Fifa-Museum

Der Schatzsucher

Ob WM-Ball, ein paar Socken oder bloss eine Notiz an einen Schiedsrichter: Moritz Ansorge spürt für die Fifa Zeitzeugnisse auf – immer auf der Suche nach Geschichten, die der Fussball schrieb.

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Durch den Diensteingang des Fifa-Fussballmuseums führt Moritz Ansorge den Besucher in seine Welt. Dorthin, wo ein Teil der 4000 Exponate und 10 000 Dokumente aus der Fussballgeschichte lagert – und es vielleicht nie ins Rampenlicht der Ausstellung schaffen wird. Ohne Ansorges Fingerabdruck öffnet sich keine Tür, fährt kein Lift.

Es geht um viele Ecken im grossen Fifa-Gebäude, bis das Archiv erreicht ist: Ein geteilter Raum ohne Tageslicht. Auf der einen Seite warten Vitrinen auf ihre Neubestückung, auf der anderen lagern Teile der Sammlung in Regalen, an der Wand ein kleiner Schreibtisch, auf dem sich Kartons stapeln.

Mehr Wissenschaftler als Fan

Die Schachteln sind kürzlich aus Tel Aviv eingetroffen. Absender ist der ehemalige Schiedsrichter Abraham Klein. Der Israeli leitete 1982 das legendäre 3:2 Italiens gegen Brasilien. Paolo Rossi traf dreimal für die Azzurri. Klein pfiff zudem in der North American Soccer League (NASL), die dank klingender Namen wie Pelé und Beckenbauer kurz einen Hype erlebte, dann jedoch bald wieder aufgelöst wurde. Vor allem aber hat Klein, heute 83, alles aus seiner aktiven Zeit aufbewahrt.

«Ich bin schon Fussballfan, aber ich würde nie Autogrammen hinterherjagen oder wegen eines WM-Balls ausflippen.»Moritz Ansorge

Ansorge zieht weisse Handschuhe an, öffnet die Kartons und präsentiert: Gelbe Karten, Trillerpfeifen, Fussballsocken, Wimpel aus der NASL, eine digitale Schiedsrichter-Uhr, die noch läuft, und eine persönliche Notiz des englischen Schiedsrichter-Obmanns, der Klein kurz nach dem 3:2 zur Leistung gratulierte.

Aus dem grössten Behälter nimmt Ansorge den Original-Matchball. Mehr wie ein Wissenschaftler denn ein Fan präsentiert er das Spielgerät, das bei einer Auktion gut und gerne 10 000 bis 25 000 Franken einbringen würde.

Die Essenz jeder WM

«Ich bin schon Fussballfan, aber ich würde nie Autogrammen hinterherjagen oder wegen eines WM-Balls ausflippen. Vielleicht liegts daran, dass ich Norddeutscher bin», sagt Ansorge und lächelt. Er hat selber Fussball gespielt, sich als Sportwissenschaftler aber schon immer mehr für die Kultur des Sports interessiert als für die Tabelle der Bundesliga. Bevor er im Fussballmuseum die Leitung des fünfköpfigen Collections-Teams übernahm, arbeitete er für die Firma, die zweieinhalb Jahre lang die Ausstellung konzipierte und die passenden Exponate auftrieb.

Die Reihenfolge ist wichtig. Statt wild drauflos zu sammeln, filterte das Team die Essenz jeder einzelnen Weltmeisterschaft heraus. Erst dann wühlte man sich durch das Archiv und suchte nach Objekten und Zeitzeugnissen, mit denen diese Schlüsselerlebnisse erzählt werden konnten.

