Bildung

«Das Versagen meiner Tochter ist nicht mein Versagen»

Lehrabbruch, aus dem Gymnasium geflogen, kein Bock auf ein Studium. Nicht nur Jugendliche brauchen dann Hilfe, sondern auch ihre Eltern. Sie unterstützt der Verein Starke Eltern – Starke Jugend.

Giuliana Lamberti (rechts) will den Eltern den Druck nehmen, unter dem sie während der Ausbildung ihrer Kinder stehen.

Giuliana Lamberti (rechts) will den Eltern den Druck nehmen, unter dem sie während der Ausbildung ihrer Kinder stehen. Bild: Dominique Meienberg

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Vor drei Wochen fiel Fiona Hofstetter* aus allen Wolken. Ihrer Tochter wurde der Lehrvertrag gekündigt – scheinbar aus heiterem Himmel. Dass die 19-Jährige bei ihrer Lehrstelle in einer Kinderkrippe schon länger Probleme mit ihrer Ausbildnerin hatte, einen schlechten Bildungsbericht erhalten hatte, und dass ihre Mutter per Brief zum Gespräch mit der Krippenleitung aufgefordert worden war – dies alles hatte die junge Frau vor ihrer Mutter verheimlicht. Als Hofstetter dies herausfand, schrillten bei ihr alle Alarmglocken: «Ich wusste, wir brauchen Hilfe, meine Tochter und ich», sagt die alleinerziehende Mutter. Für Jugendliche in dieser Situation gibt es viele Anlaufstellen, für Eltern nur eine: der Verein S.E.S.J. «Starke Eltern – Starke Jugend».

Realismus statt Fantasien

Fiona Hofstetter stiess im Internet auf Giuliana Lamberti, die im Zürcher Kreis 4 Elternberatungen durchführt. 160 waren es im vergangenen Jahr. Nicht immer sind es akute Notsituationen wie bei der Familie Hofstetter. Manche Eltern sind frustriert, weil ihr Sohn oder ihre Tochter nach der Matura ohne Plan zuhause herumsitzt, andere wollen sich nur informieren über die Möglichkeiten, die Jugendliche zwischen Schule und Beruf haben, etwa weil sie das Schweizer Bildungssystem zu wenig kennen.

75 Prozent der Eltern, die Lamberti letztes Jahr beriet, haben einen Migrationshintergrund. «Viele denken, dass das Gymnasium der einzige Weg sei. Infrage käme allenfalls noch eine KV-Lehre», sagt Lamberti. Oft entspreche beides nicht den Fähigkeiten der Kinder. Eltern dürften nicht ihre Fantasien über ihren Nachwuchs stülpen, sagt Lamberti. Ihre Aufgabe sei es, realistische Vorschläge zu präsentieren, «dabei kann es auch mal Tränen geben». Das Ziel sei, dass die Eltern mit einem handfesten Plan, wie es weitergehen könnte, aus ihrem Büro kommen.

«Gerade Eltern, die kein Deutsch sprechen, fühlen sich alleingelassen.»Giuliana Lamberti,
Verein S.E.S.J.

Fiona Hofstetter halfen die Gespräche mit Lamberti. Sie realisierte, dass die Kündigung des Lehrvertrags nicht das Ende der Welt ist, sondern öfters vorkommt. «Ich merkte auch, dass das Versagen meiner Tochter nicht automatisch mein Versagen ist.» So habe sie einen Schritt zurück machen können, damit ihre Tochter Verantwortung übernehmen müsse.

«Kinder und Eltern stehen heute während der Ausbildungszeit stark unter Stress», sagt Lamberti. Jugendliche, die eine Lehre suchten, leisteten viel: Sich für einen Beruf zu entscheiden, ein Bewerbungsdossier zusammenzustellen und je nach Firma ein richtiges Assessment zu durchlaufen, sei nicht zu unterschätzen.

Der Flyer in 16 verschiedenen Sprachen als PDF.

Der Druck, gut abzuschneiden, laste auch auf den Eltern. Lamberti versucht den Stress zu mindern und macht den Eltern klar, dass nicht jedes Kind sofort eine Lehre beginnen muss. Der Zeitpunkt muss stimmen. Dafür gibt es Brückenangebote, Motivationssemester und andere Übergangslösungen. Dazu und zu unzähligen weiteren Ausbildungsangeboten liegen in Lambertis Büro Flyer auf, die sie den Eltern mitgibt.

Kostenloses Angebot

Giuliana Lamberti arbeitete selber 20 Jahre lang in der beruflichen Integration von Kindern und stellte fest, dass auch deren Eltern Unterstützung brauchen. Denn sie sind die wichtigsten Ansprechpersonen für Kinder bei der Berufswahl. «Gerade Eltern, die kein Deutsch sprechen, fühlen sich alleingelassen», sagt Lamberti. Hilflos seien auch Schweizer Eltern, wenn sich Jugendliche sträubten, die für sie gedachten Angebote anzunehmen, oder sich zu informieren. Deshalb gründete sie 2015 den Verein S.E.S.J. mit, um ein niederschwelliges und vor allem kostenloses Angebot zu entwickeln. Seit 2017 bietet sie mit Mitarbeiterinnen mehrsprachige Beratungen an, besucht Ausländergemeinschaften und stellt das Angebot vor.

«Ich wusste, wir brauchen Hilfe, meine Tochter und ich.»Fiona Hofstetter*
alleinerziehende Mutter

Unterstützt wird der gemeinnützige Verein mit einem Jahresbeitrag von 80 000 Franken von der Stadt Zürich sowie von mehreren Stiftungen und Spenden, die die Anschubfinanzierung des Projekts sicherstellten. Diese läuft nächstes Jahr aus, deshalb arbeitet der Verein derzeit daran, das Angebot auf neue finanzielle Beine zu stellen. Ein Ziel ist auch, das Projekt im Kanton noch weiter bekannt zu machen. Die Hälfte der Eltern, die bei Lamberti Rat suchen, kommt derzeit aus der Stadt Zürich, die andere Hälfte aus den Agglomerationsgemeinden.

Fiona Hofstetter war froh, dass sie das Problem ihrer Tochter in andere Hände legen konnte: «Meine Tochter und ich haben eine sehr enge Beziehung, was auch Konfliktpotenzial birgt.» Dank Lambertis Hilfe geht die Tochter nun zu Job-Shop, einer Zürcher Anlaufstelle für Jugendliche. Sie wird von einem Coach bei der Bewerbung für eine neue Lehrstelle unterstützt. Während der nächsten drei Monate geht sie weiterhin zur Berufsschule und erledigt von der Anlaufstelle organisierte Gelegenheitsjobs, damit sie nicht untätig zuhause sitzt. Hof-stetter kümmert sich indes mit Lamberti darum, dass das Arbeitszeugnis der Kinderkrippe korrekt ist, und ihre Tochter einen möglichst guten Neustart erhält für ihren «Plan-B», wie es die Mutter nennt.

*Name geändert

Erstellt: 12.08.2019, 15:38 Uhr

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