «Landbote»-Kolumnist

Noch schlimmer aber ist es, wenn es Musik ist, die ich gern hab, dann wird mir die geliebte Musik madig gemacht. Es macht nämlich keinen Spass, wenn ich bei einem Song von Ella Fitzgerald in Zukunft immer Hausmachernudeln assoziiere, nur weil ich grad vor dem Pastaregal stand, als die Musik aus den Boxen kam. Auch dass es zwischen den Regalen so hell ist, dass ich beinahe eine Sonnenbrille tragen muss, um nicht von den reflektierenden Gurkengläsern geblendet zu werden, scheint mir eher überflüssig.

Ich gehöre stattdessen zu denen, die finden, dass man die aktuell Corona-bedingten Abstandsregeln, die beinhalten, dass man den anderen Raum lässt und erst ans Gestell tritt, wenn diese fertig ausgewählt haben, dereinst auch nach Corona beibehalten könnte. Vielleicht sind Abstandsregeln ja auch einfach Anstandsregeln. Und vielleicht spüren die Menschen mit Autismus in Wahrheit nur präziser, worauf wir alle eigentlich achten sollten.

Höre ich dagegen, wie Wirtschaftsturbos darauf drängen, dass man doch möglichst schnell wieder zum Normalbetrieb übergehen solle, dann krieg ich gleich das Frösteln. Ich bin nämlich schon länger nicht mehr sicher, ob das, was man «Normalbetrieb» nennt, tatsächlich so normal ist.

Darum mein Vorschlag: Warum statt einer stillen Stunde pro Tag es nicht umgekehrt machen und den stillen Modus zum Normalzustand erklären? Man kann ja dann eine laute Stunde machen, wo all die einkaufen dürfen, die es gern lärmig, grell und dichtgedrängt haben.