Arbeiten wie ein Detektiv

Genauso geht Ansorges Team vor, wenn sie die bestehende Ausstellung ergänzt oder eine Sonderschau plant. «Das ist richtige Detektivarbeit.» Und die ist nicht immer von Erfolg gekrönt. Um ein Haar wären auch die fussballgeschichtlichen Schätze von Abraham Klein in Händlerhänden gelandet. Durch einen Tipp erfuhr Ansorge, dass die Exponate im Internet angeboten wurden. Schnell griff er zum Hörer und bat Klein, die Artikel vom Netz zu nehmen. Bei einem Treffen erklärte er dem ehemaligen Referee den historischen Wert seines Besitzes. «Das war ihm gar nicht klar», erinnert sich Ansorge. «Plötzlich war er Feuer und Flamme. Ihm wurde bewusst, dass er die Sammlung eigentlich viel lieber einem Museum übergeben würde. Als ob er darauf gewartet hätte.»

Kleins Sammlung ist in vielerlei Hinsicht ein Glücksfall. Sie birgt Potenzial für mehrere Geschichten: Über den einzigen Israeli, der an drei WMs teilnahm; über das Schiedsrichterwesen aus jener Zeit; über das legendäre 3:2; über die North American Soccer League, die sich nach einem Neustart unter dem Namen Major League Soccer langsam wieder etabliert; über die Wimpel und die Frage, wie sich amerikanisches Design von damals in Merchandisingartikeln wiederfindet.

«Wir überlegen uns immer, welchen Mehrwert ein Objekt bietet und legen dann die Schmerzgrenze fest.»Moritz Ansorge

Ein Glücksfall ist die Lieferung aus Israel auch wegen ihrer Quelle. Um Fälschungen auszuschliessen, muss Ansorge manchmal Drittpersonen befragen, Bilddokumente beiziehen oder Material testen lassen. Teilweise ist auch dann die Echtheit nicht zu erweisen. Wie im Falle der Eintrittskarten für die erste Fussballweltmeisterschaft überhaupt. Für die Tickets der 1930er-WM in Uruguay gibt es einen grossen und unübersichtlichen Markt. Der Grund: Ein Fälscher hatte nicht nur Papier aus jener Zeit gefunden, sondern auch die damalige Druckerpresse. «So ist es unmöglich, die Echtheit zu überprüfen.»

Andrades Medaille fehlt

Während der WM 2014 beschaffte Ansorges Team erstmals selber Material. «Wir sammelten aber nicht alles ein.» Auch hier bestand die Herausforderung darin, die zentralen Geschichten zu erkennen und die dazu passenden Erzählstücke zu ergattern. Kein Spieler wird gezwungen, Trikot und Schuhe der Fifa zu überlassen. Der Fall Klein zeigt jedoch, dass die historische und emotionale Bedeutung durchaus finanzielle Anreize überbieten kann. Nach Israel floss nur eine bescheidene Pauschale, um den Arbeitsaufwand für das Dokumentieren der Gegenstände zu decken.

Über sein Budget gibt Ansorge keine Auskunft. Die Fifa biete jedenfalls nicht um jeden Preis mit, sagt er. «Wir überlegen uns immer, welchen Mehrwert ein Objekt bietet und legen dann die Schmerzgrenze fest.» Wie beim Bieten um die WM-Medaille des uruguayischen Nationalspielers José Leandro Andrade.

Er war der erste Schwarze des internationalen Fussballs und der Star des 1930er-Weltmeisterteams. Dass er später nach Eskapaden als mittelloser Bettler in Paris lebte, macht seine Biografie nur noch interessanter. Ansorge hätte die Medaille gerne gehabt. Schliesslich machte ein vermögender Fussballfan das Rennen.

Scrabbeln mit Zlatan

Dass manchmal wenige Mittel reichen, um eine gute Geschichte zu veranschaulichen, zeigen die Karten, Pfeifen und Briefe von Abraham Klein – oder eines der weniger offensichtlichen Ausstellungsobjekte: Schwedische Scrabblesteine, die das Wort Zlatanera schreiben.

Zlatanera wurde offiziell in den schwedischen Wortschatz aufgenommen. Die Schweden verwenden den Begriff in Anlehnung an ihren selbstverliebten Stürmerstar Zlatan Ibrahimovic. Das Wort bedeutet soviel wie: Etwas auf kraftvolle Weise dominieren.

