Umwelt

50 Tonnen Plastik landen jedes Jahr auf Zürcher Feldern

Jede vierte Probe von Kompost und Gärprodukten enthält zu viel Plastik. Das hat eine Analyse des kantonalen Amtes für Abfall ergeben. 

Plastik ist im Grüngut unerwünscht. Wird das Material nicht aufwendig entfernt, gelangt es im Dünger auf die Felder.

Plastik ist im Grüngut unerwünscht. Wird das Material nicht aufwendig entfernt, gelangt es im Dünger auf die Felder. Bild: Marc Dahinden

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Gräuslig, was einem so alles entgegenschaut, wenn man den Deckel eines Grüngutcontainers in einer Wohnsiedlung anhebt. Da wimmelt es teilweise von Plastiksäcken, Blumentöpfen, Katzensand und gerne ist auch mal ein Robidog-Säckchen mit Hundekot darunter. All das sind so genannte Fremdstoffe, die nichts in diesen Containern verloren haben.

Kein Problem, mag man meinen. Der ganze Plastikmüll wird bestimmt aussortiert. Denkste! Laut Elmar Kuhn, dem Leiter der Sektion Abfallwirtschaft beim kantonalen Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel) ist das Entfernen der Fremdstoffe sehr aufwendig. Von Hand können lediglich grössere unzulässige Abfälle entfernt werden. Und technische Anlagen zur Entfernung der Fremdstoffe werden nicht in allen Anlagen eingesetzt oder auf alle relevanten Fremdstoffe ausgerichtet. Im grossen Shredder werden dann die Fremdstoffe zusammen mit den biogenen Abfällen in viele kleine Teile verwandelt.

Rund 220000 Tonnen biogene Abfälle werden im Kanton Zürich pro Jahr gesammelt und in spezialisierten Abfallanlagen verarbeitet. Das geschieht in 36 Anlagen. Das eingesammelte Material wird entweder kompostiert oder kommt in eine Vergärungsanlage (siehe Kasten). Ein Grossteil wird dann von den Bauern als Dünger auf dem Äckern verteilt. Das macht mehr Sinn, als die biogenen Abfälle einfach zu verbrennen. Auf diese Weise kann man nämlich wertvolle Nährsoffe Phosphor, Stickstoff und Kali im Kreislauf behalten.

Kompost weniger belastet

Dass Plastikpartikel im Grüngut und dann im Kompost respektive den Gärprodukten ein Problem darstellen, weiss man schon länger. Das Awel hat nun aber Pionierarbeit geleistet, wie Kuhn sagt und in den Betrieben Materialproben genommen. Das Resultat: In zwölf von 41 Proben lag der Kunststoffgehalt über der Limite von 0,1 Prozent. Eklatant war der Unterschied zwischen den Komposten und den Vergärprodukten. Während lediglich zwei von 21 Kompostproben den Anforderungen nicht genügten, waren es bei den Vergärprodukten zehn von zwanzig, also jede zweite.

Generell war das vergärte Material stärker belastet, als das kompostierte. Die schlechteste Probe wies einen Kunststoffgehalt von mehr als 0,3 Prozent auf. Kuhn erklärt sich den Unterschied folgendermassen: In ländlichen Gebieten wird das Grüngut vorzugsweise kompostiert, weil mehr Gartenabfälle mit Strukturmaterial – beispielsweise Äste – anfallen. Biogene Abfälle aus städtischen Gebieten werden eher der Vergärung zugeführt, da dieses Material viele Küchenabfälle und weniger Strukturabfälle enthält .

Offenbar werden hier mehr Fremdstoffe in die Tonne geworfen. Teile der städtischen Bevölkerung sind womöglich schlechter informiert. Zudem existiert weniger soziale Kontrolle als bei den Sammelstellen auf dem Land.

Betriebe gerüffelt

Die tolerierten 0,1 Prozent sind zwar kein Grenzwert, sie geben aber ein Qualitätsziel vor, das laut der zugrunde liegenden Verordnung erreicht werden muss. «Wir haben deshalb die Betriebe beanstandet, in denen wir Proben mit zu hohen Kunstoffanteilen gefunden haben», sagt Elmar Kuhn. Der Kanton habe den Betrieben Auflagen gemacht. Sie müssen das Material nun selber auf den Kunststoffgehalt überprüfen und dem Kanton mitteilen, wie sie die Anforderungen künftig einhalten wollen.

Aus Sicht des Awel-Experten gibt es da verschiedene Möglichkeiten. Die Betriebe könnten sich überlegen, ob sie offensichtlich zu stark belastetes Grüngut zurückweisen wollen. Oder aber sie befreien Kompost und Vergärprodukte vom Kunststoff.

