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Radio Zürisee investiert zwei Millionen in neues Studio

Ab dem 1. Oktober sendet Radio Zürisee aus einem neuen Studio – und einem eigenen Wohnzimmer. Rund zwei Millionen Franken investiert der Sender in die Erneuerung seiner Infrastruktur und damit in die Zukunft des Mediums Radio.

Video: Conradin Knabenhans

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Keck recken gut zwei Dutzend Stoffschwäne ihre Köpfe aus einem runden Stuhl. Die Kreation von zwei belgischen Designern ist ebenso durchgeknallt frisch wie verstörend. Für die Macher von Radio Zürisee ist der Stuhl Inbegriff des Aufbruchs. Die klassischen Bürostühle und Pulte sind Schwanenstuhl, Sofa und Salontisch gewichen. Aus den alten grauen Redaktionsräumen ist ein Loft geworden.

Der Raum im ehemaligen Hotel Post in Rapperswil hat seine alte Bestimmung zurück: Er wird zur Showbühne – und mit ihm der Stuhl mit Schwanenköpfen. «Ein besseres Symbol für einen Seesender hätten wir nicht finden können», sagt Matthias Kost, Geschäftsführer des Senders.

Auf den Schwanensessel ist er besonders stolz: Matthias Kost, Geschäftsführer. Foto Patrick Gutenberg

Was der Stuhl kostet, dürfte angesichts der Gesamtinvestition zweitrangig sein. Gut zwei Millionen Franken hat Radio Zürisee in die Generalüberholung der Technik und die Modernisierung der Räumlichkeiten gesteckt.

Intimere Gespräche

Die vergangenen Monate hat das Team eingepfercht aus einem Provisorium gesendet. Ab kommender Woche macht das Team hingegen aus einem topmodernen Studio Radio. Computer, Mischpulte und Sendesystem sind komplett auf aktuelle Technik ausgerichtet. 10 Kameras filmen das Geschehen im eigentlichen Studio und des angrenzenden Lofts.

Sofa statt Studio: Talks sind in entspannter Atmosphäre möglich. Foto: Patrick Gutenberg

«Für uns war wichtig, dass wir auch den Loft selber als Studio nutzen können», sagt Kost. Wenn im Radio Rezepte besprochen werden, dann soll nichts mehr gekünstelt werden, sondern in der Loftküche tatsächlich gekocht oder gebacken werden. Interviews führen die Moderatoren nicht mehr stehend mit Kopfhörern im Studio, sondern laden zum gemütlichen Talk auf dem Sofa. Musiker können ihr Können danach gleich auf der Loft-Bühne präsentieren. «Wir erhoffen uns, dass die Gäste in diesem Rahmen offener und persönlicher erzählen.»

Damit der Wechsel vom eigentlichen Studio in den Loft technisch bei einer Livesendung und bei gleichem Personalaufwand möglich wird, haben die Radiomacher eigens eine Software programmiert, die das Studio fernsteuern kann.

So funktioniert die Fernsteuerung des Studios. Video:ckn

Mario Göldi, technischer Leiter des Radios, demonstriert, wie es geht: Auf einem Tablet-Computer schiebt er den Finger auf dem Display herum, drinnen im Studio bewegen sich die Mischpultregler wie von Geisterhand auf und ab. Auch die Produktion von Videos hat der Sender so nahezu automatisiert. Interviews soll man nun online auch sehen können.

An Bewährtem festhalten

Wird bei Radio Zürisee also alles anders? Nein, sagt Kost. Zwar klinge der Sender ab dem 1. Oktober dank neuem Soundelementen und neuen Sendersigneten frischer, inhaltlich bleibe man seinem Konzept aber treu. «Was wir mit dem Loft machen können, kommt obendrauf.» Neu ist auch, dass man das «Wohnzimmer» für Veranstaltungen mieten kann. Kleine Konzerte, Bankette oder Seminare werden möglich – veranstalten können die Events Kunden, aber auch der Sender selbst. «Alles ist nun immer einsatzbereit. Wir müssen nur die Tür öffnen», sagt Matthias Kost.

«Alles ist nun immer einsatzbereit. Wir müssen nur die Tür öffnen»Matthias Kost

Bestrebungen, Radiohörer mit Events näher an die eigene Marke heranzuführen, sind in der Schweiz kein neues Phänomen. Radio Energy, das zur Mediengruppe Ringier gehört, organisiert etwa Konzertevents, die teilweise ganze Sportstadien füllen. Dazu betreibt der Konzern an seinem Hauptsitz in Zürich auch ein Café, das einlädt, durch Glasscheiben den Radiomachern bei der Arbeit zuzuschauen. Ein Café mit Eventbühne betreiben auch Radio Top und Tele Top – allerdings in einem Ustermer Einkaufszentrum ohne Einblick in die eigentlichen Studios.

