Zürich

«Die Kirche hat ein Sprachproblem»

Das Jenseits im Viadukt im Kreis 5 ist ein Angebot der katholischen Kirche für 18- bis 30-Jährige und bietet Musik, Kultur und Spirituelles. Leiter Michael Mann will Menschen an ihren Kern führen.

Im Bogen 12 im Jenseits im Viadukt gibt Michael Mann Yogastunden, es finden aber auch Gottesdienste, Vorträge und Konzerte statt.

Im Bogen 12 im Jenseits im Viadukt gibt Michael Mann Yogastunden, es finden aber auch Gottesdienste, Vorträge und Konzerte statt. Bild: Melanie Duchene

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Herr Mann, das Jenseits im Viadukt soll ein Ort sein für junge Leute, die mitten im Leben stehen und kirchenfern sind. Warum sollen gerade sie an einem Angebot der katholischen Kirche teilnehmen?
Michael Mann: Viele Menschen haben eine Sehnsucht nach Spiritualität und Gott, finden aber in den klassischen Religionen die Antworten nicht mehr, weil sie sich von der Sprache und Form nicht angesprochen fühlen. Die klassische Kirchensprache ist jungen Erwachsenen fern, aber nicht unbedingt die Fragen, um die es geht. Die stellen sich viele.

Was wird im Jenseits im Viadukt anders gemacht?
Zum einen die Ästhetik, zum anderen die Form der Zugehörigkeit. Kirche war in den 1970ern stark gemeindeorientiert. Das ist heute auf dem Land immer noch so, und das ist gut. Aber in der Stadt ist man eher in Netzwerken unterwegs. Das bieten wir auch. Unsere Workshops haben eine sehr freie Struktur. Und wir haben ein breites Angebot. Kürzlich war ein Sufi da, oder ein Derwisch, der tanzte, und Yoga läuft gut. Wir sprechen Sinnfragen an bei einer Tasse Kaffee. Wir verkörpern eine moderne Form der Spiritualität mit einer grossen Offenheit und Freiheit.

"Es geht uns nicht darum, zu missionieren. Wir sind vielmehr ein experimenteller Ort."Michael Mann, Leiter Jenseits im Viadukt

Sollen die Auseinandersetzung mit solchen Fragen die Leute ultimativ zur Kirche führen?
Weniger! Es geht darum, die Menschen an ihren Kern zu führen. Manche merken dann selber, dass eine Kirche hilfreich sein kann, weil wir als seriöser Sinnstifter eine Menge Erfahrung haben. Es geht uns nicht darum, Leute zu missionieren. Wir sind vielmehr ein experimenteller Ort, der eine Gesellschaft vor Augen hat, die nachhaltiger und spiritueller ist.

Viele interessieren sich für Spirituelles, aber sobald es um Gott geht, sinkt das Interesse.
Das ist ein Problem der Begriffe. Kirche hat gegenüber den Jungen ein Sprachproblem, und das versuchen wir aufzubrechen. Hier arbeiten neben zwei Theologen vor allem Leute aus den Bereichen Kultur, Marketing und Design.

Um eine Brücke zu den Jungen zu bauen, braucht es Marketing?br> Marketing hört sich immer so an, als müsse man etwas verkaufen. Es geht vielmehr darum, normal zu reden. Wenn man die Sprache und Bilder nicht mehr versteht und schlechte Erfahrungen im Religionsunterricht gemacht hat, sind gewisse Worte negativ belegt. Das ist schade. Es braucht andere Vokabeln. Jeder hat ein persönliches Bild von Gott. Im Alter von 25, 30 oder 40 sollte man sich die Frage stellen, warum bin ich hier auf der Erde? Nur um zu geniessen und mich zu bereichern? Das hinterlässt etwas Hohles, Leeres. Dann sieht man versteinerte Zombie-Gesichter durch die Stadt gehen, und es leuchtet nichts mehr. Dann kann man hier mit uns reden.

Wie bringt man das wieder zum Leuchten?
Indem man den Fokus nach innen richtet und anfängt, mehr zu geben als zu nehmen. Man wird dankbar für all das Schöne im Leben und sieht vielleicht sogar einen Sinn in allen Dingen. Ich nenne das Gott. Man fühlt sich mit anderen verbunden und nicht ständig ausgenutzt. Dabei helfen Stille, Gebet und auch Yoga.

