BVK-Anlagen

«Der Ausstieg ist das letzte Mittel»

Thomas Schönbächler, Chef der Pensionskasse BVK, nimmt zur Frage Stellung, wie klimafreundlich seine Kasse investiert.

«Im Bereich Öl und Gas bleiben wir investiert, weil sich die Produzenten stark geändert haben»: BVK-Chef Thomas Schönbächler.

«Im Bereich Öl und Gas bleiben wir investiert, weil sich die Produzenten stark geändert haben»: BVK-Chef Thomas Schönbächler. Bild: Keystone

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Punkto Klima hat der WWF die BVK in seinem jüngsten Rating in die Gruppe der Zweitplatzierten gesetzt. Das heisst, die BVK liegt über dem Durchschnitt, aber nicht ganz vorne. Sind Sie zufrieden damit?
Thomas Schönbächler: Ich bin sehr zufrieden, insbesondere mit der persönlichen Besprechung mit den WWF-Vertretern nach dem Rating. Sie haben aufgezeigt, dass wir in der Umsetzung zu den Besten gehören und es nur noch wenige Elemente bräuchte, um in die Top-Gruppe zu kommen.

Im Vergleich zum vorletzten Rating hat sich die BVK aber nicht verbessert, sondern ihren zweiten Platz behalten, während etwa die Stadtzürcher Kasse in die Top-Gruppe aufgestiegen ist. Wie kommt das?
Das Rating ist auch eine Frage von Gewichtungen und des Zeitpunkts der Präsentation. Nach der Publikation des Berichts haben wir einen entscheidenden Punkt erfüllt, der für die Top-Liga noch fehlte: Wir legten unsere zehn grössten Investments offen. Gemäss WWF war dies das Element, das noch fehlte für die Top-Gruppe.

Halten Sie das WWF-Rating für methodisch gut?
Ja. Allerdings ist es nicht unser Top-Ziel, dabei gut wegzukommen. Zudem gibt es ein Thema, das der WWF praktisch nicht berücksichtigt hat: Die Immobilien, wo wir sehr viel fürs Klima gemacht haben.

Im Rating wird bemängelt, dass sich die BVK bei der Dekarbonisierung des Immobereichs noch keine konkreten Ziele gesetzt hat.
Das war noch, bevor wir bekannt geben konnten, dass wir zwischen 1990 und 2017 den CO2-Ausstoss um über 50 Prozent reduziert haben. Wir sind damit meines Wissens der einzige Immobilieninvestor der Schweiz, der das vom Bund formulierte Ziel für 2030 bereits übererfüllt hat.

Die BVK ist seit kurzem auch Aktivmitglied der Climate Action 100. Was tun Sie da?
In der Climate Action versammeln sich Investoren der ganzen Welt, die ein gigantisches Kapital von 32 000 Milliarden Franken repräsentieren. Climate Action hat die 100 weltweit grössten CO2-Emittenten im Visier. Wir sind die einzige Pensionkasse der Schweiz mit einer Aktivmitgliedschaft. Das bedeutet, dass wir einen dieser Emittenten, der in der Schweiz börsenkotiert ist, betreuen. Wir werden im Namen aller Climate-Action- 100-Investoren aktiv und suchen mit ihm das Gespräch.

Sie reden mit den Firmenchefs über Nachhaltigkeitsziele. Genügt das wirklich?
Wir reden nicht nur. Im Dialog äussert man, was einem als Investor passt und vor allem auch, was nicht. Über die letzten Jahre wurde international die Erfahrung gemacht, dass das extrem gut wirkt. Das Umfeld ist derzeit günstig. Das Thema Nachhaltigkeit ist in aller Munde.

In welchem Unternehmen hat der Dialog beispielsweise gewirkt?
Gut dokumentiert ist das Beispiel von Shell. Hier hat der Dialog hinter den Kulissen dazu geführt, dass sich das Management dazu verpflichtete, den CO2-Fussabdruck deutlich zu verringern. Zuvor hatte der CEO von Shell die Vorgabe als tollkühn bezeichnet.

