Wahlanalyse

Die FDP verliert Wähler an die GLP

Chefstatistiker Peter Moser vom statistischen Amt ist bei der Analyse der Wahlzettel der Nationalratswahlen auf zwei bemerkenswerte Erkenntnisse gestossen.

Die GLP in Feierlaune. Die GLP-Wähler sind jünger, urbaner und meist weniger reich als etablierte FDP-Wähler.

Die GLP in Feierlaune. Die GLP-Wähler sind jünger, urbaner und meist weniger reich als etablierte FDP-Wähler. Bild: Boris Müller

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Bei den jüngsten Nationalratswahlen im Kanton Zürich haben die Grünen eindeutig auf Kosten der SP Wähler zugelegt. Das hat Peter Moser, Leiter Analysen und Studien beim Statistischen Amt des Kantons, herausgefunden. Er setzte die Gemeinderesultate zueinander in Beziehung gesetzt. Diese seine erste Erkenntnis ist nicht besonders erstaunlich, weil sie sozusagen den historischen Normalfall darstellt. Bemerkenswerter ist hingegen Mosers zweite Erkenntnis: Die Gewinne der GLP erfolgten nicht zuletzt auf Kosten der FDP. «Dieser Zusammenhang ist zwar sehr viel weniger ausgeprägt als bei SP und Grünen, aber dennoch erkennbar», sagt Moser.

Verluste in FDP-Hochburgen

Die GLP legte im Kanton durchschnittlich um 5,8 Wählerprozente zu, während die FDP 1,7 Prozent verlor. Dem Streudiagramm, das Moser erstellte, lässt sich entnehmen, dass die GLP in jenen Gemeinden überdurchschnittlich zulegte, wo die FDP überdurchschnittliche Verluste einfuhr. Zum Beispiel in der Goldküstengemeinde Erlenbach. Hier gewann die GLP fast neun Prozent Wähler, während die FDP über fünf Prozent verlor. Ähnliches passierte in Stallikon, Rüschlikon, Greifensee, Maur, Meilen oder Küsnacht, wobei sich die Verhältnisse zwischen Gewinnern und Verlierern jeweils leicht verändern.

Paradefall Zürich

Bei der SP und den Grünen ist der Zusammenhang wie erwähnt viel deutlicher. Die Grünen legten kantonsweit im Schnitt 7,2 Wählerprozente zu, während die SP 4,1 Prozentpunkte einbüsste. Auf Mosers Streudiagramm fällt auch hier auf, dass die Grünen dort überdurchschnittlich zulegten, wo die SP überdurchschnittlich viel verlor. Ein Beispiel dafür ist die Stadt Zürich. Die Grünen gewannen hier fast zehn Prozent Wähler mehr, während die SP rund sechs Prozent verlor. Ähnlich präsentiert sich die Situation in Uster, Rifferswil, Flurlingen, Männedorf oder Fällanden, um nur einige Beispiele zu nennen.

Rückkehr zur Normalität

Dass die Gewinne der Grünen auf Kosten der SP gehen, ist laut Moser nichts Ungewöhnliches. Die beiden Parteien verhalten sich wie kommunizierende Röhren. Gewinnt die eine, verliert die andere. Eine Ausnahme gab es bei den letzten Kantonsratswahlen. Damals gewannen die Grünen, ohne dass die SP verlor. Deshalb hoffte die Linke, dass es im Herbst so bleiben würde. «Die Daten auch aus früheren Wahlgängen legen nahe, dass die Resultate bei den jüngsten Nationalratswahlen eine Rückkehr zur Normalität darstellen», sagt Moser. Er weist darauf hin, dass die typische Wählerin und der typische Wähler der beiden Parteien sehr ähnlich sind. Relevante Unterschiede gebe es kaum.

Partei der Krawattenträger

Anders bei GLP und FDP. Hier gibt es deutlich weniger Gemeinsamkeiten. Der leichte Klimaschwenker, den die FDP vor den Wahlen hinlegte, ändert daran nichts. Moser charakterisiert die typischen GLP-Wähler als jünger, urbaner und weniger reich als die FDP-Wählerschaft. Diese ist typischerweise älter, etabliert und gut situiert. Sie wohnt im Kanton Zürich vorzugsweise auf dem Pfannenstiel oder an der Goldküste. Den typischen männlichen FDP-Wähler darf man sich als älteren Krawattenträger vorstellen. «Etwas zugespitzt könnte man die GLP als eine hippere, verjüngte und grünere FDP bezeichnen», sagt Moser.

Viele offene Fragen

Hat auch die SP Wähler an die GLP verloren? Laut Moser ist dies zu vermuten, lässt sich aber aus den Daten nicht herauslesen. Keine Antwort geben die Wahlzettel auch auf die Frage, an wen die SVP ihre vier Prozent Wähler verloren hat. Ebensowenig lässt sich laut Moser erkennen, dass es Grünen und GLP gelang, bisherige Nichtwähler an die Urnen zu bringen. Darüber werden Nachwahlbefragungen Auskunft geben.

Hinweise könnte auch die Auswertung der Stimmrechtsausweise der Stadt Zürich liefern. Bei den Kantonsratswahlen vom Frühjahr zeigte sich so, dass tatsächlich Neuwähler aktiviert worden waren.

Erstellt: 22.10.2019, 20:11 Uhr

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