Rapperswil-Jona / Rüti

«Sturmjäger» untersuchen das Blues'n'Jazz-Gewitter

Orkanböe oder sogar ein Tornado Spezialisten untersuchen derzeit die auffälligen Schäden, die ein heftiges Gewitter am 24. Juni zwischen Rapperswil-Jona und Rüti angerichtet hat.

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Der Blick zum Himmel deutete an diesem Freitagabend darauf hin, dass etwas heftiges bevor steht. Während sich in Rapperswil-Jona am Blues'n'Jazz-Festival Tausende vergnügten, türmten sich über dem Obersee mächtige Gewitterwolken auf. Es wurde pechschwarz. Sturm und Regen setzte ein. Der Himmel bot ein chaotisches Bild aus sich verdrehenden und ineinanderfliessenden Wolkenfetzen.

Im Grenzbereich zwischen Rapperswil-Jona, Rüti und Wolfhausen wütete die Naturgewalt am stärksten. Südlich des Egelsees entwurzelte der Wind etwa die Hälfte aller Obstbäume. Die Feuerwehr Rapperswil-Jona vermeldete etwa 30 umgelegte Bäume in einem Waldstück im Lenggis. Und eine zwar rund 300 Jahre alte, aber durchaus baufeste Scheune wurde nahezu komplett zerstört. Verletzt wurde niemand.

An diesem Abend waren am Obersee zwei Gewitterzellen regelrecht zusammengeprallt. Eine kam von der Zentralschweiz, die andere entwickelte sich über dem Zürcher Oberland. Die Natur entfaltete enorme Kräfte. Nicht auszudenken was passiert wäre, wenn sich das Unwetter direkt über dem Festivalgelände in der Rosenstadt ausgetobt hätte.

Entweder ein Downburst...

Knapp zwei Wochen sind nun seit dem heftigen Unwetter vergangen. Doch nach wie vor weckt das Ereignis grosses Interesse. «Das war kein normales Gewitter», sagt Christian Matthys. Der Zürcher Tornado-Forscher hat sich den Ort des Geschehens in der letzten Woche genau angeschaut. Doch nicht nur ihn zog es dorthin: Auch Meteorologen und andere ehrenamtliche «Sturmjäger» haben sich den Schauplatz angesehen und die Schäden dokumentiert.

Aber warum? Gemäss Christian Matthys geht es darum herauszufinden, was an diesem Freitagabend genau geschehen ist. Und noch wichtiger: Was die teils extremen Schäden verursacht hat. Kurz nach dem Unwetter kam zunächst die Theorie auf, dass eine sehr starke Fallböe aus dem Gewitterturm – ein sogenannter Downburst – die Scheune abgedeckt und die Bäume umgelegt haben könnte. Meteoschweiz-Klimatologe Stephan Bader äusserte diese Vermutung gegenüber der «Zürichsee-Zeitung».

Bei einem Downburst stürzt Kaltluft aus dem Gewitter aus grosser Höhe zu Boden. Dort prallt sie auf und verteilt sich. So können sehr hohe Windgeschwindigkeiten erreicht werden. Orkanböen (also über 117 km/h) sind keine Seltenheit.

...oder doch ein Tornado?

Als sich Christian Matthys die Schäden ansah, kamen ihm aber Zweifel. Das im Gebiet angetroffene Schadensbild passt nämlich nicht durchwegs ins Schema einer Fallböe. «Downbursts legen in der Regel grössere Waldflächen um, die Bäume stürzen dabei alle mehr oder weniger in die selbe Richtung», erklärt Matthys.

Im Lenggis bietet sich aber ein anderes Bild. Die Bäume liegen kreuz und quer in alle Himmelsrichtungen. Auffällig sei, dass keine Flächen, sondern Schneisen in die Wäldchen geschlagen wurden. Und: Die Schadensorte liegen teils mehrere hundert Meter weit von einander entfernt. «Das deutet eher auf einen kurzlebigen Tornado hin», sagt Matthys. Dies wiederum würde mit den Aussagen von Anwohnern korrespondieren, die gegenüber den Reportern der ZSZ von einem «Wirbelwind» gesprochen hatten. Wenn es denn ein Tornado war, dann wohl einer der zweitniedrigsten Schadens-Kategorie F1.

