Zürich

Der leise Allianzenschmied

Michael Baumer (FDP) will den zurücktretenden Andres Türler beerben. Er wünscht sich mehr Dynamik statt Perfektionismus im Zürcher Stadtrat.

Will Neues wagen: Stadtratskandidat Michael Baumer (FDP) mag die innovative Seite Zürichs wie den frisch renovierten Bahnhof Oerlikon.

Will Neues wagen: Stadtratskandidat Michael Baumer (FDP) mag die innovative Seite Zürichs wie den frisch renovierten Bahnhof Oerlikon. Bild: Marc Dahinden

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Neben einem Klavier hängt in Michael Baumers Büro ein ­altes FDP-Wahlplakat mit einem brüllen­den Löwen. Selber brüllt er aber nicht, der IT-Unter­nehmer, dessen Firma Software für Verbände anbietet. Und Klavier spielt er auch nicht. Das Ins­trument gehört in die Do­mäne seiner Frau, die Kulturmanagerin ist und mit ihm in einer Bürogemeinschaft arbeitet.Durch sie habe er auch Ein­blicke in die pingeligen Anforderungen, die die Stadtverwaltung stelle, sagt Baumer. Etwa wenn seine Frau als Quartiervereinspräsidentin ein Fest organisiere. Da gebe es 20 Formulare und überall versteckte Kosten. «Die Regulierung und Kontrollmechanismen haben zugenommen», sagt der Stadtratskandidat, «das würgt jegliche Initiativen ab.»

Neues wagen

Während der heutige Stadtrat primär verwalte und perfektioniere, will Baumer «Zürich elektrisieren» – wie sein Wahlslogan lautet. «Die Zürcher sind aufgeschlossen und bereit für Neues», sagt der 43-Jäh­rige. Er denkt dabei etwa an Seilbahnen: «Ich weiss nicht, ob das die richtige Verkehrslösung ist, aber es lohnt sich, das auszuprobieren.» Dafür will er im Richtplan die Grundlagen schaffen. Die Stadt bremse innovative pri­vate Player aus, wenn sie alles staatlich organisieren wolle, etwa bei einer Parkplatz-App oder den Veloverleihsystemen.

"Als Unternehmer bin ich es gewohnt, anzupacken und Neues zu wagen."Michael Baumer, FDP-Stadtratskandidat

Er sei der richtige Typ dafür, mehr Dynamik in den Stadtrat zu bringen, sagt Baumer, der nach dem Informatikstudium an der ETH als Webdesigner zur FDP des Kreises 6 gestossen ist. «Als Unternehmer bin ich es gewohnt, anzupacken und Neues zu wagen.» So will er die Selbstzufriedenheit aufbrechen, die mit der 6-zu-3-Mehr­heit von Links-Grün im Stadtrat herrsche. Daher ist Baumer auch im Top-5-Wahlbündnis zusammen mit den ­SVP- und CVP-Kandidaten sowie Partei­kollege Filippo Leuten­egger. Dass Leutenegger als Bisheriger und Stadtpräsidiums­kandidat viel Aufmerksamkeit auf sich ziehe, störe ihn nicht.

Baumer schlägt leisere Töne an und lobt sich ungern selber. Eher zurückhaltend spricht er von seinen Erfolgen, wozu er vor allem Allian­zen zählt, die er schmieden konnte. So etwa der geeinte Auftritt der Bürgerlichen als Top 5, den er als FDP-Parteipräsident von 2010 bis 2016 mitaufgegleist hat. 2014 hat die FDP zudem unter seiner Führung erstmals seit 20 Jahren wieder Wähler­anteile zugelegt. Im Gemeinderat, dem er seit knapp 15 Jahren ange­hört, habe er sich auch auf der anderen Ratsseite Respekt verschafft: «Ich stehe zur eigenen Linie­, bin aber auch kompromissbereit.» Als Beispiel nennt Baumer die Bau- und Zonen­ordnung, die er als Kommissionspräsident als breit abgestützten Kompromiss durchs Parlament brachte, ohne dass eine Volks­abstimmung nötig wurde.

"Ich stehe zur eigenen Linie,
bin aber auch
kompromissbereit."
Michael Baumer, FDP-Stadtratskandidat

Nicht nach seinem Sinne läuft es bei der Hornbachsiedlung im Seefeld, wo die Stadt selber günstige Wohnungen bauen wird. Die Bürger­lichen hätten private Inves­toren vorgezogen. Der ­knappe Wohnraum in Zürich ist ein Thema, das Baumer am Herzen liegt. Er will mehr Wohnungen schaffen, indem der Ausbau oder die Aufstockung von Gebäuden an Hauptverkehrsachsen ermög­licht werden sollen.

Komplexes als Comic

Dieses Thema illustriert eines der Comics, die Baumer als Wahlflyer und in den sozialen Medien verbreitet. Der Comic-Baumer schüttelt Hände im Quartier, steuert eine Drohne und langt sich an den Kopf angesichts der Papierberge in der Verwaltung. Mit den Comics lasse sich Komplexes konkreter vermitteln, sagt Baumer. Dank ihnen sei sein Name­ auch einigen Zürchern bekannt­ gewesen, die er nun bei Stand­aktionen getroffen habe.