Das Jenseits gibt es seit sechs Jahren. Wie hat es sich entwickelt?br> Kürzlich kam eine Innovationsforscherin aus Rio de Janeiro vorbei. Sie sagte mir, das Jenseits sei das Innovativste, was sie in Zürich gesehen hat. Wir entwickeln hier neue Formen zeitgemässer Spiritualität. Wir kennen unsere christlichen Wurzeln und schauen nach vorne. Die Besucherzahlen wachsen langsam und organisch. Wir haben ein musikalisches Programm, ein spirituelles und ein kulturelles. Für Bands sind wird zur Starthilfe geworden. Die Zürcher Repair-Café-Szene ist hier geboren worden. Es geht uns nicht darum, Leute zur Kirche zu führen, sondern etwas Gutes zu geben für die Gesellschaft.

"Wenn es solche Sinnanbieter gibt, muss man damit im Dialog sein, statt sie auszugrenzen."Michael Mann, Leiter Jenseits im Viadukt

Im November beginnt wieder die spirituelle Reihe Geistlabor. Im letzten Herbst wurde ein Event zu Jenseitskontakten vom Sektenspezialist Hugo Stamm kritisiert. Inwiefern gehören Esoterik, Schamanismus und ähnliches ins Jenseits?br> Vieles, was wir anschauen, ist auch in der Kirche vorhanden. Jenseitskontakte etwa: Dass es Engel gibt, die sich durch Träume melden, ist biblisch. Oder dass man für die Seelen Verstorbener betet. Wenn es solche Sinnanbieter gibt, muss man damit im Dialog sein. Wir machen das lieber hier, in der Öffentlichkeit, als sie auszugrenzen. Die Events sind dreiteilig: Zuerst darf der Referent seine Methode theoretisch präsentieren, dann kommt die Übung, darauf folgt die kritische Auseinandersetzung. Bereits bei der Auswahl schauen wir, wie eine Methode funktioniert und ob sie gefährlich ist.

Gibt es Grenzen?
Ja. Wir müssen verantworten können, was hier läuft. Da wir mehr Anfragen bekommen als wir Leute einladen können, müssen wir sowieso auswählen.

Laufen Veranstaltungen zu umstrittenen Themen besser?
Man weiss das nie vorher. Sehr gelungen ist ein Poetry Slam zum Thema Flüchtlinge. Junge Slammer haben Texte geschrieben zur Botschaft von Papst Franziskus. Da haben wir eine Brücke gebaut zwischen Kultur und Kirche. Und die Bude war rappelvoll.

Das Jenseits ist eine Jugendkirche. Inwiefern steht es in Konkurrenz zu auf Junge ausgerichtete Freikirchen wie ICF?
Unsere Zielgruppen sind Welten auseinander. Der äusserliche Auftritt ist ähnlich, auch sie wollen zeitgemäss sein. Aber die Freikirchen sprechen andere Bedürfnisse an als wir.

Inwiefern?
Freikirchen erlebe ich oft begrenzend in ihrem Weltbild. Wir vermitteln weniger Geborgenheit durch eine fixe Gruppe. Wir drängen niemandem etwas auf, sondern ermutigen junge Erwachsene, ihren eigenen Weg zu finden und zu gehen. Religiös sind wir sehr offen. Es geht um Tiefe, Spiritualität und dass die Menschen ihren Fragen nachgehen. Das Jenseits ist Pionier und damit einmalig.

(landbote.ch)

Erstellt: 11.10.2016, 17:03 Uhr

Jugendkirche im Viadukt

Räuchern und Mantra-Singen im November

Seit 2010 besteht das Jenseits im Viadukt im Zürcher Kreis 5, das von der katholischen Kirche des Kantons finanziert wird. Der Viaduktbogen 11 ist ein Café mit Wohnzimmeratmosphäre. Im Bogen 12 haben Kunststudenten einen Ort der Stille eingerichtet, der für Meditation, Yoga, Gottesdienste und Kulturelles genutzt wird. Michael Mann ist Theologe und Mentaltrainer und leitet das Jenseits seit einem Jahr. An jedem Donnerstag im November findet die fünfte Reihe des Geistlabors statt, wo mit Spiritualität expermentiert wird. Am 3. November geht es um Räuchern, am 10. um Kräfte-Aufstellen, am 17. werden Mantra gesungen und am 24. November geht es um Herz-Meditation. kme

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