Rapperswil-Jona

Der pünktliche Einzelkämpfer

Er fuhr S-Bahnen, Schnellzüge und sogar Güterzüge – 25 Jahre lang. Am Donnerstag hiess es für Lokomotivführer Felix Stark «Endstation Rapperswil».

Seine letzte Dienstfahrt absolvierte Felix Stark mit der S7 von Rapperswil nach Winterthur - und wieder zurück.
Video: Martin Steinegger

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An seinem letzten Arbeitstag muss der Lokführer früh aus den Federn – richtig früh. Um 4.50 Uhr ist Dienstantritt im Zugdepot Rapperswil. Früher habe ihm das nichts ausgemacht, sagt Felix Stark, 62-jährig, aus Dürnten, doch jetzt, im Alter, setze es ihm ein wenig zu. Einen starken Kaffee, schwarz, ohne Zucker, trinkt er um Viertel nach fünf mit seinem Chef. Danach steigt er in die Führerkabine des Zuges, wie er es über 25 Jahre lang gemacht hat, tagein, tagaus. An diesem Morgen ist es eine S15. Um 5.44 Uhr fährt der Zug los, von Rapperswil bis nach Affoltern und wieder zurück. Eine kurze Znünipause, dann geht Felix Stark auf dem Plan die nächste Fahrt durch, seine letzte. Diesmal eine S7, wiederum ausgehend von Rapperswil. Nach dieser Fahrt wartet auf ihn der verdiente Ruhestand. Und er will pünktlich in Rapperswil eintreffen – Pünktlichkeit sei das Steckenpferd eines jedes Lokführers. Nur dreimal habe er verschlafen, dreimal in insgesamt 32 Dienstjahren bei den SBB. Er sagts mit einem gutmütigen Grinsen, richtet das Käppi, dreht sich kurz zu seinen Gästen im Führerstand. Nächster Halt: Meilen.

Vom Papier zum iPad

Ein bisschen sieht es vorne beim Lokführer aus wie in einem Cockpit, nur mit weniger Knöpfen. Felix Stark bedient sie alle routiniert und gemächlich, schiebt hier einen Hebel nach oben, drückt dort einen Knopf, zwischendurch einen Blick aufs iPad. iPad? «Früher waren das noch einfache Papierzettel», schmunzelt der Lokführer. Der Bildschirm zeigt ihm die nächste Haltestelle an und gibt Auskunft zur Fahrstrecke: «Winkel am Zürichsee», steht da etwa, oder einfach nur «Kurve». Auch wie schnell der Zug gerade fährt oder wie weit es noch bis zum nächsten Bahnhof ist – das iPad weiss alles.

Dass ein Lokführer so viele Jahre im Einsatz stehe, sei nicht selbstverständlich, sagt Bruno Gallati. Gallati steht dem Lokpersonal in Rapperswil vor und kennt Felix Stark seit vielen Jahren. Auch er ist an diesem Morgen mit von der Partie und begleitet Felix Stark im Führerstand. Ein zuverlässiger Lokführer sei er, der Felix. «Einer, der vorausschauend fährt.»

Nur die Sekretärin fehlte

War er denn nervös vor seiner letzten Fahrt, wehmütig? Im Moment fühle er sich pudelwohl, sagt Felix Stark. «Aber die Nostalgie kommt vielleicht später noch.» Denn das Zugfahren werde er schon vermissen. Schliesslich war der Beruf Lokführer sein Bubentraum – auch wenn er diesen Wunsch nach der Lehre zunächst 10 Jahre zur Seite schob und als Elektromonteur arbeitete. Am Beruf gefällt ihm, selbstständig zu sein. «Wir Lokführer sind Einzelkämpfer», grinst er. Das habe der Beruf so an sich, schliesslich sei man meist alleine im Führerstand. Zuweilen sei das schon etwas einsam. «Manchmal hätte ich mir eine Sekretärin gewünscht», scherzt er – jemand, der für aktuelle Durchsagen zur Tür hereinschaut, statt sie ihm übers iPad oder Handy mitzuteilen.

Auch an diesem Morgen gibt es eine aktuelle Meldung: Am Bahnhof Kemptthal darf Stark heute nicht anhalten – Grund ist ein Personenunfall. Es ist die Schattenseite am Beruf, eine, mit der fast jeder Lokführer irgendwann konfrontiert wird. «Im Schnitt trifft es einen Lokführer dreimal», sagt Bruno Gallati. Felix Stark legt das Gesicht in Falten, er weiss, wovon er spricht. 1991 war es, da sprang ein Mann vor seinen Zug, bei der Tunneleinfahrt kurz vor dem Bahnhof Stäfa. Das hat ihn lange nicht losgelassen, auch wenn die Frau des Betroffenen sich später bei ihm meldete, ihm die Gründe für den Entscheid ihres Mannes mitteilen wollte. Manchmal, wenn er in Stäfa einfährt, denkt Felix Stark heute noch daran zurück.

Aber es gab auch schöne Momente, sehr viele sogar. Am liebsten war Felix Stark Lokführer, wenn es schneite. Dann blickte er in die Seitenspiegel und schaute, wie es die dicken Flocken im Fahrtwind zerstäubte und davonblies. Überhaupt fuhr er gern durch kleine Dörfer, vorbei an Wiesen und durch die Natur. Rund um den Zürcher Hauptbahnhof hat es im Vergleich dazu viel mehr Signale, die er beachten muss. Doch auch ein Perron voller Menschen löst bei ihm Freude aus. «Für diese Menschen fahre ich schliesslich.» Das sei ihm tausendmal lieber als ein menschenleerer Bahnhof.

Schokoladiges Kilchberg

Ein letztes Mal rumpelt es in der Führerkabine, der Zug nähert sich dem Bahnhof Rapperswil. Felix Stark erzählt eine letzte Anekdote: dass er manche Zugstrecken am Zürichsee allein am Geruch erkenne. Schokoladig riecht es in Kilchberg, nach Guetsli in Meilen.

Endstation Rapperswil. Ein fester Händedruck von seinem Chef, ein Schulterklopfen, dann ist Felix Stark entlassen. Fast zumindest. Im nächsten Jahr wird er noch einmal pro Woche als Lokführer arbeiten. «Das erleichtert den Abschied», schmunzelt er. Und für die allerletzte Fahrt nehme er vielleicht seine Frau mit. Dies habe sich in den über 30 Jahren bei den SBB irgendwie nie ergeben.

Erstellt: 27.11.2015, 08:38 Uhr

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