Zürich

Die Grüne mit dem roten Kern

Weil Karin Rykart ruhig argumentiert und sich oft zurückhält, wird sie gern unterschätzt.

Hat nichts dagegen, als stille Schafferin bezeichnet zu werden: Die grüne Stadtratskandidatin Karin Rykart vor dem Landesmuseum.

Hat nichts dagegen, als stille Schafferin bezeichnet zu werden: Die grüne Stadtratskandidatin Karin Rykart vor dem Landesmuseum. Bild: Marc Dahinden

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In ihren Blogbeiträgen setzt Karin Rykart gerne Ausrufezeichen. Im Gespräch wartet man allerdings vergebens auf ein lautes Wort. Sie ist bescheiden, ruhig, argumentiert sachlich und überlegt, ist angenehm im Umgang und verliert kein böses Wort über ihre Gegner. Zumindest innerhalb der Grünen kommt ihr Stil gut an. In der internen Ausmarchung um die Stadtratskandidatur setzte sie sich klar gegen Nationalrat Bastien Girod durch: gegen einen, der weiss, wie man auf sich aufmerksam macht – mit gewagten Plakaten, markigen Sprüchen und Auftritten vor TV-Kameras und in den sozialen Medien.

All dies sagt Karin Rykart wenig zu. Provokationen kennt man von ihr nicht, und auf Facebook und Twitter teilt sich die 46-Jährige erst seit ihrer Nomination häufiger mit. Sie wisse aber, wie wichtig ein guter Auftritt sei: Für die vielen öffentlichen Auftritte hat sie sich coachen lassen.

Auch dank der Zebra-Liste

Dass sie den Vorzug erhielt, sei weder voraussehbar gewesen noch habe sie die Nomination «im Schlafwagen eingefahren», sagt Rykart. Mit Blick auf den Wahlkampf sei das interne Duell ein intensives Aufwärmprogramm gewesen. «Und natürlich eine Motivation und Verpflichtung, weiterzumachen.» So ge­sehen ist Rykart seit bald einem Jahr im Wahlkampfmodus.

"Die Nomination war für mich eine Motivation und Verpflichtung, weiterzumachen."Karin Rykart,
Stadtratskandidatin Grüne

Für sie sprach, dass die Grünen traditionell mit einer Zebra-Liste antreten, also abwechslungsweise Kandidatin und Kandidat auf ihrer Wahlliste platzieren. «Das war bestimmt ein Faktor», sagt Rykart selber. An der Seite des bisherigen Finanzvorstehers Daniel Leupi soll sie den vor vier Jahren verlorenen zweiten Sitz der Grünen zurückerobern. Sie wäre die dritte Frau in der neunköpfigen Exekutive – voraus­gesetzt, Stadtpräsidentin Corine Mauch und Gesundheitsvorsteherin Claudia Nielsen (beide SP) werden wiedergewählt.

Der Frauenbonus allein gab aber nicht den Ausschlag für ihre Nomination. Rykart ist fleissig, gut vernetzt, kennt die Stadt und als ehemalige Verwaltungsangestellte die internen Abläufe. Seit fast zwölf Jahren politisiert die Leiterin einer Waldkrippe im Gemeinderat. Während vier Jahren und bis im letzten Sommer war sie Fraktionschefin der Grünen, bis 2014 in der Rechnungsprüfungskommission.

Fleissig, langweilig

Wohlgesinnte schätzen ihre Fachkenntnis und unaufgeregte Art. Auf die Sitzungen bereitet sie sich gut vor, und dort, wo sie un­sicher ist, hält sie sich zurück. Sie als stille Schafferin zu bezeichnen, stört sie nicht. Kritiker beschreiben sie dagegen als langweilig und farblos. Sie selbst sagt, auf ihre Schwächen angesprochen: «Vielleicht bin ich manchmal ein wenig zurückhaltend und könnte noch lockerer sein.»

"Vielleicht bin ich manchmal ein wenig zurückhaltend und könnte noch lockerer sein."Karin Rykart,
Stadtratskandidatin Grüne

Ein Nachteil im Wahlkampf? «Nicht unbedingt», antwortet Rykart und verweist auf andere, ebenfalls gemässigte Neukandidierende wie Michael Baumer (FDP), Markus Hungerbühler (CVP) und Andreas Hauri (GLP).

Politisch eine Wassermelone

Rykart beschreibt sich als offen, umgänglich, neugierig – gerade wenn jemand anderer Meinung oder ihr gegenüber kritisch sei. «Mich interessiert das – vielleicht hat das auch mit meinem Hintergrund zu tun.» Sie hat Sozio­logie studiert.

Sowieso könne sie Kritik gut einstecken. «Anderen gegenüber bin ich viel grosszügiger als mit mir.» Das zeigt sich etwa dann, wenn sie leicht verlegen über ihr Lächeln auf dem Plakat und ihre Stimme im Fernsehen witzelt.

Als «Knochenarbeit» bezeichnet sie den Wahlkampf. 150 000 Franken kostet der gemeinsame Stadtratswahlkampf mit Daniel Leupi. Doch das ist nicht der einzige Preis. Wird sie gewählt, ­erwartet sie eine 60-Stunden-Woche. Ihren Mann und die drei Kinder im jugendlichen Alter wird sie noch weniger sehen.

