Zürich

Abschied vom Publikum

Er war ein grosser Volksschauspieler. Und machte auch den ­Kasperli. Und nicht immer war alles lustig. Jörg Schneider ist am Samstag im Alter von 80 Jahren gestorben.

Er gab uns sein Lachen: Jörg Schneider im Kindermusical «Zauber Zirkus Zuckerhut» als Clown Ringgi mit seinem Hund Zofi, 1978.

Er gab uns sein Lachen: Jörg Schneider im Kindermusical «Zauber Zirkus Zuckerhut» als Clown Ringgi mit seinem Hund Zofi, 1978. Bild: Keystone

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Auf der offiziellen Homepage von Jörg Schneider lässt sich nichts mehr bewegen. Nur noch ein Bild ist da, ein schwarzweisses Porträt des Volksschauspielers, der er war. Unten der Name – und die Daten eines Lebens: 1935–2015. Nichts mehr. Kein Tourneeplan. Keine Biografie. Keine Auszeichnungen. Nur ein Bild. Es steht für alles, was Jörg Schneider für uns war und ist.

Vorbereitet war man auf diesen Moment. Und man wollte sich doch nicht vorbereiten. Es gab schon genug Nachrufe noch zu Lebzeiten, als seine Krankheit ­öffentlich wurde.

Im Herbst 2014 musste er den zweiten Teil seiner Abschiedstournee «Happy Änd» absagen – er war an Leberkrebs erkrankt. Im Februar 2015 dann die letzte Premiere. «Usfahrt Oerlike» von Paul Riniker wurde an den Solothurner Filmtagen gezeigt. Jörg Schneider spielte einen alternden Unterhaltungskünstler, der von seinem Publikum Abschied nehmen muss.

«Godot» und «Motel»

Dieses Bild bleibt. Jörg Schneider in einer ernsten Rolle. So wie er auch ein ernsthafter Schauspieler war. Erwin Parker und Ellen Widmann waren in Zürich seine Lehrer. Jörg Schneider ist immer auch im E-Theater aufgetreten (dies für die Leute, die einen Unterschied zur Unterhaltungsszene machen): Er spielte in der Mundartadaption «Warte uf de Godot» von Beckett, er war der Zettel in Shakespeares «Ein Sommernachtstraum» (im Theater für den Kanton Zürich, wo er ein festes Engagement hatte). Und den Chefkoch Koni Frei spielte er auch in der Schweizer Fernseh­serie «Motel» (1984), was eher eine traurige Sache war, jedenfalls nach Ansicht des «Blicks».

Die erste Rolle am Zürcher Stadttheater 1957 war aber die des jungen Komikers – und da hat er, «Äxgüsi» (mit Jürg Rand­egger), schon viel Kabarett gemacht. «Äxgüsi – Aus meinem ­Leben» nannte er auch sein Buch mit biografischen Reminiszenzen. Es war in seinem Leben nicht alles Sonntag.

Die Unterhaltung aber gab den weiteren Weg vor. Jörg Schneider fand zum Fernsehen, dies an der Seite von Vico Torriani und besonders ab 1963 mit Schaggi Streuli und Paul Bühlmann in der Fernsehserie «Polizischt ­Wäckerli».

Es war, wie man so sagt, sein Durchbruch. Denn er kam als Hügü-Vögeli beim Volk gut an, das Volk mochte seine Hüftgürtelvertreter-Sprüche (das Fernsehen weniger). Und Jörg Schneider wurde auch später auf seinen Tourneen quer durch die Deutschschweiz mit seinen Boulevardkomödien überall gern gesehen. Die Titel sprechen für sich: «Der keusche Lebemann», «Der Pantoffelheld», «Der fidele Kasimir», «Liebe macht erfinderisch», «Sonny Boys». Und Musicals machte Jörg Schneider auch.

Das ist nicht «Warten auf Godot». Aber auch Boulevard ist eine ernsthafte Sache, die mit Liebe betrieben werden muss. Diese Liebe hat Jörg Schneider immer für das Unterhaltungstheater gezeigt. Er war ein Schauspieler zum Anfassen. «Einem Bruno Ganz schlägt man nicht auf die Schulter», hat er einmal, ganz Volksschauspieler, gesagt.

«Zwängeli und Bängeli»

Bruno Ganz machte auch nicht den Kasperli. Jörg Schneider war der Kasperli. Und das ist in seiner Karriere ein Kapitel für sich. Ab 1967 schrieb und vertonte Jörg Schneider Kasperli-Geschichten. An seiner Seite waren Ines Torelli und Paul Bühlmann, und zusammen müssen sie einen grossen Spass gehabt haben. Es entstanden mehr als 20 Folgen, von «S?Häxegärtli» bis zu «Die verhäxet Insle im Tümpelsee» (1995). Dazwischen ist so alles, was lautmalerisch und lustig ist: «S?Mondchalb und de Hurrlibutz», «S?Rhinozeros isch dureprännt», «Vom Zwängeli und vom Bängeli» – man möchte hier alle Titel zitieren. Später kam dann «Pumuckl» – auch das ein Erfolg. Die Kassetten und Schallplatten wurden mehr als drei Millionen Mal verkauft. Man kann sagen, die halbe Schweiz könne die Kasperli-Geschichten auswendig vorsagen. Und wer zur anderen Hälfte gehört, der lässt sich jetzt die Geschichten aufsagen. «Tri tra trullala, de Kasperli isch wider daa» wird bleiben.

Vom Kasperli hat Jörg Schneider dann auch einmal genug gehabt. «Ich bin jetzt in einem Alter, in dem ich dem Kasperli entwachsen bin», sagte er einmal. Er ist eben und bleibt: Jörg Schneider, der Volksschauspieler.

Im Stück «Letschti Liebi» hatte Jörg Schneider den Satz, dass er sich davon fürchtet, am Schluss ganz allein zu sein. Man hat ihn bis zuletzt auf seinen Wegen begleitet. (Der Landbote)

Erstellt: 23.08.2015, 22:57 Uhr

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