Zürich

Der Klimawandel verbindet sie alle

Von Klein bis Gross sind alle Generationen am Klimastreik in Zürich vertreten. Die Organisation liegt dennoch bei den Schülerinnen und Schülern. Eine von ihnen ist die Winterthurerin Salome Lüthy.

Tausende Jugendliche haben am Freitag trotz garstigem Wetter in Zürich lautstark gegen das Versagen in der Klimapolitik protestiert. Mit dabei auch eine stattliche Delegation aus Winterthur.
Video: Caroline Gloor

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Für einmal scheint die Polyterrasse der ETH Zürich zu klein zu sein. Immer mehr Menschen strömen auf den Platz vor dem Gebäude der Hochschule. Laut Organisatoren sind es insgesamt etwa 12000 Demonstrierende. Zum Start um 13 Uhr lässt sich der Regen trotz der lauten Forderungen nicht vertreiben, was der Stimmung jedoch keinen Abbruch tut. «Je näher der Start rückt, desto mehr werde ich nervös», sagt Salome Lüthy.

Die Winterthurerin hat den Streik in Zürich mitorganisiert. Mit oranger Warnweste und Walkie-Talkie ausgestattet, ist sie für alle als Organisationsmitglied erkennbar. Von einem Ort zum anderen hetzte die 18-Jährige. Mal muss sie Banner verteilen, mal Anweisungen geben. «Die Organisation braucht enorm viel Zeit», sagt sie. Doch diese widme sie gerne der internationalen Bewegung.

Lüthy besucht zurzeit die Kantonsschule im Lee in Winterthur im dritten Jahr. Bis jetzt hatte die Teilnahme an den Streiks für sie keine Konsequenzen. Zuvor war sie schon bei drei Veranstaltungen in Zürich dabei. «Ich glaube, dieses Mal muss ich mit Folgen rechnen.» Die Schule habe angekündigt, dass sie erneutes Fehlen wegen des Klimastreiks nicht dulden werde. Doch was das konkret bedeute, sei nicht klar. «Das ist es mir aber wert», sagt sie.

Die Winterthurerin Salome Lüthy ist Mitorganisatorin der Klimademo in Zürich.

Verpasste Zeit nachholen

Zwei Schülerinnen aus der Kantonsschule Rämibühl in Zürich wissen bereits, was auf sie zukommt: «Wir müssen die verpasste Zeit am Nachmittag nachholen.» Für sie sei das kein Hinderungsgrund. Viele andere aus ihrer Klasse seien dem Streik jedoch deswegen ferngeblieben.

Auch aus Lüthys Klasse sind nicht alle nach Zürich gekommen. Trotz der Menschenmasse findet die Schülerin ihre Kollegen. Sie sind zu viert erschienen. «Wegen des Regens sind dann viele doch nicht gekommen», sagt einer der Klassenkollegen.

Das nasse, windige Wetter war zwar unangenehm, doch friedlich gestimmt blieben die 12000 Streikenden dennoch. «Mega schöni Boots», ruft ein Mädchen einem anderen zu. Sie kennen sich nicht, doch hier scheinen alle irgendwie miteinander verbunden zu sein.

«Ich habe schon so viele tolle Menschen kennen gelernt», sagt Lüthy. Jeden, den sie trifft, umarmt die 18-Jährige zur Begrüssung erst mal. «Es haben schon alle irgendwie gleiche ethische Werte.» Zwar seien sie politisch nicht zwingend einer Meinung, das müsse für sie aber auch nicht sein. «So haben wir schon einige spannende Diskussionen geführt.» Dass die Klimabewegung politisch neutral ist, sei wichtig, aber: «Es ist auch der Knackpunkt.»

Eine der wichtigsten Forderungen ist für Lüthy der Systemwandel. «Ob der politisch oder gesellschaftlich ist, wird sich noch zeigen», sagt sie. Es sei jedoch schwierig, extrem linke oder rechte Anschauungen zu vereinen und auf einen Nenner zu kommen.

«Jetzt wollen plötzlich alle Parteien unterstreichen, wie grün sie sind», sagt Lüthy. Das finde sie nichts als heuchlerisch. «Wenn man mal schaut, wofür sie sich vorher eingesetzt haben, dann sollte eigentlich alles klar sein.» Wenn sich Politiker nun für den Klimastreik aussprechen, sei das zwar lobenswert, die Schüler hätten dazu aber eine klare Haltung: «Wir haben ein One-Way-Support-System.»

Soll heissen, auch wenn ein Politker seine Sympathie ausdrückt, würden sie ihn deswegen nicht mehr unterstützen.

«Für viele, die noch nicht volljährig sind, ist das der einzige Weg, sich für ihre politischen Überzeugungen starkzumachen», sagt Lüthy. Selbst kann die 18-Jährige bereits abstimmen. «Das mache ich immer möglichst schnell, damit ich es nicht vergesse», sagt sie und lacht.

Ihre Eltern seien von ihrem Engagement bedingt begeistert. «Sie machen sich auch Sorgen, so wie Eltern eben sind.» Denn fürs Klima verzichtet die Schülerin auch auf Fleisch, obwohl sie bereits als Allesesserin einen Eisenmangel hatte.

«Jetzt wollen ­plötzlich alle Parteien unterstreichen, wie grün sie sind.»Salome Lüthy, Mitorganisatorin der Klimastreiks in Zürich

Manche Eltern gingen gleich gemeinsam mit ihren Kindern zum Streik. Eine Winterthurerin hat ihr jüngstes Familienmitglied dabei. Ihr Baby hat sie mit einem Tuch unter ihrer Jacke an ihre Brust gebunden. «Manche haben Plakate dabei, ich habe mein Kind mitgebracht», sagt sie. Am 20. August 2018 sei ihr Kind geboren. An diesem Tag streikte die Schwedin Greta Thunberg zum ersten Mal und löste damit eine Lawine aus, die sich nicht so schnell aufhalten lässt. «Darum finde ich umso mehr, dass mein Kind das miterleben soll», sagt die junge Frau.

Die Demo ist geplant

Doch nicht nur Berufstätige und Schüler, auch Senioren fühlen sich vom Thema betroffen. «Wir haben schliesslich auch Enkel», sagt ein Rentnerpaar. Die beiden 75-Jährigen sind begeistert von der Bewegung. «Unglaublich, wie viele Leute heute erschienen sind.» Streiken müssen sie zwar nicht: «Aber wir können auf unseren Mittagsschlaf verzichten», sagt der Renter und lacht.

Der Menschenstrom scheint unendlich lange anzudauern. Ziel des Marsches ist der Helvetiaplatz, wo noch einige Reden gehalten werden. Doch nach dem Streik ist vor dem Streik. Die nächste Demonstration findet am Samstag, 6. April, statt. Da das Datum keinen Wochentag betreffe, erhoffen sich die Organisatoren, noch mehr Erwachsene mobilisieren zu können. «Auch in Winterthur werden wir dann auf die Strasse gehen», sagt Lüthy.

Die Vorbereitungen dafür laufen auf Hochtouren. «Wir werden erst aufhören, wenn unsere Forderungen umgesetzt werden.» Für Lüthy ist der Klimawandel kein vorübergehendes Problem. «Wenn wir etwas verändern, dann muss es nachhaltig sein.» Nur dieses Jahr auf Flugreisen zu verzichten, bringe nicht viel. «Grundsätzlich müssen wir umdenken und bewusster leben.»

Erstellt: 15.03.2019, 21:29 Uhr

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