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Das könnte eine Fotografie sein

In der Kunstausstellung «Das Ringen um die Wirklichkeit» kann man Erkenntnisse gewinnen, die über das scheinbar Selbstverständliche hinausgehen. Deshalb lohnt sich die Fahrt ins Museum zu Allerheiligen.

Der Schaffhauser Künstler Andrin Winteler stellt mit seinen Werken die Wirklichkeit infrage (B, aus der Serie Monument, 2017).
Der Schaffhauser Künstler Andrin Winteler stellt mit seinen Werken die Wirklichkeit infrage (B, aus der Serie Monument, 2017).
zvg

Als es noch keine Fotos gab, glaubten die Menschen, ein meisterhaft gemaltes Bild könne die Realität abbilden. Über Jahrhunderte mühten sich Künstler ab, um die Perspektive zu perfektionieren und mit noch feineren Pinseln und Farbpigmenten die natürlichsten Hauttöne zu erzielen. Dann wurde die Kamera erfunden (1839), und die naturgetreue Abbildung gab es mit einem Klick. Was der Medienwandel mit dem Beobachter macht, untersucht die Kuratorin Jennifer Burkhard anhand von 28 Werken in der Ausstellung «Das Ringen um die Wirklichkeit» im Schaffhauser Museum zu Allerheiligen.

Fotorealistische Gemälde kennt man in der Schweiz insbesondere von Franz Gertsch, aber auch Gerhard Richter. Das weibliche Künstlerduo EberliMantel zitiert deshalb auch bekannte Werke von Richter: Man meint, «Ema (Akt auf einer Treppe)» zu sehen, dabei ist «Ella» ein Selbstporträt von Simone Eberli nach Gerhard Richter. Genauso geht es dem Betrachter, der erfreut «Betty», die Tochter des Künstlers, erkennt – dabei handelt es sich um «Leah», wiederum ein Selbstporträt von EberliMantel (Bild links). Derart verwirrt, sind die Kunstfreunde bestens eingestimmt auf die zentrale Frage der Präsentation: Kann man den Bildern (noch) trauen?

Irritierende Details

Der Bogen, den die neue Kuratorin in ihrer ersten Ausstellung im Hause schlägt, soll auch die eigene Sammlung einbeziehen. So wird «Pot blanc et plats» als klassisches Stillleben von Amédée Ozenfant in den Fokus gerückt, ebenso wie die verschrobenen Landschaftsbilder des Fotografen Andrin Winteler (*1986, Schaffhausen). Erwin Gloor, ebenfalls Schaffhauser, gehört mit «Spiegelung» und «Herbst­liches Stilleben» zu den Höhepunkten der frappierenden Schau. Er hat in seine späten Beispiele des Fotorealismus irritierende Details hineingemalt – denn die fünf und sechs Augen liegen auf dem Würfel doch nicht nebeneinander, oder?

Ungewöhnlich sind auch die Micro-Stickereien des Stansers Donato Amstutz, der mit schwarzen Stichen Totenschädel nach dem Vanitas-Prinzip wiedergibt. Auf den ersten Blick wirkt «Crâne» wie ein leicht unscharfer Zeitungsdruck, schliesslich erwartet wohl auch niemand Stickarbeiten im Kunstmuseum. Aber ist das nicht genau der Effekt: Man sieht, was man sehen möchte.

Inszeniert und manipuliert

«Fake News» und «Fake Photos»: In Zeiten, wo die Fakten um die Wahrheit ringen, ringen im Museum zu Allerheiligen die Bilder um die Wirklichkeit. Jennifer Burkhard ist es gelungen, eine Ausstellung zu schaffen, in der sich der Besucher von alleine – ohne kulturvermittelnden Imperativ – mit den Werken auseinandersetzt, weil es ihn interessiert, ob das nun gemalt, fotografiert, inszeniert oder manipuliert ist. Was will man mehr.

Das Ringen um die Wirklichkeit Bis 5. Juni, Museum zu Allerheiligen, Klosterstrasse 16, Schaffhausen. Eintritt: 12/9 Fr. (erm.)/bis 25 Jahre sowie am 1. Samstag im Monat frei. www.allerheiligen.ch

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