Weitere Abklärungen folgen

Festlegen kann und will sich Christian Matthys aber (noch) nicht. Denn auch andere Faktoren beeinflussen das Schadensbild. So halten Bäume bei sehr nassem Boden – was derzeit der Fall ist – starken Winden weniger gut stand als bei trockenen Verhältnissen. Die Topografie spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Hügelzüge und Täler können Windböen umlenken. Auch das Alter und der Zustand von Vegetation und Gebäuden ist relevant. All dies müsse in die Beurteilung des Falles mit einfliessen, sagt der Tornado-Forscher.

Christian Matthys will sich die Schäden deshalb noch einmal genauer anschauen. Sollte es tatsächlich ein kurzlebiger Tornado gewesen sein, wäre das zumindest eine kleine Sensation. Die Wirbelwinde sind in der Schweiz relativ selten. «Für uns geht es vor allem darum zu verstehen, wann, wo und unter welchen Voraussetzungen solche Ereignisse hierzulande eintreffen», erklärt Matthys die Triebfeder hinter seinen Forschungen. Starke Gewitter gehörten zum Schweizer Klima dazu. Je mehr man über die komplexen Zusammenhänge ihrer Entstehung wisse, desto besser könne man sich künftig vorbereiten.

Augenzeugen oder Betroffene, welche einen Beitrag zur Aufklärung des Falles leisten wollen, werden gebeten, sich unter meldung@sturmarchiv.ch zu melden. (landbote.ch)

Erstellt: 05.07.2016, 17:53 Uhr

Tornados / Downbursts

Stärke wird anhand der Schäden gemessen

Tornados sind kleinräumige Luftwirbel. Sie treten im Zusammenhang mit konvektiver Bewölkung (Gewitter) auf. Der Wirbel erstreckt sich durchgehend vom Boden bis zur Wolkenuntergrenze. Tornados sind für die höchsten Windgeschwindigkeiten verantwortlich, die auf der Erdoberfläche überhaupt auftreten können.

Ihre Stärke wird nach dem Schadensbild bemessen welches sie am Boden anrichten. Am häufigsten wird dafür die sogenannte Fujita-Skala verwendet. Diese Skala kennt im Wesentlichen sechs Stufen (in Klammern die Windgeschwindigkeiten):


  • F0 (63 bis 117 km/h): Es zeigen sich leichte Schäden an Schornsteinen, abgebrochene Äste und Baumkronen, Entwurzelung flach wurzelnder Bäume und umgeworfene Plakatwände.

  • F1 (118 bis 180 km/h): Wellblech oder Dachziegel werden abgehoben und Wohnmobile umgeworfen, fahrende PKWs werden verschoben.

  • F2 (181 bis 253 km/h): Dächer werden als Ganzes abgedeckt, Wohnmobile werden vollständig zerstört, große Bäume werden entwurzelt, leichte Gegenstände werden zu Projektilen.

  • F3 (254 bis 332 km/h): Dächer und leichte Wände werden abgetragen, Züge entgleisen, Wald wird großteils entwurzelt, LKW und PKW werden umgeworfen oder verschoben, PKW auch verfrachtet.

  • F4 (333 bis 418 km/h): Holzhäuser mit schwacher Verankerung werden verschoben, schwere Gegenstände werden zu gefährlichen Projektilen.

  • F5 (419 bis 512 km/h): Holzhäuser werden von ihren Fundamenten gerissen, weit verschoben und zerlegt. Sogar asphaltierte Straßen können vom Boden «gesaugt» werden.



In der Schweiz sind Tornados eher selten. Sie können in sehr starken Gewitterzellen zwar auftreten, sind aber meistens kurzlebig und erreichen kaum mehr als die zweitniedrigste Stufe auf der Fujita-Skala (F1). Das liegt im Wesentlichen daran, dass die Alpen als «Klimaschranke» ein ungehindertes Aufeinanderprallen von subtropisch-warmen und polaren Luftmassen weitgehend verhindern. Viel häufiger kommen Tornados hingegen in den Ebenen des mittleren Westens der USA vor.

Downbursts sind bei starken Gewittern auch hierzulande hingegen keine Seltenheit. Diese kräftigen Fallböen, die aus den Gewittertürmen zu Boden stürzen, können ebenfalls sehr hohe Windgeschwindigkeiten erreichen (Orkanstärke oder mehr). Sie können genauso starke Schäden an Gebäuden und Vegetation anrichten, wie Tornados der unteren Stärkeklasse. (mst)

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