Ürikon

Als die Ritter von Ürikon am Morgarten ihr Leben liessen

Vor 700 Jahren wurde die Schlacht am Morgarten geschlagen. Das Ereignis wirkte sich bis an den Zürichsee aus: Ein Üriker Rittergeschlecht erlosch kurz darauf.

Das tragische Ende der Ritter von Ürikon hat der Zürcher Glasmaler Max Hunziker 1946 im Chorfenster der Üriker Ritterhauskapelle inszeniert.

Das tragische Ende der Ritter von Ürikon hat der Zürcher Glasmaler Max Hunziker 1946 im Chorfenster der Üriker Ritterhauskapelle inszeniert. Bild: Kurt Heuberger

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Am 15. November 1315 ritt Beringer von Ürikon, begleitet von seinen Brüdern Konrad und Rudolf, ins Verderben. Morgen Sonntag ist es 700 Jahre her, dass die Üriker in der Schlacht am Morgarten im Dienste der Habsburger den Tod fanden und damit das Ende eines regionalen Rittergeschlechts besiegelt wurde. So berichten es zumindest zahlreiche Chroniken.

Doch die Quellenlage ist dürftig: Die Schlacht am Morgarten findet zum ersten Mal 30 Jahre danach schriftlich Erwähnung. Nebst anderen lieferte der Barfüssermönch Johannes von Winterthur, dessen Vater auf Habsburger Seite überlebt hatte, eine Schilderung der Schlacht. Er stützte sich dabei vor allem auf Zitate aus der Bibel. Über die Ritter von Ürikon verlor er kein Wort.

Vieles, was die Schlacht am Morgarten betrifft, liegt im Dunkeln. Unklar ist, welches Ausmass sie tatsächlich hatte. Selbst der Anlass dafür ist nicht geklärt. Am bekanntesten ist die These, wonach der Feldzug des österreichischen Herzogs Leopold als Strafexpedition gegen die Schwyzer gedacht war, die 1314 das Kloster Einsiedeln geplündert hatten.

Eng verbunden mit Kloster

Trotz aller Unklarheiten gilt es unter Historikern als gesichert, dass am Morgarten ein kriegerischer Akt stattgefunden hat. Dass dabei Beringer, Konrad und Rudolf von Ürikon umkamen, ist zwar nicht bewiesen, es sprechen aber einige Indizien dafür. Die Suche danach beginnt nicht 1315, sondern fast 100 Jahre früher. Im Jahr 1229 taucht das Üriker Rittergeschlecht zum ersten Mal in einer Urkunde auf. Ein Albert von Ürikon wird darin als Zeuge eines Handels und Inhaber eines Lehens in Stäfa erwähnt, das ihm das Kloster Einsiedeln übertragen hatte.

Das Kloster war damals eine Regionalmacht: Seit dem 10. Jahrhundert besass es Ländereien und Höfe am Zürichsee. Dazu gehörten die Ufenau sowie ausgedehnte Gebiete um Pfäffikon SZ und Stäfa. Die Herren von Ürikon verwalteten einen Teil davon, besassen aber auch selber Güter. Ausserdem waren sie eng verbunden mit den Grafen von Rapperswil, die als Vögte über die Einsiedler Höfe wirkten und deren Schutzmacht waren. Die Üriker waren ihnen als Dienstleute verpflichtet und hatten ihnen militärische Gefolgschaft zu leisten, also auch am Morgarten. Möglicherweise waren sie sogar mit ihnen verwandt.

Dank den von Rapperswil übertragenen Ämtern erlangten die Herren von Ürikon eine gewisse Macht. Im Verlauf des 13. Jahrhunderts stiegen sie in den Ritterstand auf. Sie führten fortan ein Wappen mit zwei roten Pfählen auf goldenem Hintergrund. 1269 tauchte es zum ersten Mal in einem Siegel auf. Bis heute ziert es das Wappen von Ürikon.

Status war gefährdet

Ende des 13. Jahrhunderts wird erneut ein Albert von Ürikon in einer Urkunde erwähnt. Er war wohl der Sohn oder Enkel des erstgenannten Alberts. Der Mann hatte fünf Söhne – und ein Problem: Die vielen Nachkommen bedeuteten eine Gefahr für den Besitz des Hauses, wenn dieser in zu viele Erbteile aufgelöst werden musste. Albert fällte deshalb einen aus damaliger Sicht vernünftigen, letztlich aber fatalen Entscheid. Er bestimmte zwei Söhne für den geistlichen Stand. Sein gleichnamiger Sohn Albert wurde Priester in der Kirche Alt-Rapperswil in Altendorf. Sohn Diethelm schickte er ins Johanniterhaus Bubikon.

Es blieben Beringer, Konrad und Rudolf. Was diesen widerfuhr, ist nicht zweifelsfrei geklärt. Sicher ist nur: Am 29. Dezember 1315, sechs Wochen nach der Schlacht am Morgarten, waren sie tot. Das bezeugt eine Urkunde, die noch heute im Archiv des Klosters Einsiedeln zu sehen ist. Darin steht, dass die Brüder wie ihr Grossvater im Kloster bestattet sind – dort, wo auch ihr Vater seine letzte Ruhe finden wollte. Dieser hatte keine volljährigen männlichen Nachkommen weltlichen Standes mehr. Was also tun mit seinem Besitz? Albert von Ürikon errichtete im Kloster eine Stiftung, damit fünfmal pro Woche für die Verstorbenen gebetet und einmal jährlich eine Seelenmesse gehalten würde. Um einen Kaplan dafür zu finanzieren, übertrug er dem Kloster seinen Hof in Ürikon sowie Güter in Stäfa und Hombrechtikon. All dies ist in der Urkunde festgehalten. Vom Morgarten steht darin aber nichts.

