Prozess

Warnschüsse haben Leben gefährdet

Ein Mann schoss im Zürcher Kreis 4 ins Trottoir. Er habe sich vor der Rache für Taten seines Sohnes gefürchtet. Dieser Sohn ist Jeton G., der in Schwamendingen einen Mord begangen haben soll.

Das Obergericht bestätigte gestern das Urteil gegen einen kosovarischstämmigen Schweizer.

Das Obergericht bestätigte gestern das Urteil gegen einen kosovarischstämmigen Schweizer. Bild: Urs Jaudas

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Was harmlos begann, endete spät nachts am 15. Juli 2017 dramatisch. Zunächst unterhielt sich Ydhi G.* im damaligen Restaurant Forum an der Badenerstrasse im Zürcher Kreis 4 mit einem Bekannten über Probleme mit der Schaltung seines Mercedes.-Vor dem Lokal feuerte der Schweizer mit kosovarischen Wurzeln zwei Warnschüsse aus seiner Pistole ins Trottoir.

Eines der Projektile blieb im Asphalt stecken, das andere zersplitterte beim Aufprall. Teile des Projektils landeten im Restaurant. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft hätten die Abpraller Personen verletzen oder gar töten können. Ydhi G. habe das gewusst und auch gewollt, schreibt die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift. Deshalb habe er sich der Gefährdung des Lebens schuldig gemacht.

Weil der Mann für die Pistole, die er 2011 oder 2012 in Deutschland erworben hatte, keinen Waffenschein besass, hat er zuedemgegen das Waffengesetz verstossen. Das Bezirksgericht Zürich hatte den 69-Jährigen in allen Punkten schuldig gesprochen. Das Verdikt bezüglich widerrechtlichen Waffenbesitz akzeptierte der Mann. Er bestritt auch den eigentlichen Sachverhalt nicht.

Beschlagnahmtes Geld zurückgefordert

Gestern focht er vor dem Zürcher Obergericht indes an, dass er mit seiner Aktion Leben gefährdet haben soll. Zudem wollte er die Rückgabe von rund 22 000 Franken erwirken, welche in seiner Wohnung beschlagnahmt worden waren. Das Geld gehöre grösstenteils gar nicht ihm. Amtlich verteidigt wurde Ydhi G. durch den Anwalt und SVP-Kantonsrat Valentin Landmann.

Ydhi G. ist 1975 als 25-Jähriger in die Schweiz gekommen. «Weil ich das Land so schön fand und wegen des Geldes», wie er den Gerichts-Dolmetscher übersetzen liess. Seit einem Arbeitsunfall 1985 lebte er von einer Rente der Suva. Im Jahr 2000 wurde er eingebürgert. Bis jetzt ist der Mann nicht vorbestraft.

Mit seiner zweiten Frau hat er sieben Kinder. Eines davon ist Jeton G., der sich ab dem 11. September wegen Mordes vor dem Bezirksgericht Zürich verantworten muss. Er hatte Anfang März 2015 in Zürich Affoltern einen Mann aus Montenegro erschossen. Der Prozess ist auf vier Tage angesetzt.

Im Zusammenhang mit dem gestrigen Prozess ist die Tat von Jeton G. bedeutsam. Wie dessen Vater vor Obergericht schilderte, fühlte er sich an jenem Abend im Juli 2017 von zwei Menschengruppen vor dem Restaurant Forum bedroht. Sie hätten miteinander gestritten.

«Ich meinte, sie hatten es auf mich abgesehen, wegen der Tat meines Sohnes», sagte der 69-Jährige, bevor er seinen Sohn ausschweifend verteidigte. Er selber sei dann aus dem Restaurant getreten und habe sich zwischen die beiden streitenden Gruppen gestellt. Dort habe er das Magazin in seine Pistole eingesetzt und auf den Boden geschossen. Im Militär habe er gelernt, die Gefahr, jemanden zu verletzen, sei so am geringsten.

Zum Waffenkauf 2011 oder 2012 in Deutschland äusserte sich Ydhi G. widersprüchlich. Er liebe Waffen, meinte er zuerst. Dann führte er ins Feld, der Verkäufer habe sich in einer finanziellen Notlage befunden. «Wir sind eine religiöse Familie und helfen Leuten in Not», sagte Ydhi G. Schliesslich meinte er auch noch die 200 Euro für die Waffe seien ihm sehr günstig erschienen. Zumindest kann der Kauf nichts mit der Tat seines Sohnes – und den darauf folgenden Drohungen gegenüber der ganzen Familie – zu tun haben. Sie geschah ja erst 2015.

«Vorinstanz wollte ein Exempel statuieren»

«Das Urteil der Vorinstanz tönt wie das Skript eines Westernfilms», sagte Valentin Landmann. Es gehe um einen «bösen Typen», der ohne Rücksicht herumballere. Vielmehr habe sein Mandant mit seiner Aktion einen Streit schlichten wollen. «Auch wenn das Vorgehen nicht klug war», wie Landmann einräumte.

Von einer Gefährdung des Lebens könne keine Rede sein. Das forensische Gutachten erwähne lediglich eine Verletzungsgefahr, nicht aber eine Lebensgefahr, welche von den Projektilteilen ausgegangen sei. Zudem habe sein Mandant weder skrupellos noch vorsätzlich gehandelt. «Der Vorinstanz ist es wohl darum gegangen, ein Exempel zu statuieren.»

Das Obergericht bestätigte gestern das Urteil des Bezirksgerichts. «Der Einsatz von Schusswaffen bedeutet unmittelbare Lebensgefahr», sagte der vorsitzende Richter und verwies auf ein Bundesgerichtsurteil in einem ähnlichen Fall.

Die Vorinstanz habe mit einer Freiheitsstrafe von 24 Monaten bedingt aber übermarcht. Nun sind es noch 14 Monate. Das beschlagnahmte Geld wird Ydhi G. aber nicht zurückerhalten. Es wird zur Deckung der Gerichtskosten verwendet. Diese haben sich gestern um 7000 Franken erhöht. Ydhi G. wird sich nun wohl ans Bundesgericht wenden.

*Name geändert

Erstellt: 15.08.2019, 20:18 Uhr

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