Das wichtigste Verfahren ist im Moment das Sieben, sagt Kuhn. Die Nachteile: Man erwischt nur grossflächigen Plastik und es bleibt Material hängen, das man eigentlich im Kompost behalten will – beispielsweise Holzstücke. Bei einer neu angewendeten Siebtechnik wird das Material auf einem Fliessband gerüttelt. Dadurch gelangen die leichten Plastikanteile an die Oberfläche.

Seit kurzem findet auch eine High-Tech-Lösung Anwendung, bei welcher ein Scanner die Fremdstoffe auf einem Band mit Gärgut oder Kompost absucht. Der so erkannte Kunststoff wird dann nach einer Überfallkante mit Hilfe von Druckluftdüsen herausgeblasen.

Preise könnten steigen

Egal, welche Technologie verwendet wird: Der Aufwand in der Verarbeitung steigt. Im Endeffekt kann dies für den einzelnen Konsumenten letztlich zu höheren Abfall- oder Grüngutgebühren führen.

Erhöhen die verarbeitenden Betriebe den Preis pro abgelieferte Tonne Grüngut, kommen die Gemeinden stärker in die Pflicht. Sie können die Bewohner intensiver informieren oder aber die Grüngutcontainer bei der Leerung auf nicht zulässige Fremdstoffe kontrollieren. Kaut Elmar Kuhn gibt es etliche Gemeinden, welche der Grüngutabfuhr vorgegeben haben, Container stehen zu lassen, wenn sich Fremdstoffe darin finden. Die Stadt Winterthur hat hat ein auf dem Fahrzeug montiertes digitales Erfassungsgerät getestet. Mittels Kamera werden Fremdstoffe vor der Leerung der Container erfasst und bei hohen Anteilen erfolgt ein Signal. 

Dass das Problem mit dem Kunststoff im Grüngut nicht zu vernachlässigen ist, zeigt neben der Kosten- auch eine andere Rechnung. Die Kunststoffgehalte, welche das Awel in den Proben gefunden hat, ergeben hochgerechnet, dass im Kanton Zürich pro Jahr 50 Tonnen Kunststoffpartikel auf den Feldern landen. Laut Elmar Kuhn ist diese Rechnung durchaus realistisch. Bevor die Ergebnisse der Zürcher Proben bekannt waren, ging eine Schätzung von rund 50 Tonnen für die ganze Schweiz aus.

Kuhn sieht in diesem Zusammenhang vor allem zwei Probleme: Noch weiss man nicht, welches Umweltrisiko die Verschmutzung mit den Plastikpartikeln bedeutet. Unklar ist beispielsweise, ob sich das nachteilig auf die Fruchtbarkeit der Böden auswirkt. Nachgewiesen sei ein solcher Effekt im Moment noch nicht, die Frage werde aber aktuell untersucht.

Das zweite ist ein Imageproblem. Die Landwirte sehen es nicht gerne, wenn der Kompost oder das Vergärprodukt mit Kunststoffpartikeln verunreinigt ist. Wird der Dünger auf den Feldern ausgebracht, können die Kunststoffpartikel durchaus auffallen. Und was mögen sich da die Sonntagsspaziergänger denken, wenn sie den Kunststoffabfall auf den Feldern sehen?

Erstellt: 23.01.2020, 18:52 Uhr

Vergären oder kompostieren

Die Vergärung ist ein natürlicher biologischer Prozess. Dabei wird pflanzliches und tierisches Material in einem Tank durch Mikroorganismen und unter Ausschluss von Sauerstoff abgebaut. So kann flüssiges und festes Gärgut sowie Biogas gewonnen werden. Das Gärgut wird in der Regel nachträglich belüftet und zum grössten Teil als Dünger in der Landwirtschaft eingesetzt. 

Beim Kompostieren werden die biogenen Abfälle fachgerecht verrottet. Anders als beim Vergären, spielt beim Kompostieren der Sauerstoff eine wichtige Rolle. Von Platzkompostierung ist die Rede, wenn der kontrollierte biologische Prozess auf einem befestigten Platz – und zwar auf einer wasserundurchlässigen Oberfläche – stattfindet.

Neben der Platzkompostierunggibt es auch die Feldrandkompostierung. Sie spielt mit einem Anteil von weniger als zwei Prozent aber eine untergeordnete Rolle.

Im Kanton Zürich werden gut zwei Drittel der biogenen Abfälle – also rund 155000 Tonnen – in Vergärungsanlagen verarbeitet. Der Rest wird kompostiert. (pag)

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