Ein paar Scrabblesteine – und schon ist eine weitere Fussballkultur-Geschichte erzählt.

Fifa-Fussballmuseum beim Tessinerplatz. Öffnungszeiten: Di bis Sa: 10 bis 19 Uhr; So: 9 bis 18 Uhr; Mo geschlossen. de.fifamuseum.com.

Erstellt: 18.04.2017, 15:22 Uhr

Marc Caprez ist Geschäftsführer ad interim beim Fifa-Museum.

«Haben Belegschaft halbiert»

Das Fussballmuseum ist stark defizitär. Marc Caprez, Geschäftsführer ad interim, kündigt nun weitere Sparmassnahmen an.

Herr Caprez, das Fussballmuseum hat in letzter Zeit vor allem mit Kündigungen Schlagzeilen gemacht. Wie läuft es aktuell?
Marc Caprez: Der Betrieb läuft gut. Eine Task Force analysiert seit November die Gesamtsituation des Museums und hat bereits einiges Sparpotenzial entdeckt.

Wo konkret?
Zum Beispiel bei den Verträgen im digitalen Bereich für Website und Museums-App. Diese sind sehr hoch dotiert. Aus unserer Sicht macht es mehr Sinn, den digitalen Auftritt in die Strategie der Fifa zu integrieren und bei den externen Zulieferern zu sparen.

Wieviel sparen Sie damit ein?
Diese Zahlen geben wir nicht bekannt. Aber ich kann Ihnen sagen, dass wir ursprünglich per Ende 2016 mit einem Defizit von über 30 Millionen Franken rechneten und das Jahr nun mit einem Minus von 25 Millionen Franken abgeschlossen haben – auch dank ersten Sparmassnahmen. Per Ende 2017 erwarten wir noch einen Verlust von 18 Millionen.

Wie erreichen Sie dieses Ziel?
Hoch sind auch die Ausgaben für temporäre Ausstellungen. Diese wollen wir einfacher und weniger aufwändig gestalten, ohne dabei auf gute Inhalte zu verzichten.

Massiv abgebaut wurde in der Gastronomie.
Die Bar «1904» und das museumseigene Bistro werden in der bisherigen Form nicht weitergeführt. Beides war hoch defizitär. Das Bistro wurde vor allem von Büroangestellten genutzt. Unter den Museumsbesuchern war die Nachfrage eher klein.

Was passiert mit den Lokalen?
Wir sind im Gespräch mit potenziellen Partnern, die Bar und Bistro pachten und das Catering für die vielen Events übernehmen.

Es gab viele Kündigungen.
Die Belegschaft des Museums wird praktisch halbiert und im Juli noch rund 54 Vollzeitstellen zählen. Ein grosser Teil betrifft die Gastronomie. Entlassungen gab es aber auch im Kreativteam, das für die Website oder den Ausstellungsbau zuständig ist. Hinzu kamen Kündigungen in den Bereichen Unterhalt, Sicherheit und Gästebetreuung. Wir haben auch natürliche Fluktuationen.

Wird das der Besucher spüren?
Bisher konnten wir das gute Service-Level halten. Die Rückmeldungen und Bewertungen auf den Internetportalen sind immer noch hervorragend. Andere Museen klagen nach dem ersten Betriebsjahr über Einbrüche bei den Besucherzahlen. Wir zählen monatlich 11 000 Eintritte. Damit liegen wir in Zürich nur hinter dem Landesmuseum und dem Kunsthaus. Die Zahlen sind auf Vorjahresniveau. Bis Ende Jahr wollen wir ein paar Prozente zulegen.

Sonst droht die Schliessung?
Wie alle Einheiten der Fifa sind auch wir angehalten, haushälterisch mit den Mitteln umzugehen. Wir spüren aber weiterhin die Unterstützung der Fifa.


Das Fifa-Museum dokumentiert die Geschichte des Fussballs. Video: Fifa, facebook.

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