Urteil

Unbedingte Strafe für Behördenschreck bei allem Verständnis

Das Obergericht bestätigt eine Freiheitsstrafe von acht Monaten für einen ehemaligen Architekten, der zum Sonderling wurde.

Das Zürcher Obergericht.

Das Zürcher Obergericht. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Urteil bezieht sich auf Vorfälle im Frühling 2018 im Dorf Knonau. Der Besschuldigte hatte dort Todesdrohungen gegen den Gemeindepräsidenten und einen Gemeinderat ausgestossen. Aus Sicherheitsgründen musste die Gemeindeverwaltung ein paar Tage geschlossen werden. Seiner Festnahme widersetzte sich der Mann gewaltsam.

Mit einer unbedingten Freiheitsstrafe von acht Monaten hat das Obergericht das erstinstanzliche Urteil des Bezirksgerichts Affoltern bestätigt. An die Freiheitsstrafe wird die halbjährige Untersuchungshaft angerechnet. Eine bedingte Geldstrafe aus einem früheren Urteil muss der Beschuldigte nun bezahlen.

Hinter den Vorfällen liegt eine lange und komplexe Geschichte eines kreativen aber auch kritischen Mannes, der aufgrund seiner Eigenart und seiner psychischen Erkrankung immer mehr ins Abseits geriet. Mit verschiedenen Behörden geriet er immer wieder aneinander, galt bald als unangenehmer Querulant. Er fühlte sich zunehmend missverstanden und ungerecht behandelt.

Vom Sammler zum Messie

Der heute 73-Jährige lebt seit Jahrzehnten in der Gemeinde. Lange war er dort sehr angesehen. Er war als Architekt tätig und arbeitete mit dem regionalen Theater zusammen: Er sorgte für Bühnenbilder und Requisiten – schaffte auch die ausgefallensten Gegenstände herbei. Mit Blick darauf begann er alles Mögliche zu sammeln. Dies tat er immer exzessiver, im Dorf galt er mit der Zeit als Sonderling.

Eine Abwärtsspirale kam in Gang, verstärkt durch eine psychische Erkrankung. Laut der Gutachterin im Strafverfahren liegt eine Zwangsstörung vor, ein «pathologisches Horten» – das Messie-Syndrom. Was er zusammentrug, lagerte er in seinem Haus und auf seinem Grundstück, bis kaum mehr ein Durchkommen war.

Mehrmals wurden Zwangsräumungen angeordnet, gegen die sich der Mann, der inzwischen einen Beistand bekommen hatte, erfolglos wehrte. Und schliesslich brannte eines Nachts sein Haus ab.

Untätige Behörden

Die Brandermittler kamen zum Schluss, dass Brandstiftung vorliege, der Bewohner selbst aber nicht als Verursacher in Frage komme, wie der Verteidiger ausführte. Die Behörden unternahmen aber nicht viel, so dass bis heute der Täter unbekannt ist. Obendrein wartet der Mann noch immer auf die Auszahlung der Versicherungssumme.

In die Enge getrieben

Der Beschuldigte sah sich bestätigt in seiner Wahrnehmung der ungerechten Behandlung und des Desinteresses der Behörden an ihm und seinen Angelegenheiten. Er fühlte sich in zunehmendem Masse in die Enge getrieben. Gegenüber von Bekannten, bei denen er nach dem Brand Unterschlupf gefunden hatte, machte er seiner Wut und Frustration Luft.

Er werde den Gemeindepräsidenten und einen bestimmten Gemeinderat erschiessen und sich dann selbst richten, schimpfte er immer wieder – so lange und so wütend, bis sich die Bekannten ernstlich Sorgen machten und die beiden Behördenmitglieder informierten. Auf die massiven Drohungen hin wurde die Gemeindeverwaltung im Mai 2018 für ein paar Tage geschlossen. Der Mann wurde festgenommen.

In der mündlichen Urteilsbegründung nannte der Obergerichtspräsident das Vorgefallene eine «sehr tragische Geschichte». Das Gericht habe eine Therapie angeordnet, auch wenn wenig Aussicht auf Heilung bestehe. Sinnvoll wäre aber für den Mann, friedliche, gewaltlose Handlungsweisen für den Umgang mit schwierigen Situationen zu erlernen. (sda)

Erstellt: 14.02.2020, 14:55 Uhr

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles