Scientifica

«Der Mensch überschätzt sich masslos»

Der Neuropsychologe Lutz Jäncke sagt, dass uns Maschinen bald ähnlicher sein werden als uns lieb ist. Die grösste Gefahr gehe aber vom Menschen selber aus – und vom Internet.

Vom Jäger zum Gejagten: Blade Runner Deckard (Harrison Ford, links) wird von einem Replikanten (Rutger Hauer) verfolgt.

Vom Jäger zum Gejagten: Blade Runner Deckard (Harrison Ford, links) wird von einem Replikanten (Rutger Hauer) verfolgt. Bild: Keystone

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Los Angeles, November 2019. Regen prasselt auf die schmutzigen Strassen, Menschen drängeln sich durch die dunklen Schluchten der Stadt. Und mittendrin jagt Rick Deckard nach Replikanten. Die künstlichen Wesen sehen aus wie Menschen. Sie haben eigene Empfindungen, eigene Ambitionen, doch ihre Lebenszeit ist auf vier Jahre begrenzt. Vier der Replikanten widersetzen sich diesem Gesetz. Deckard soll sie eliminieren.

Deckard ist ein Blade Runner, und die Handlung stammt aus dem gleichnamigen Film-Klassiker aus dem Jahr 1982. Sie ist Fiktion. Doch wie lange noch?

«Science Fiction – Science Facts» lautet das Motto der diesjährigen Scientifica. Und «Blade Runner» stimmte am Montagabend schon einmal auf die Zürcher Wissenschaftstage ein: Wie weit sind wir davon entfernt, dass Maschinen dem Menschen so ähnlich sind, dass sie gar menschlichere Züge zeigen als der Mensch selbst?

Lutz Jäncke, Neuropsychologe an der Uni Zürich und vielzitierter Wissenschaftler, hält dieses Szenario für ziemlich wahrscheinlich. Er referierte im Anschluss an die Filmvorführung im Zürcher Kosmos und erklärte weshalb.

"Es ist lediglich ein technisches Problem."Lutz Jäncke, Neuropsychologe

«Es ist lediglich ein technisches Problem», sagt Jäncke. Denn das menschliche Gehirn sei nichts anderes als ein biochemisches System, das nach physikalischen Gesetzen arbeite: Ein Netzwerk aus 80 bis 100 Milliarden Nervenzellen, das sich theoretisch reproduzieren liesse. Und zwar so gut, dass ein künstlicher Mensch nicht nur denken kann, sondern auch über Bewusstsein, Erinnerungen und Emotionen verfügt, ja sogar über Empathie – wie in der Schlüsselszene des Films, als ein Replikant (Rutger Hauer) seinem Widersacher Deckard (Harrison Ford) das Leben schenkt.

Der Mensch: aggressiv, egoistisch

In der Hirnforschung stehe man zwar noch am Anfang, sagt Jäncke. Doch schon jetzt sehe man, wie Retina- und Cochlea-Implantate in die Aktivitäten des Gehirns eingreifen können. Auch die Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz seien längst nicht ausgeschöpft.

Es gebe Programme, bei denen die Programmierer selbst nicht mehr wüssten, wie das Resultat zustande gekommen sei. «Das Programm verselbstständigt sich – und das ist nicht ungefährlich.» Jäncke glaubt jedoch nicht, dass Maschinen den Menschen ausrotten werden. «Das erledigt er selber.»

"Wir werden zu Sklaven unserer Reize."Lutz Jäncke, Neuropsychologe

Der grösste Feind des Menschen sei der Mensch selber, sagt Jäncke nüchtern. Kein anderes Wesen verfüge über die Mittel und die moralischen Voraussetzungen, sich selbst zu vernichten. Jäncke zeichnet kein schmeichelhaftes Bild. Der Mensch: aggressiv, egoistisch, Fremdem gegenüber skeptisch. «Er bringt sich um wegen kultureller Unterschiede, die er sich selber ausgedacht hat.»

Komme hinzu, dass es in einer komplexen und digitalisierten Welt mit rasend wachsender Bevölkerungszahl immer schwieriger werde, einander zu verstehen.

Die Lösung: den Frontalkortex trainieren

Das Internet sei dabei keine Hilfe. Man sehe sich nicht mehr in die Augen, die Sprache werde fragmentierter und unpräziser. Ausserdem überflute uns das Web mit Möglichkeiten. Das habe das Gehirn nicht gerne, sagt Jäncke. Wir seien in Gefahr, uns im Netz zu verlieren, uns permanent ablenken zu lassen. «Wir werden zu Sklaven unserer Reize. Und wenn wir nicht aufpassten, gehen wir daran zu Grunde.»

Jäncke bezweifelt, dass der Mensch das Ruder noch herumreissen kann. «Er überschätzt sich masslos. Und er ist nicht die evolutionsstabilste Art – da ist uns die Kakerlake voraus.»

Retten könne uns nur ein Paradigmenwechsel und Selbstdisziplin. «Indem wir den emotionalen Impulsen etwas entgegen setzen und wieder zu Agenten unseres Handelns werden.» In seiner Fachsprache heisst das: den Frontalkortex trainieren. Jenen Teil des Hirns, mit dem wir denken, lernen und entscheiden.

Scientifica: Die Wissenschaftstage der UZH und ETH beschäftigen sich dieses Jahr mit dem Thema «Science Fiction – Science Facts». Uni- und ETH-Hauptgebäude, 31.8, 13-19h, 1.9., 11-17h.

Erstellt: 27.08.2019, 18:10 Uhr

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