Kosmos

Besichtigung eines Universums

Zwanzig Jahre nach ihrem Debüt legt Arundhati Roy ihren neuen Roman «Das Ministerium des äussersten Glücks» vor. Am Montagabend hat die indische Autorin im Zürcher Kulturhaus Kosmos gelesen.

«Ich scheitere lieber, als dass ich auf ihrer Seite bin»: Arundhati Roy ist die kritische Stimme Indiens, sie lässt sich nicht vereinnehmen.

«Ich scheitere lieber, als dass ich auf ihrer Seite bin»: Arundhati Roy ist die kritische Stimme Indiens, sie lässt sich nicht vereinnehmen. Bild: Mayank Austen Soofi

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es hätte keine politische Lesung werden sollen. Doch bereits nach drei Sätzen war sie es doch. Eine Person, an die sie häufig denke, solle sie nennen, einen Ort und ein Ding. Mit dieser Aufgabe startete Mikael Krogerus sein Gespräch mit der Autorin Arundhati Roy. Sie zögerte kurz und sagte mit überraschend leiser, aber fester Stimme, dass sie die Person nicht nennen dürfe, sie würde sonst wohl verklagt.

Ein Lachen geht durch den Raum, man ahnt, dass sie auf Indiens Präsidenten Narendra Modi anspielt. Der Ort sei Indien, sagt Roy weiter. Und das Ding, das Ding sei die Leiche einer jungen Frau, einer Journalistin, einer Freundin von ihr, die vor vier Tagen vor ihrem Haus erschossen worden sei. Jetzt lacht niemand mehr. Es ist mucksmäuschenstill im bis zum letzten Platz besetzten Saal im Zürcher Kulturhaus Kosmos.

Ode an die Sprache

Wenn Arundhati Roy über ihr Leben und über ihre Literatur spricht, ist das immer auch politisch, sie kann und will es nicht trennen. Wieso wird aus ihrer Biografie deutlich, und widerspiegelt sich in ihren Romanen. «Der Gott der kleinen Dinge» (1997) wurde zum meistverkauften Buch einer indischen Autorin und gewann den Booker-Prize. Der Roman ist Familiensaga, Gesellschaftsbild und eine Ode an die Sprache als Kunstmittel in einem.

Zwanzig Jahre hat Roy auf einen Nachfolger des Romans warten lassen. Sie hat in dieser Zeit Essays geschrieben, kurze fiktive Texte, politische Kommentare, aber keinen Roman. 2017 ist nun «Das Ministerium des äussersten Glücks» erschienen, und auch dieser Roman ist bereits für den Booker-Prize nominiert.

Am Montagabend war Roy in Zürich zu Gast. Im neueröffneten Kulturhaus Kosmos las sie vor ausverkauftem Haus aus dem Roman und sprach über das Buch, ihr Leben und eben die Politik.

Wendepunkte

Zwei Wendepunkte haben ihr Leben zu einem literarischen und politischen gemacht. Als Kind einer Frau, die in einer sozial engmaschigen christlichen Gemeinschaft einen Hindu heiratete, sich von ihm scheiden liess und mit diesem Stigma wieder nach Hause zurückkehrte, erfuhr Roy, was es hiess, von der Sicherheit und Geborgenheit eines sozialen Netzes ausgeschlossen zu sein.

«Diese Erkenntnis war meine Geburtsstunde als Schriftstellerin. Ich begann mich Fragen zu stellen, genau hinzusehen. Weshalb ist meine Kindheit anders als die der anderen? Was haben wir gemacht, dass wir geächtet werden?»

Der zweite Wendepunkt war, als ihr erster Roman international erfolgreich wurde, und sie merkte, wie sie zum Gesicht des modernen, wirtschaftlich erfolgreichen Indiens gemacht wurde. Eines Indiens, das diesen Status ihrer Meinung nach, durch aggressiven Nationalismus, Unterdrückung und Anbiederung an den Westen erreichte. «Dieses Indien wollte ich nicht vertreten. Deshalb habe ich angefangen, mich kritisch dagegen zu äussern.»

Ob sie mit ihrem Engagement gegen Kapitalismus, Neo-Liberalismus, Nationalismus und Umweltzerstörung Erfolg habe? Das sei schwierig, antwortete Roy. Wenn sie bedenke, dass sie seit zwanzig Jahren politisch schreibe, und nun sehe, wo die Welt stehe, dann müsse sie sich eigentlich als Versagerin sehen. Aber es ging nie um Erfolg: «Ich scheitere lieber, als dass ich auf ihrer Seite bin.»

Einzigartige Figuren

Auch ihr neuer Roman, ist wenn auch fiktiv, ein politischer. Er spielt zu einem grossen Teil in Kaschmir, diesem Tal im Norden Indiens, das die dichteste Militärpräsenz weltweit aufweist, und behandelt Transsexualität, das indische Kastensystem und gesellschaftliche Rollenbilder. Es ist die Geschichte eines Indiens, das wie Arundhati Roy es in Zürich formulierte, «in verschiedenen Jahrhunderten gleichzeitig lebt».

Vor diesem Hintergrund kreiert Roy ein Universum, das so komisch wie tragisch ist, und die Schriftstellerin erzählt davon in einer Sprache, die so einzig- und eigenartig ist wie ihre Figuren. «Da war noch ein Geruch, der sie kannte», las sie aus dem Roman, die Szene spielt in Kaschmir. «Es war der Geruch von Angst. Er hing sauer in der Luft und verwandelte sie alle in Steine.»

Arundhati Roy: Das Ministerium des äussersten Glücks. Roman.S. Fischer Verlag, 560 Seiten., ca.Fr. 27.90

(Der Landbote)

Erstellt: 12.09.2017, 18:08 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!