"Ich bin eher wie eine Wassermelone: aussen grün
und innen rot."
Karin Rykart,
Stadtratskandidatin Grüne

Aufgewachsen ist Rykart in einem sozialdemokratisch geprägten Elternhaus im aargauischen Neuenhof. Diese politischen Spuren sind noch erkennbar. Sie sei eine Grüne, sagt sie – «aber eher wie eine Wassermelone: aussen grün und innen rot».

Nicht gegen Stadion, aber . . .

Nebst der Gleichstellung von Mann und Frau sind ihr bezahlbare Wohnungen wichtig. Selbst wohnt sie in der Genossenschaftssiedlung Kraftwerk 1. Als Co-Präsidentin der Interessengemeinschaft Hardturmquartier bekämpft sie die im Zuge des Fussballstadionprojekts geplanten zwei Hochhäuser.

Weil sie auch gegen ein neues Kongresszentrum beim Carparkplatz ist, wurde sie schon als Verhinderin bezeichnet. Rykart kontert: «Ich bin lediglich gegen die Wohntürme, nicht gegen das Stadion.» Auf dem letzten freien Grundstück im Quartier wünsche sie sich mehr Freiraum statt Büros und überteuerte Wohnungen. Mehr Platz fordert sie auch für die Velofahrenden. Es brauche dringend mehr Velowege, sagt Rykart, ihretwegen auch gerne auf Kosten von Parkplätzen.

Mit den Themen Wohnen, Freiraum und Verkehr trifft Rykart den Nerv vieler Zürcherinnen und Zürcher. Und mit ihrer rot-grünen Politik deckt sie einen grossen Teil der Wählerschaft ab. Ob sie auf leisen Sohlen ­­den Schritt in den Stadtrat schafft? So abwegig ist das nicht. Nicht weniger als ein Sieg im Duell gegen Bastien Girod. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 24.01.2018, 16:44 Uhr

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Stadträtin und links-grüne Mehrheit als Ziel

Welche Rolle spielen die Grünen im Stadtzürcher Parlament?
Die Grünen haben einen Wähleranteil von 10,6 Prozent und im 125-köpfigen Gemeinderat 14 Sitze. Sie sind nach der SP (39), SVP (23) und FDP (21) die viertgrösste Fraktion. Mit SP und AL (9) kommen die Grünen auf 62 Sitze. Das bürgerliche Lager vereint 63 Sitze.

Welche Wahlziele haben sich die Grünen gesetzt?
Nachdem die Grünen bei den letzten Wahlen stagnierten, wollen sie nun um ein bis zwei Sitze zulegen. «Fast noch wichtiger ist, dass wir mit SP und AL eine links-grüne Mehrheit von 63 bis 65 Sitzen erlangen», sagt Stadtpartei-Präsident Markus Kunz. «Eine bürgerliche Mehrheit im Gemeinderat und eine links-grüne im Stadtrat hiesse Stillstand in Zürich.»

Wie realistisch sind die Chancen auf einen zweiten Stadtratssitz?
An der Seite des bisherigen Daniel Leupi ist es Karin Rykart zuzutrauen, den vor vier Jahren ver­lorenen zweiten Sitz zurück­zuerobern. Dass in der neunköpfigen Exekutive derzeit nur zwei Frauen regieren (Stadtpräsidentin Corine Mauch und Claudia Nielsen, beide SP), dürfte Rykart helfen. Sie hat zudem viel Rückhalt in der Basis und kennt sich in allen Dossiers aus. Dass sie sachlich diskutiert und als umgänglich gilt, ist kein Nachteil. Jedoch: Angesichts der Mehrheitsverhältnisse im Gemeinderat und der Abgänge von Gerold Lauber (CVP) und Andres Türler (FDP) haben die Bürgerlichen mit ihren Top-5-Kandidierenden gute Gegenargumente.

Auf wen können die Grünen im Wahlkampf zählen?
Mit ihren Partnern SP und AL treten die Grünen nicht so geschlossen auf wie die Top 5. Die gegenseitige Unterstützung gilt vor allem für die Stadtratskandidierenden.

Wie viel Erfahrung bringen die städtischen Grünen mit?
1986 gewinnen sie auf einen Schlag 5 Sitze im Gemeinderat, 1990 sind es bereits 10. Vier Jahre später halbiert sich die Zahl, dafür wird mit Monika Stocker erstmals eine grüne Stadträtin gewählt. Bis 2006 legen sie auf 14 Sitze zu. 2008 wird Ruth Genner Nachfolgerin von Monika Stocker. 2010 bringt es die Partei dank Leupis Erfolg erstmals auf zwei Stadtratssitze. Als Genner 2014 nicht mehr antritt, schicken die Grünen VCS-Geschäftsführer Markus Knauss ins Rennen. Er scheitert an Filippo Leutenegger (FDP).

Wofür kämpfen die Grünen?
Zuletzt haben sie sich erfolgreich für ihre Anliegen eingesetzt: bezahlbarer Wohnraum, Massnahmen zur Erreichung der 2000-Watt-Gesellschaft, bessere Bedingungen für Velofahrende, Schutz der Grünflächen sowie Kinderbetreuung für alle. Zu den neuen Zielen zählen die Einführung von Tagesschulen, der Ausbau des Velo- und Fussverkehrs sowie die Idee einer City-Card, die Ausländern mehr Rechte zugestehen soll.

Wie hoch ist das Wahlkampf­budget der Grünen?

Für den Gemeinderat beträgt es laut der Partei 160 000 Franken. Zudem stehen Leupi und Rykart durch Parteigelder, Eigenmittel und Spenden 150 000 Franken zur Verfügung. Heinz Zürcher

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