Und wenn alles Reden nichts nützt?
Dann kommt es zur Desinvestition, der letzten von vier Eskalationsstufen. Reden bringt auch dort nichts, wo der Unternehmenszweck im Kern unseren Nachhaltigkeitsansprüchen widerspricht. Das ist etwa bei kontroversen Waffen wie Streumunition oder Tretminen der Fall. Dort haben wir desinvestiert beziehungsweise auf Investitionen verzichtet.

Wie bitte? Die BVK hatte einst in Streumunition und Tretminen investiert?
Reine Produzenten solcher Waffen haben wir schon sehr lange ausgeschlossen. Das Problem solcher Beteiligungen ist, dass sie oft in grösseren Konzernen versteckt sind wie etwa bei den Anlagen der Lockheed Martin Corporation, einem amerikanischer Rüstungs- und Technologiekonzern. Zum Ausschluss kam es, weil wir uns nach der Empfehlungsliste des Schweizer Vereins für verantwortungsvolle Kapitalanlagen (SVVK) richten. Diesen haben wir zusammen mit der Pensionskasse Publica, dem AHV-Ausgleichsfonds und weiteren grossen Kassen mitgegründet.

Sie sehen den Ausstieg aus einer Anlage erst als letzte Stufe. Warum so zurückhaltend?
Es ist zwar sehr einfach auszusteigen, aber es bringt wahrscheinlich auch wenig, weil sich rasch wieder ein neuer Käufer findet. Es ist besser, bei einer Unternehmung involviert zu bleiben – sofern man sich dort wirklich engagiert, sein Stimmrecht ausübt und wie erwähnt in einen aktiven Dialog tritt.

Die BVK ist schon 2016 aus der Kohleförderung ausgestiegen. Nicht aber aus der Erdöl- und Erdgasförderung. Warum dieser Unterschied?
Als wir aus der Kohle ausstiegen, geschah dies aus reinen Risikoüberlegungen. Wir kamen zum Schluss, dass reine Kohleförderung langfristig kein Ertragspotenzial hat. Handelt man nicht, geht man enorme Risiken ein. Es ist zu spät, erst dann zu gehen, wenn dies alle tun. Im Bereich von Öl und Gas hingegen bringt uns eine andere Strategie, das Engagement, mehr. Wir bleiben investiert. Wir haben feststellen können, dass sich die grossen Produzenten stark geändert und neu positioniert haben. Sie investieren inzwischen auch in erneuerbare Energien. Sie haben das Kapital für diese Transformation.

Den Nichtausstieg aus Öl und Gas kann man auch als Ausrede deuten, um nicht handeln zu müssen.
Das sehe ich nicht so. Das Prinzip, gestaltend einzuwirken, ist ja auch in der Politik die Norm. Kein Politiker fokussiert nur auf Abstimmungsfragen, die mit Ja oder Nein beantwortete werden können. Er versucht vielmehr zu überzeugen.

Wieviel Gewicht hat die BVK mit ihrem Anlagevolumen von 35 Milliarden?
International sind wir ein Zwerg, national vergleichsweise sehr gross. Aber auch in der Schweiz können wir alleine wenig machen. Darum bin ich überzeugt, dass das Engagement im Verbund die richtige Lösung ist. Neben der Climat Action und dem SVVK sind wir auch Mitglied der Plattform Swiss Sustainable Finance (SSF) und haben schon früh die Prinzipien der Vereinten Nationen für verantwortungsbewusstes Investieren mitunterzeichnet.

Gemäss eigenen Angaben will sich die BVK punkto Klimafreundlichkeit in der Referenzklasse unter den Pensionskassen positionieren. Sie wollen also Klassenprimus werden?
Nein. Man muss sich immer bewusst sein, dass eine Pensionskasse ihre Gelder treuhänderisch anvertraut bekommt. Wir dürfen nicht einfach etwas unter dem Aspekt einer Gesinnung machen, etwa weil wir glauben, es sei gut für die Welt. Wir müssen immer auch die Rendite im Fokus haben. Das geht zusammen. Der Immobilienbreich ist ein sehr gutes Beispiel dafür. Mir ist kein Immobilienplayer bekannt, der auch nur annähernd eine so grosse CO2-Reduktion schaffte wie wir. Gleichzeitig stellen wir fest, dass wir CO2-freundliche Gebäude mindestens gleich gut vermieten können wie andere. Vor allem langfristig zahlt sich dies aus.