Der Wahlkampf läuft für Bau­mer gut. Das zeigt auch das NZZ-Wahlbarometer, wo er Platz 7 erreichte, noch vor den Bisherigen Richard Wolff (AL) und Claudia Nielsen (SP). Ganz bescheiden gibt Baumer aber zu bedenken, dass die Umfrage als Moment­aufnahme mit Vorsicht zu geniessen sei. Viel lieber spricht er wieder über Sachpolitik. Denn sollten­ die Mehrheitsverhält­nisse im Stadtrat bleiben, wie sie sind, müsse man als Minderheit inhaltlich die besseren Lösungen bieten. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 24.01.2018, 14:54 Uhr

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FDP: Die Partei will zurück zur alten Grösse

Welche Rolle spielt die FDP im Stadtzürcher Parlament?
Mit einem Wähleranteil von 16 Prozent und 21 Sitzen im Gemeinderat ist die FDP die drittstärkste Kraft nach SP und SVP. Nachdem die Partei seit 1994 ­stetig Wähleranteile verlor, vermochte sie 2014 das Blatt zu wenden und gewann drei Sitze dazu.

Welche Wahlziele hat sich die FDP gesetzt?
Im Stadtrat will die Partei primär mit Michael Baumer ihren zweiten Sitz, denjenigen des abtre­tenden Andres Türler, verteidigen. Zweitens greift die FDP mit Stadtrat Filippo Leutenegger Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) an. Im Rahmen des bürger­lichen Wahlbündnisses Top 5 unterstützt die FDP auch die CVP bei ihrer Sitzverteidigung und versucht, die SVP in den Stadtrat zu bringen. Im 125-köpfigen Gemeinderat strebt die FDP zwei bis drei zusätzliche Sitze an. So könnte die Partei zusätzliche Kommissionspräsidien übernehmen und würde im Turnus öfter einen Ratspräsidenten stellen.

Wie realistisch sind die Ambitionen der FDP für das Stadtpräsidium?
Neben der SP ist die FDP diejenige Partei, die in Zürich am meisten Stadtpräsidenten stellte, zuletzt Thomas Wagner (1982 bis 1990). Bereits vor vier Jahren strebte Filip­­po Leutenegger das Stadtpräsidium an. Er unterlag Corine Mauch allerdings im ersten Wahlgang mit einer Differenz von über 16 000 Stimmen. Diesmal tritt Leutenegger als bisheriger Stadtrat an und wird versuchen, es Mauch so schwierig wie möglich zu machen, ihr Amt zu verteidigen.

Wie realistisch sind die FDP-Ziele für den Stadtrat?
Die FDP war meist mit zwei oder sogar drei Sitzen in der Zürcher Exekutive vertreten. Bei der Ersatzwahl für den zurückge­tretenen Martin Vollenwyder schnappte sich 2013 Richard Wolff (AL) allerdings den zweiten FDP-Sitz – eine Blamage für die Partei. Diese konnte sie 2014 bei den Gesamterneuerungswahlen wieder wettmachen: Filippo Leutenegger eroberte den Sitz zurück. Dieser kann wohl damit rechnen, wiedergewählt zu werden, obwohl er polarisiert. So wirft ihm etwa die Velolobby vor, Zürich nicht genügend schnell zur Velostadt zu machen. Und auch das Debakel um Urs Pauli, den Direktor von Entsorgung + Recycling Zürich (ERZ), betraf sein Departement. Er betonte stets, dass die Missstände ihren Ursprung unter seinen Vorgängern Ruth Genner (Grüne) und Martin Waser (SP) hatten. Als sie im vergangenen Sommer Michael Baumer als zweiten Kandidaten nominierte, verzichtete die FDP auf eine Dreierkandidatur zugunsten der SVP, die mit einer Doppelkandidatur den Einzug in den Stadtrat anstrebt. Auch entschied sich die FDP gegen die ­bekanntere und auf nationalem Parkett streitbare Doris Fiala und setzte auf den verdienten Lokalpolitiker Baumer.

Ist der FDP ein Sitzgewinn im Gemeinderat zuzutrauen?
Kann die FDP ihren Schwung von 2014 und den Kantonsratswahlen 2015 mitnehmen, liegt ein Sitz­gewinn im Gemeinderat drin. So könnte sie wieder zur zweit­grössten Kraft im Stadtparlament ­werden, wie dies in den 1980er-Jahren bis zum Beginn der 1990er-Jahre der Fall war.

Wofür steht die FDP?
In der Stadt Zürich setzt sich die FDP für gewerbefreundliche Rahmenbedingungen ein, etwa für genügend Parkplätze. Die Partei fördert private Initiativen etwa bei Überbauungen wie dem besetzten Kochareal. Sie unterstützt Tagesschulen, aber ohne dass der Mittagstisch obligatorisch wird, und fordert eine Steuerfusssenkung. Mit dem Slogan «Meh blau für Züri» wirbt die FDP um Stimmen.

Was gibt die FDP für den Wahlkampf aus?
Einen mittleren dreistelligen Tausenderbetrag investiert die FDP der Stadt Zürich in den Wahlkampf, wie es etwas unkonkret von Parteiseite her heisst. Die zwölf Kreisparteien verfügen zudem über eigene Budgets, deren Höhe zwischen 10 000 und 70 000 Franken liegen. Weiter zahlen die Kandidaten aus eigener Tasche Beträge in sehr unterschiedlicher Höhe an ihren Wahlkampf. Katrin Oller

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