Radio bleibt Kerngeschäft

Dass ein Radio seine Infrastruktur derart radikal erneuert wie nun Radio Zürisee, ist hierzulande aber neu. Wird das Radio also zum Nebenprodukt, das einfach noch als Marke dient, um zahlungskräftige Kunden aus der Geschäftswelt anzulocken? Nein, sagt Matthias Kost. «Radio bleibt unser Kerngeschäft.» Man werde mit dem Loft nicht zum grossen Eventorganisator. Und: Es sei keine Investition zum Sparen, meint der Geschäftsführer, der im Gespräch stets das Positive hervorstreicht.

Immer alles bereit: Die Loft macht externe Veranstaltungsorte überflüssig. Foto: Patrick Gutenberg

Dass es für den einen oder anderen Event nun aber keinen externen Veranstaltungsort braucht, bei dem man Räume mieten und die ganze Technik auf- und abbauen muss, dürfte auch finanziell einen positiven Effekt haben. Kost sagt: «Die Radio Zürisee AG ist finanziell gesund». Im vergangenen Jahr wurden die AG des Senders und jene des Werbemarktes zusammengelegt. «Aber nicht weil wir mussten, sondern weil wir uns in der Stärke für Veränderungen bereit machen wollen.» Die Fusion habe das Unternehmen effizienter gemacht. Auch wenn es keine Entlassungen gab, wurden über natürliche Fluktuationen vereinzelt Stellenprozente abgebaut. Der Loft soll helfen, das Radio als Medium für die Zukunft mitten im digitalen Wandel fitzumachen.

Haus mit Überraschungen

So steinig dieser Weg wird, so steinig war auch jener zum neuen «Wohnzimmer» – wortwörtlich. Denn das über 100 Jahre alte Gebäude zählt zu den ersten Betonhäusern der Schweiz – und das war spürbar. Aus dem damals noch nicht richtig vermischten Beton bröckelten ganze Steine heraus, der ganze Etagenboden musste von aussen mit Stahlträgern verstärkt werden. Die Decke entpuppte sich bei genauerer Betrachtung als Drahtnetz mit flach darauf abgelegten Ziegeln, darüber bereits der Holzboden aus der nächsten Etage. «Aber wenn die Decke einmal offen ist, gibt es keinen Weg zurück mehr», sagt Matthias Kost schmunzelnd.

Schallgeschütztes Studio: Moderatorin Miriam Marco testet die neuen Systeme. Foto: Patrick Gutenberg

Aufwendig war der Bau auch, weil nicht nur das eigentliche Studio – eine eingebaute bis 100 Dezibel schallgeschützte Kabine mit einem Gewicht von 5 Tonnen – akustisch gut klingen soll, sondern der ganze Loft radiotauglich sein muss. Spezialdecken, Lüftungssysteme oder der Boden mussten so aufeinander abgestimmt werden, dass Interviews nach Studio und nicht nach Turnhalle klingen.

Kritische Stimmen

Bei den Mitarbeitern von Radio Zürisee ist die schöne neue Radiowelt noch nicht ganz angekommen. «Momentan steht bei mir im Vordergrund, dass ich die Technik im neuen Studio kennen lernen muss», sagt der langjährige Redaktor Dani Krähenbühl. Das Gefühl für den Loft komme dann wohl später noch.

Matthias Kost gibt denn auch zu, dass dem Projektteam ab und zu auch Skepsis entgegengeschlagen sei. Die Redaktion musste nicht nur während der Bauphase platzmässig etwas zusammenrücken. Und wie so oft sorgten gerade die kleinen Details für Gesprächsstoff. «Da wurde auch mal über das Design der Keramikplättchen im WC diskutiert», sagt Kost.

Das Team legt Hand an: Die Ständerlampe muss geschmückt werden. Foto: Patrick Gutenberg

Um den Mitarbeitern etwas Zeit zu geben, sich an die neuen Räumlichkeiten zu gewöhnen, wird zwar ab dem 1. Oktober aus dem Loft gesendet – die Eventlocation an sich aber erst Anfang November eröffnet. Und das «Wohnzimmer» sei explizit auch für das Team – etwa als Pausenraum – gedacht. Entsprechend legen auch die Mitarbeiter beim letzten Schliff Hand an. Moderatorin Alexandra Stüssi und Technikchef Mario Göldi etwa drapieren in einer ihrer Pausen Federn der neuen Ständerlampe bis zur Perfektion. Für Kost wird damit spürbar: «Der Loft ist das neue Herz von Radio Zürisee.»

Erstellt: 23.09.2019, 17:03 Uhr

Radio Zürisee


Das erste Studio von Radio Zürisee im Jahr 1983 an der Stäfner Seestrasse. Foto: Keystone

Radio Zürisee gehört mit täglich rund 217000 Hörerinnen und Hörern zu den meistgehörten Privatradiosendern der Schweiz. Gegründet wurde Radio Zürisee 1983 an der Seestrasse in Stäfa von der Buchdruckerei Stäfa AG, die damals auch diese Zeitung herausgab. Bis heute ist der Sender im Besitz der später umgetauften Zürichsee Medien AG. Mit Radio Bern 1 gehört der Mediengruppe ein Schwesterradio in der Hauptstadt, zudem beliefert das Bundeshaus-Radio als Tochter von Radio Zürisee mehrere Privatradiostationen mit Berichten aus der Bundespolitik. (ckn)

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