Jugendsprache

«Gömmer Bahnhof?» – Wieso die Jugend so spricht

«Jugotüütsch» und «Balkan-Slang»: Das weiss die Wissenschaft über die Jugendsprache.

Sprachliche Fehler als Aufmüpfigkeit gegen das ‹Bünzli-Schweizerische›? Jugendliche am Hauptbahnhof Zürich.

Sprachliche Fehler als Aufmüpfigkeit gegen das ‹Bünzli-Schweizerische›? Jugendliche am Hauptbahnhof Zürich. Bild: Nicola Pitaro

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Ja, voll Mann», sagt Stephan Schmid und verzieht keine Miene. Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Phonetischen Laboratorium der Universität Zürich imitiert Jugendsprache so präzise, dass er problemlos in einer Gruppe von Teenagern um den coolsten Slang wetteifern könnte. Denn darum geht es dabei meistens: um Coolness, Provokation, Abgrenzung, Identität und Kultur - aber auch um Kreativität und Humor.

Schmid und sein Team erforschen die Sprechweise – in der Fachsprache «Multiethnolekt» genannt – seit zwei Jahren. Dazu haben sie in der Stadt Zürich zwei Schulklassen besucht und 48 Sekschüler ins Mikrofon sprechen lassen. Die meisten haben Migrationshintergrund.

«Jugendliche setzen ihre Sprechweise teils bewusst als stilistisches Mittel ein.»Stephan Schmid

Einer weiteren Klasse wurden die Tonaufnahmen vorgespielt. Die Schülerinnen und Schüler sollten sie den jeweiligen Sprecherinnen und Sprechern zuordnen. «Es war verblüffend, wie gut sie das konnten», sagt Schmid. Sprache verrät viel über die Herkunft, aber auch über den sozialen Hintergrund. Mittlerweile werden die Aufnahmen und Daten ausgewertet. In einem Jahr wird das Forschungsprojekt abgeschlossen.

Was sind die Merkmale dieses Slangs, der mittlerweile auch von Kindern und Jugendlichen ohne Migrationshintergrund übernommen wird? Und wie wirkt er sich auf die Zürcher Mundart aus?

Una Schnupperlehr

Zunächst einmal ist das Phänomen nicht zu verwechseln mit de Sprachmischung, die man seit den 1960er-Jahren teils unter italienischen Einwanderern hört. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass Italienisch und Schweizerdeutsch in ein und demselben Satz verwendet werden.

Code Switching am Beispiel einer Italienerin in den 80er-Jahren. Tonaufnahme: PD

Zum Beispiel: «Nella terza Sek ho fatto una Schnupperlehr», wie es in der Tonaufnahme einer Italienerin aus den 80er-Jahren heisst. In diesem Fall spricht man nicht von Ethnolekt, sondern von Code Switching.

Osman und die Ehre

Die Umgangssprache, die heute unter Jugendlichen vorherrscht, tauchte erstmals um die Jahrtausendwende in Deutschschweizer Städten auf. Geprägt wurde sie von Jugendlichen, deren Eltern aus dem ehemaligen Jugoslawien in die Schweiz gezogen waren. Zuerst wurde sie von den Medien aufgegriffen, es fielen erstmals die Begriffe «Balkan-Slang» und «Jugotüütsch». Kultstatus erlangte ein 18-Jähriger namens Osman, der 2001 in der TV3-Sendung Fohrler Live zu Jugend und Gewalt sprach. Sein Satz «Ja will ich ha Ehre Mann» wurde tausendfach zitiert.

Sequenz aus der Talksendung «Fohrler Live» auf TV3. Video: PD

Dass der Slang so tönt wie er tönt, hat nicht nur mit der fremden Erstsprache der Jugendlichen zu tun. Laut Schmid geht es um mehr: «Die teils absichtlichen grammatikalischen Fehler können als Ausdruck einer jugendlichen Aufmüpfigkeit gegen das verstanden werden, was die Jugendlichen als ‹Bünzli-Schweizerisch› betrachten.»

Kein Wort zu viel

Neben Gesprächswörtern wie beispielsweise «Hey, Mann» zählt der Verzicht auf Präpositionen zu den Merkmalen des Schweizerdeutschen Ethnolekts. Das zeigt sich etwa beim oft gehörten und parodierten «Gömmer Bahnhof», bei dem die Präposition «zum» bewusst weggelassen wird. Dasselbe gilt für die Artikel. Zum Beispiel: «Baby schlaft no» statt «S’Baby schlaft no» oder «Isch Fäler gsi» statt «Isch en Fähler gsi». Das könnte gemäss Schmid damit zusammenhängen, dass etwa im Albanischen keine unbestimmten Artikel vorkommen. «Man fischt quasi im Teich der Muttersprache.»