Hatte dort dennoch das «historische Stündlein der Edlen von Ürikon» geschlagen, wie sich Chronist Arnold Egli 1981 in einer Publikation der Ritterhaus-Vereinigung Ürikon-Stäfa ausdrückte? Die Verstrickungen mit dem Kloster und den Rapperswilern lässt dies als plausibel erscheinen. Auch Alberts Schenkung kurz nach der Schlacht ist ein Indiz dafür. Zwar könnten seine Söhne vor oder nach der schicksalhaften Schlacht gestorben sein – eine Erklärung, weshalb die drei gleichzeitig oder kurz hintereinander ihr Leben liessen, fehlt aber.

In direkten Zusammenhang mit Morgarten gestellt wurden die Üriker erst 100 Jahre nach der Schlacht. Das Jahrzeitbuch von Bremgarten listet um 1420 die Opfer am Morgarten auf. Erwähnt wird dabei Beringer von Ürikon mit zwei Brüdern. Beringer hatte im Gegensatz zu Letzteren bereits den Ritterschlag erhalten und dürfte darum als Einziger namentlich erwähnt worden sein.

Rudolf taucht in einem Jahrzeitbuch der Pfarreikirche Ufenau auf, welcher Ürikon damals angehörte. Im Buch, das vor 1415 entstanden sein muss, gibt es mehrfach Hinweise darauf, dass Rudolf einen gewaltsamen Tod erlitt. In Chroniken aus dem 19. Jahrhundert wurden die Ritter als Opfer der Schlacht erwähnt. Einer von ihnen, vermutlich ist Rudolf gemeint, wird oft als Bannerträger des Klosters Einsiedeln und Hofmeister des Abts genannt.

Nach Zürich abgewandert

Nach dem Tod der Brüder erlosch das Geschlecht. Albert von Ürikon starb 1321 und wurde wie gewünscht im Kloster Einsiedeln bestattet. Der gefallene Rudolf hatte einen minderjährigen Sohn, Arnold, hinterlassen. Als Erwachsener wählte dieser den geistlichen Weg. Der verstorbene Konrad hatte zwei minderjährige Söhne, Konrad und Ulrich. Sie erbten jenen kleinen Teil der Güter, die ihr Grossvater Albert nicht dem Kloster vermacht hatte. Mit der Schenkung an Einsiedeln hatte dieser ihnen aber einen bedeutenden Teil der wirtschaftlichen Grundlage entzogen.

Die Spur der Herren von Ürikon verliert sich in Zürich. Viele verarmende Geschlechter zogen damals in die Stadt. Der vor einigen Jahren verstorbene Mittelalter-Historiker Roger Sablonier glaubte, dass die Üriker dieses Schicksal ohnehin ereilt hätte, Morgarten hin oder her. Sie seien nach 1295 nur noch selten in Quellen aufgetaucht – ein Hinweis darauf, dass ihnen der Aufbau einer starken Herrschaft nicht gelungen sei und sie schon vor Morgarten an Bedeutung verloren.

Mehr Erfolg hatte die Erlenbacher Familie Wirz. Das Kloster Einsiedeln setzte sie später in Ürikon als Ammänner ein. Die Familie baute das heutige Ritterhaus und führte das Wappen der Üriker Ritter weiter. Im Kloster Einsiedeln wurde derweil bis 1950 jährlich die Seelenmesse für Beringer, Konrad und Rudolf gelesen.Michel Wenzler Seit 1943 pflegt die Ritterhaus-Vereinigung Ürikon-Stäfa (www.ritterhaus-uerikon.ch) das Ritterhaus und dessen Geschichte.

Erstellt: 13.11.2015, 14:32 Uhr

Mit dieser Urkunde vermachte Albert von Ürikon am 29. Dezember 1315 sein Hab und Gut dem Kloster Einsiedeln. (Bild: Klosterarchiv Einsiedeln)

Morgarten

Auf welcher Seite kämpften die Üriker wirklich?

Einige Historiker sehen den Auslöser für die Schlacht am Morgarten im Streit um das Erbe der Grafen von Rapperswil, deren direkte Linie 1283 ausstarb. Der Zürcher Historiker Roger Sablonier vertrat die Ansicht, dass die Habsburger damals verstärkt versuchten, ihre Herrschaftsansprüche in ihrem Reich durchzusetzen. Die lokalen Adelsfamilien, die bislang Nutzniesser der von Rapperswil gewährten Rechten waren, störte dies. Sie begehrten demnach unter Werner von Homberg, einem Abkömmling des Rapperswiler Geschlechts, gegen die Habsburger auf.

Darunter waren möglicherweise auch die Üriker. Gemäss dieser Theorie wären sie am Morgarten nicht an der Seite des österreichischen Heers gestorben, sondern im Kampf mit Schwyz gegen die Habsburger. Die Schenkung an das Kloster Einsiedeln (siehe Haupttext) wäre demnach eine Wiedergutmachung nach dem Konflikt. (miw)

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