Sie steigen also nie aus Gesinnungsgründen irgendwo aus, sondern wegen der Risiken.
Das ist definitiv so. Wobei wir überzeugt sind, dass Unternehmen, die unserer Nachhaltigkeitsgrundsätze verletzen, mit höheren Risiken behaftet sind. Entsprechend behalten wir uns Desinvestitionen vor, wenn der Dialog keinen Erfolg bringt.

Erstellt: 09.10.2019, 18:02 Uhr

Infobox

Wie klimafreundlich ist die BVK?

Mit einem Anlagevolumen 35 Milliarden Franken ist die BVK die zweitgrösste Pensionskasse der Schweiz. Bei ihr sind das Personal das Kantons Zürich versichert sowie zahlreiche Gemeinden und grossen Institutionen wie das Unispital oder der Flughafen. Die Kasse sieht sich immer wieder mit der Frage konfrontiert, wie klimafreundlich sie ihre Anlagen plaziert. Die BVK selber gibt sich jeweils gute Noten und stellt ihre Fortschritte gern ins Schaufenster.

Ist das Eigenlob berechtigt oder könnte die BVK mehr tun? Eine objektive Antwort versucht das Rating des WWF zu geben. Die Umweltorganisation vergleicht alle drei Jahre die 20 grössten Pensionskassen der Schweiz. Beim jüngsten Rating vom letzten Februar landete die BVK in der Gruppe der Zweitbesten, wo sich auch die Pensionskasse des Bundes befindet. In der Gruppe der Besten figurieren etwa die Bernische und Stadtzürcher Pensionskasse. BVK-Chef Thomas Schönbächler ist allerdings der Ansicht, dass das WWF-Rating die neuesten Fortschritte seiner Kasse noch nicht abbildet und sie nun ebenfalls zu Besten zählen müsste.

Interessiert am Fortschritt

Stimmt das? Claude Amstutz, Co-Autor des WWF-Ratings, will das nicht entscheiden, ohne alle Fakten im Detail zu kennen. Das nächste Rating werde es an den Tag bringen. Im Gespräch anerkennt er die Anstrengungen der BVK. «Sie zeigt sich jeweils sehr offen und ist interessiert an Verbesserungen.» Amstutz ist Anlageprofi. Bis zu seinem Wechsel zum WWF vor vier Jahren war er 15 Jahre Anlageberater für Schweizer Banken und Vermögensverwalter.

Die Nachhaltigkeit sei bereits ein wichtiger Bestandteil der BVK-Anlagestrategie, sagt Amstutz. Diese ergänze die konventionellen Elemente. Die BVK engagiere sich jedenfalls «aktiv und transparent, um ihre Nachhaltigkeitswirkungen zu verbessern». Aber sie habe noch Luft noch oben: «Sie könnte gewisse Nachhaltigkeitsaspekte noch systematischer in den Anlageprozesse integrieren.»

Kein Allheilmittel

Amstutz zeigt Verständnis dafür, dass die BVK nicht aus Prinzip sofort aus Öl- und Gasanlagen aussteigen will, sondern auf Veränderungen im Dialog mit Firmen hofft. «Desinvestition ist tatsächlich kein Allheilmittel», sagt er. «Es wirkt nur, wenn es alle tun. Falls der Dialog mit den Unternehmen keine Früchte trägt, muss konsequent gehandelt und desinvestiert werden.»

Fristen setzen

GLP-Kantonsrätin Sonja Gehrig (Urdorf), Fachfrau für nachhaltiges Investment, würde forscher vorgehen und Fristen setzen. «Führt der Dialog nicht innerhalb weniger Jahren zum Ziel, bleibt nur die Desinvestition.» Sie findet zudem, die BVK sollte eine Strategie zur weiteren Minimierung der Klima- und Umweltrisiken formulieren sowie einen Absenkpfad mit CO2-Reduktionszielen für ihre verschiedenen Anlagekategorien festlegen. Dabei müsste sie jeweils Rechenschaft darüber ablegen, ob die Ziele erreicht wurden oder nicht. (tsc)

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