Das weiche G

Ein weiteres Merkmal ist die stimmhafte Aussprache der Konsonanten «b», «d» und «g» und die Betonung des «s» am Wortanfang. Bei «Gömmer Bahnhof» wird das «g» ganz weich ausgesprochen, bei «ssso doof» wird der Wortanfang dagegen umso stärker hervorgehoben. Auch Geschlecht und Fall (Genus und Kasus) werden teils vernachlässigt oder falsch angewendet: «dä Tram», «si hät mich aglüte». Eine weitere Eigenheit der Aussprache ist ein gewisser Staccato-Rhythmus.

Albaner wie Eritreer

Zwar haben Secondos aus dem Balkan die neue Sprechweise geprägt. Doch längst haben sie auch Jugendliche mit Eltern aus Eritrea, Pakistan oder Nigeria übernommen. Unterschiede sind dabei kaum auszumachen.

Mike Müller, der Meister

Die Wissenschaft unterscheidet zwischen primärem, sekundärem und tertiärem Ethnolekt. Der primäre wird Jugendlichen mit Migrationshintergrund zugeschrieben, der tertiäre solchen ohne Migrationshintergrund. Sie übernehmen den Slang also eher im Sinne eines Sprachspiels – oder um sich einer Gruppe anzuschliessen.

Mike Müller alias Herr Berisha mit Märli-Tante Trudi Gerster in der Satire-Sendung «punkt.CH». Video: SRF

Von sekundärem Ethnolekt spricht man, wenn der primäre Ethnolekt mit Übertreibungen ad absurdum geführt wird, etwa durch Komiker. Als Meister des sekundären Ethnolekts gilt Mike Müller, der bereits 2004 am Schweizer Fernsehen als «Herr Berisha» einen Spezialisten für Jugendsprache spielte.

Nur ein Klischee?

Sicher sei es so, dass Multiethnolekt eher in der Sek C als am Untergymnasium gesprochen werde, sagt Schmid. «Aber auch dort hört man es.» Er warnt davor, Jugendliche auf ihre Sprechweise zu reduzieren. «Sie setzen sie teils bewusst als stilistisches Mittel ein. Und man kann dies durchaus als Ausdruck von Kreativität und einer gewissen metasprachlichen Kompetenz verstehen.» Schmid kann sich gut vorstellen, dass Jugendliche den Slang mit der Zeit ablegen und je nach Gegenüber fähig sind, zwischen «Gömmer Bahnhof» und «Mir gönd zum Bahnhof» zu wechseln. Aussprache könne man ändern, auch als Erwachsener. «Wer von Zürich nach Bern zieht, ist oft auch fähig, den neuen Dialekt anzunehmen.»

Straattaal und Kebab-Norsk

Ethnolekt kennt man nicht nur in der Schweiz. Früh erforscht wurde er in den USA, wo ihn vor allem Einwanderer aus Lateinamerika prägten. Aber auch in Europa ist er weit verbreitet. Die jeweiligen Bezeichnungen verweisen meist auf Klischees, Stereotypen und Herkunftsregionen. So kennt man beim nördlichen Nachbarn das Türkendeutsch, in den Niederlanden die «Straattaal» (Strassensprache) und in Norwegen das Kebab-Norsk.

Keine Verarmung

Kritiker befürchten, dass der Ethnolekt das Züritüütsch beeinflusst oder gar verdrängt. Von Verluderung und Verarmung der einheimischen Mundart ist teils die Rede. Schmid gibt zu bedenken, dass etwa der Verzicht auf Präposition und Artikel noch keine Verarmung der Sprache bedeute. «Auch im Russischen gibt es keine Artikel – und das ist immerhin eine Weltsprache.» Ausserdem ist es durchaus möglich, dass der Slang wieder verschwinden wird wie eine Mode. «Sprachwandel gab es schon immer», sagt er. «Und vor allem lässt er sich nicht aufhalten.»

«Es ist durchaus möglich, dass der Slang wieder verschwinden wird wie eine Mode.»Stephan Schmid

Erstellt: 08.11.2019, 11:42 Uhr

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles