Zürich

Das Jahrhundert eines Nachtclubs

Vom erstklassigen Spitzentanz über Josephine Baker bis zu Pete Doherty: Der Zürcher Nachtclub Mascotte erzählt die Geschichte der Unterhaltung in der Stadt – und das seit 100 Jahren.

Die Moden wechseln sich ab, das Mascotte bleibt. Das Corso-Haus am Bellevue mit dem Nachtclub 1982.

Die Moden wechseln sich ab, das Mascotte bleibt. Das Corso-Haus am Bellevue mit dem Nachtclub 1982. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dada wird 100. Das Mascotte wird 100. Dada ist heute Museum. Das Mascotte aber ist immer noch da – und feiert die Zukunft der Vergangenheit. Heute findet hier im Corso-Haus, Theaterstrasse 10, die grosse Jubiläumsfeier statt: 100 Jahre «Palais» Mascotte ist die Affiche. Stadtpräsidentin Corine Mauch spricht. Freddy Burger, der grosse Impresario, in dessen Portfolio der Nachtclub ist, spricht. Und zu den vornehmsten Attraktionen der geschlossenen Geburtstagsparty zählen: «O sole mio» von Christian Jott Jenny, «Die Absinth-Amaretti» von Patrick Frey, Pepe Lienhard und sein Orchester. Und Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger ist auch unter den eingeladenen Gästen.

Es ist schon ein kleines Wunder, dass dieses Etablissement seinen Platz über die Zeit auf der Karte der Unterhaltung in Zürich behalten hat – und dies gerade am Bellevue, wo früher am Abend ausser Oper und Tramverkehr nicht viel los war. Die Zeiten haben sich geändert, und das Mas- cotte ist immer ein bisschen vor ihnen gegangen. Zwar nicht so weit voraus wie Dada. Aber die Avantgarde läuft sich ja schnell auch tot – wie in anderen Clubs.

Feenhafte Beleuchtung zur Eröffnung

Doch es war ein Zufall, dass man sich im Mascotte heute an den ersten Tag erinnert. Der Zufall geht so: Während einer Recherche nach einer Collage mit Hutskizze der Künstlerin Leny Bider (deren kurzes Leben eine eigene Geschichte verdiente) stiessen ihr Biograf Johannes Dettwiler-Riesen und der Fotograf Hans van Reekam auf ein Inserat in den «Neuen Zürcher Nachrichten». Die Annonce weist auf die Eröffnung am Donnerstag, 13. Januar 1916, abends, hin, in «feenhafter Beleuchtung», wie es heisst. «Vornehmste Attraktionen» werden da angekündigt wie «Jeu de bal» mit Lucie Dankworth, erstklassiger Spitzentanz von Sahui und Charaktertänze von Jnes Sylvia nebst anderen «Sylvidentänzen». «Elegantestes Lokal der Schweiz», hiess es da weiter, mit «American Bar».

Draussen in Europa war gerade der Erste Weltkrieg. Im Westen gab es zu dieser Zeit nichts Neues, an der Westfront war es, so sagte man damals, ruhig. Die Zürcher Kinos zeigten andere Geschichten, zum Beispiel: «Ein unnützes Opfer» – «Grosses Drama aus dem wilden Westen». Und in den Zeitungen bot eine Mme Helene Durley, 12, Rue de la Chaussée-d’Antin, Paris, ihre Hilfe zur «Entwicklung und die Wiederbefestigung der Büste» an. Da kam das Mascotte zur richtigen Zeit.

Und der Nachtclub lief zu Grossform auf. In den Zwanziger- und Dreissigerjahren traten hier Josephine Baker und der junge Louis Armstrong auf – die Welt kam nach Zürich. Und das Mas- cotte strahlte selber in die Landschaft aus, nicht zuletzt mit dem Corso-Schriftzug von Max Bill. Die Fünfziger- und Sechzigerjahre gehörten dann den Big Bands und Livekonzerten, «gefolgt von den ersten Schweizer Go Go-Girls», wie es in der History des Hauses heisst. Nach einer Renovation wurde das Mascotte um 1970 von der Stadt erworben. Samy Davis Jr., Hazy Osterwald oder auch Pepe Lienhard traten im Mascotte auf – Letzterer übernahm die Bar 1977 zusammen mit Udo Jürgens und Freddy Burger – zu einer Zeit, als die ersten Discos entstanden.

Zur Ausstrahlung gehörte auch das erste Laserlicht in der Stadt, das Nachtlokal zog Stars wie Falco und andere an. Danach verfiel das Mascotte ein bisschen in Depression, es wurde zum «Café Grössenwahn», was in Zürich nicht besonders gut ankam. Wer hier gross tut, kann schon schnell mal das Gesicht verlieren.

Unterhaltung ist nicht Museumszeug, und so sind die Auftritte der grossen und kleinen Stars auch nicht besonders gut dokumentiert. Wechseln wir zur mündlichen Geschichte. Vom neuen Mascotte und von seiner Renaissance erzählt Alfonso Siegrist, der seit 2004 das neue Gesicht des Clubs ist und die Auftritte der Bands bucht. Für den neuen Stellenwert des Ortes steht der Anruf der Toten Hosen: «Dürfen wir hier spielen?» Sie durften. Und Campino gab hier alles und noch ein bisschen mehr.

Vom Mascotte ins Hallenstadion

Die Moden wechseln. Das Mas- cotte blieb. Das Nachtleben ist eine Frage der Chemie. Einer der Höhepunkte war der Auftritt der Babyshambles mit Pete Doherty. «Der war zwar total verladen», sagt Alfonso Siegrist, «aber das Konzert war richtig gut.» Und manchmal merkt das Publikum erst, wie gut die Auswahl war, wenn eine Band, die im Mascotte gespielt hat, zwei Jahre später im Hallenstadion auftritt. So war es mit Florence and the Machine.

Die Zukunft hat schon begonnen. Nach dem «O sole mio» heute kommen neben «Best Disco» und «Quality House Music» James Gruntz, Baroness oder King Gizzard & The Lizards Wizard ins Haus. Das ist die Feenbeleuchtung von morgen. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 13.01.2016, 10:28 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben