Zürich

Eine ganz neue Perspektive

Das internationale Kollektiv «Social Space Agency» will im sozialen Raum Grenzen aufbrechen. Nun hat es kurzerhand das Niederdorf neu erfunden. Mit einem Stadtrundgang, der streng genommen keiner war.

Mit offenen Augen und frischem Blick entdeckten Miko Hucko (Bildmitte) und die Teilnehmer neue Seiten und Geschichten des Zürcher Niederdorf.

Mit offenen Augen und frischem Blick entdeckten Miko Hucko (Bildmitte) und die Teilnehmer neue Seiten und Geschichten des Zürcher Niederdorf. Bild: Michele Limina

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Stadtrundgänge gibt es nicht gerade wenige, und alle versprechen dabei immer eines: Eine neue Perspektive. Dass dieser Stadtrundgang am Donnerstagabend aber tatsächlich kein gewöhnlicher ist, ahnen die Teilnehmer bereits bei den ersten Worten der «Tour-Guides»: «Willkommen in der Karl-Stadt, der Hauptstadt von allen Felix und Regulas dieser Welt», sagt Micha Küchler, vor dem Grossmünster stehend, und erntet irritierte Blicke aus dem Halbkreis, der sich um ihn bildet.

Doch das kümmert ihn nicht, denn nichts ist wie es scheint bei der «Social Space Agency» und «gewöhnlich» schon gar nicht: Zürich neu schreiben, neue Geschichten entdecken, die Stadt erfahrbar machen, eine «wagemutige Entdeckungsreise» unternehmen wollen Micha Küchler und seine zwei Kolleginnen Miko Hucko und Iren Weber an diesem Abend. «Zu einer Stadt gehört immer ein Lebensgefühl, getragen von Gesten, Erzählungen, Stadtoriginalen, einem Slang, einem Tempo», sagt die «Social Space Agency» – und schon bald sieht man sie und die Teilnehmer im «Niederdörfli» mit Kreiden Erinnerungen auf die Gassen malen, an Wänden entlang springen, in dunkle Ecken hineinlangen und in schmalen Gässchen gestenreich fiktive Geschichten zu realen Gegenständen erzählen.

Die Teilnehmer als Experten

«Ich hatte mir etwas vollkommen anderes vorgestellt als ich herkam. Ich dachte, wir gehen hier einfach an eine Stadtführung», sagt Ursula Tauch, eine ältere Dame, zuerst skeptisch – um ein wenig später völlig in ihre Geschichte vertieft über einem Schreibblock gebeugt zu sitzen, während der Regen auf ihren Regenschirm tröpfelt. Drei verschiedene Gruppen hat die «Social Space Agency» gemacht, um die Stadt neu zu entdecken. Ursula Tauch gehört der Gruppe von Miko Hucko an, in der es darum geht, neue Geschichten im Niederdorf zu finden. Jeder fasst darum in einem schmalen Seitengässchen mit dem Namen «Scheitergasse» etwas ins Auge, das im auffällt und muss - per Würfelprinzip - zu einer Epoche eine Geschichte dazu erfinden.

Und so werden die Pflastersteine der Scheitergasse in der Geschichte von Ursula Tauch zu Überbleibseln eines Kometen welcher dazumals Louis XIV den Weg nach Zürich gewiesen hatte. Ein Tor wird zur Verbrennungsanlage von Hexen und in einer anderen Geschichte wiederum zum Drogenlabor eines Apothekers in den 60ern. Und eine gusseiserne Tulpe in einem Hauseingang zum Erinnerungsstück an den «berühmten» Zürcher Tulpenkönig. «Ist das wahr?», fragt zwischendurch plötzlich einer der Teilnehmer ob der überzeugten Präsentation, worauf der Erzähler mit einem überzeugten «Aber klar!» antwortet. Das stimmt natürlich nicht, aber ob Fiktion oder Wahrheit, das spielt bei diesem Stadtrundgang sowieso keine Rolle.

«Kein Kunst-Ding»

Micha Küchlers Gruppe wiederum entdeckt die Stadt gerade, indem sie Wände und Erker des Niederdorfs abtastet, in verschiedenen Geschwindigkeiten abläuft und den Coop am Stadelhofen kurzerhand zu einem Gefängnis macht, aus dem man nur ausbrechen kann wenn man die Namen der «Wärter» alias Verkäufer erkennt. Ein wenig weiter sitzt wiederum Iren Weber mit ihrer Gruppe auf einem Bänkli, blickt auf die Limmat und spricht über Erinnerungen: «Weisst du noch, als dass grosse Flossfestival auf der Limmat war?» - «Ou ja, das war schön.» Später sind dann überall in den Gässchen mit Kreide geschriebene Erinnerungen nachzulesen. Ob sie wahr sind oder nicht ist auch hier total egal.

Aber ist das nun einfach Theater oder macht das auch irgendeinen Sinn? «Es geht uns darum, Wege aufzuzeigen, wie man eine Stadt wahrnehmen kann», sagt Micha Küchler. «Und indem wir die Regeln verändern, können die Menschen andere Perspektiven einnehmen.» Küchler, der sonst Theater macht, möchte den Stadtrundgang darum auch bewusst nicht als «ein Kunst-Ding» verstanden wissen. «Normalerweise läuft man doch auf zwei Arten durch das Niederdorf: Als Shopper oder zielstrebig von A nach B. Wir legen nun einfach den Fokus auf andere Dinge und bieten damit neue Optionen.»

Wie als Kind

Tatsächlich sind die skeptischen Mienen aufgeregten gewichen, als sich die Gruppen am Schluss im Zentrum «Karl der Grosse», welches die Führung organisiert hat, wieder treffen. Menschen allen Alters sitzen um einen grossen Tisch und tauschen aufgeregt ihre Erfahrungen aus.

Neues gelernt über Zürich haben dabei nicht nur die Teilnehmer sondern auch die «Stadtführer». Denn Micha Küchler zum Beispiel kommt eigentlich aus Bern und hat keine Ahnung von der Limmatstadt. «Aber das ist auch vollkommen egal», sagt er. Wichtig sei nicht die Stadt sondern der Zugang dazu. Er hofft, den Besuchern eine Möglichkeit auf den Weg mitgegeben zu haben, die eigene Stadt neu zu entdecken: «Das können sie auch ohne Stadtführung tun.» Zum Beispiel in dem man die Umgebung mal genauer anschaut, wenn man an der Bushaltestelle steht, anstatt in das Smartphone zu starren. «So wie früher, als ich als Kind mit grossen Augen durch die Strassen lief», sagt einer der Besucher. Und hat damit nicht Unrecht. (landbote.ch)

Erstellt: 19.04.2015, 14:27 Uhr

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