Zürich

«Der Neubau ist ein bisschen langweilig»

Der englische Stararchitekt David Chipperfield sagt, dass seine Kunsthauserweiterung erst erlebt werden müsse und dann alle begeistert sein werden.

Der 62-jährige Stararchitekt David Chipperfield war am Dienstag an der Grundsteinlegung der von ihm entworfenen Kunsthauserweiterung zugegen.

Der 62-jährige Stararchitekt David Chipperfield war am Dienstag an der Grundsteinlegung der von ihm entworfenen Kunsthauserweiterung zugegen. Bild: Keystone

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Herr Chipperfield, Sie haben weltweit schon viele Museen gebaut. Was war die Heraus­forderung hier in Zürich?
David Chipperfield: Wir nennen es die Erweiterung des Kunsthauses, dabei ist das neue Gebäude fast so gross wie das alte. Es ging vor allem darum, wie die beiden Gebäude zusammenspielen, wie sie verbunden sind und als Komplex funktionieren. Dabei ist der Heimplatz das entscheidende Element. Ich denke, der Platz wird noch nicht richtig verstanden. Er wird erst sichtbar sein, wenn der Neubau steht.

Es wurde vorgeschlagen, den Bau nach hinten zu versetzen zugunsten eines grosszügigen Vorplatzes.
Die Diskussion war bis jetzt zu stark darauf fokussiert, was dort verloren geht, und hat so die bereichernden Konsequenzen des Neubaus für den öffentlichen Raum ausser Acht gelassen. Das Erste, was der Bau tun wird, ist einen neuen Platz schaffen. Mit dem Moser-Bau des Kunsthauses, dem Schauspielhaus und dem Neubau wird man einen gut definierten urbanen Raum haben. Ganz unabhängig von den Trams, Taxis und der Verkehrsplanung.

Es wurde auch kritisiert, der Bau sei zu gross.
Ja, er ist gross, aber nicht zu gross. Man darf den Neubau natürlich nicht als kleines Gebäude in einem Park wahrnehmen. Das ist er nicht, er ist ein urbanes Volumen. Und als solches wird er einen grossen ersten Eindruck hinterlassen.

Gab es weitere Knacknüsse?
Wir mussten entscheiden, wie der Charakter des Neubaus sein soll. Ich glaube nicht, dass Museen über ihre Architektur definiert werden müssen. Das kann der Fall sein, wenn die Form dem Gebäude Identität verleiht. Aber in diesem urbanen Kontext wie hier in Zürich konzentrierten wir uns auf eine Art öffentliche Halle. Die Halle nimmt die ganze Länge des Gebäudes ein, ist öffentlich zugänglich und verbindet den neuen Platz mit dem neuen Garten dahinter. Das alte Kunsthaus zeigt die Vorstellung eines Museums seiner Zeit. Der Neubau hingegen stellt ein modernes ­Museumskonzept dar. Das Museumspublikum hat sich stark verändert in den letzten 30 Jahren. Heute sind Museen eher Unterhaltungszentren. Das hört sich zynisch an. Ich meine nicht, dass sie ihre Glaubwürdigkeit verlieren, sie müssen nur mit einem facettenreicheren Publikum umgehen. Wie man im Museum zirkuliert, ist heute sehr wichtig. Es geht nicht um Treppen oder Rampen, sondern um die Halle, die auch für Events, Aufführungen und Installationen genutzt werden kann. Es ist keine Turbinenhalle wie im Tate Modern in London, aber so ähnlich.

Das Projekt wurde auch «langweilig» genannt. Stört Sie ­solche Kritik eigentlich noch?
Man muss Kritiker ernst nehmen und sich fragen, inwiefern sie recht haben. Ist der Neubau langweilig? Ja, das ist er wohl ein bisschen. Aber ich denke, das ist der falsche Ort für architektonische Turnübungen. Es gibt das Urbanistische und das Museologische. Die Architektur unterstützt diese beiden Anliegen. Wir wollen den Neubau gut bauen nach solider Zürcher Art als Teil der zivilen Struktur. Darum haben wir uns bemüht. Es ging nicht um komplexe architektonische Formgebung. Es stimmt, das Gebäude hat etwas Konservatives. Aber die Kunst ist das Wichtige. Ich denke nicht, dass die Architektur selber ein Kunstwerk sein muss.

Das Gebäude wird also nicht ­alleine beeindrucken?
Doch, ich denke schon. Aber eher als Erfahrung und nicht auf eine ikonische, visuelle Art. Es hat eine starke Präsenz und ist ein wenig monumental, aber auch die Fenster sind riesig. Würde das Gebäude morgen dastehen, wären alle begeistert. Aber wenn man nur die Bilder sieht, ist man nicht so sicher. Architektur wird daran gemessen, wie es ist, drin zu sein, nicht anhand von Bildern.

Ist es Ihnen wichtig, dass den Leuten die Gebäude gefallen, die Sie bauen?
Absolut. Es gibt keinen Grund für einen Architekten ein unbeliebtes Gebäude zu bauen. Es ist wichtig, dass ein Museum den Künstlern gefällt, die darin ausstellen, aber es muss nicht den Architekten gefallen. Wir haben genug Museen gebaut, um zu wissen, dass zu auffällige Architektur das Innere sabotieren kann.

(Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 09.11.2016, 13:45 Uhr

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