Popmusik

Die Kunst der Geräusche

Jean-Michel Jarre ist ein Wegbereiter der elek­tronischen Popmusik. Der 68-jährige Pariser verkaufte bis heute über 80 Millionen Tonträger. Im November tritt er in Zürich auf.

«Ich bin süchtig nach Musik, keine Ahnung, was ich sonst machen soll»: Jean-Michel Jarre, der Synthesizer-Pionier, ist wieder unterwegs.

«Ich bin süchtig nach Musik, keine Ahnung, was ich sonst machen soll»: Jean-Michel Jarre, der Synthesizer-Pionier, ist wieder unterwegs. Bild: Tom Sheehan

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Er spielte als erster westlicher Musiker in der Verbotenen Stadt in Peking und gab Konzerte für den Papst und die Nasa. Jean-Michel Jarre war mit der Filmdiva Charlotte Rampling verheiratet und später mit Isabelle Adjani verlobt. Jetzt ist der Synthesizer-Pionier auf Tournee, am 18. November spielt er im Zürcher Hallenstadtion.

Monsieur Jarre, wie war die ­Zusammenarbeit mit dem Schweizer Duo Yello?
Jean-Michel Jarre: Yello ist eine fantastische Band, ihre Originalität beeindruckt mich immer wieder. Deshalb standen sie ganz oben auf meiner Wunschliste. Für Yello hatte ich zwei Ideen: Entweder machen wir eine moderne, temporeiche Bearbeitung ihres bekanntesten Songs «The Race» – oder genau das Gegenteil: nämlich ein ausgesprochen langsames, cooles und sinnliches Stück mit einem gehörigen Schuss Sex-Appeal. Letztere Idee gefiel Boris und Dieter, als ichsie ihnen bei einem persönlichen Treffen vorschlug. Was sie dann aus meinem Demo machten, ist absolut perfekt mit grossartigen Klängen von Boris Blank und einem fantastischen Flow von Dieter Meier. Es heisst «Why This, Why That and Why». Meier klingt hier wie eine Mischung aus Barry White und Céline Dion. Ich bin überzeugt, bei diesem Projekt habe ich viel dazugelernt.

Sie haben in den vergangenen fünf Jahren intensiv an Ihrem zweiteiligen Albumprojekt «Electronica» gearbeitet, jetzt gehen Sie damit auf Tournee. Sind Sie ein Getriebener?
Ich bin praktisch permanent mit irgendwas beschäftigt. Ich bin süchtig nach Musik, keine Ahnung, was ich sonst machen soll. Urlaub wäre auch ein gutes Konzept, aber es funktioniert bei mir nicht.

Sie waren der erste westliche Popmusiker, der in China elek­tronische Musik aufgeführt hat. Das war lange vor dem Internetzeitalter. Wie konzipieren Sie heute Ihre Shows?
Ich habe im Sommer auf dem Sonar-Festival in Barcelona und auf dem Montreux Jazz Festival gespielt. Bei diesen Konzerten konnte ich ausprobieren, was funktioniert und was nicht. Die eigentlichen Proben zur Tour fanden dann in der Forest-National-Arena in Brüssel, die zu der Zeit leer war, statt. Dort konnten wir zwei Wochen lang alles in Ruhe ausprobieren. Wir verwenden analoges sowie digitales Equipment. Heutzutage kann man diese beiden Welten auf harmonische Weise miteinander verbinden: ein Theremin aus den 20er Jahren und ein iPad. Auch habe ich mir Gedanken über den Einsatz von 3-D-Videos bei meinen Shows gemacht, aber ohne Brille, das geht viel tiefer als mit Brille. Musik ist seit Jahrtausenden eine dreidimensionale Kunstform, es geht dabei um Schwingungen, um Raum und ums Hören. Ich ar­beite mit einem hervorragenden neuen Filmteam zusammen, die einige Stücke von «Electronica» sowie zahlreiche meiner Klassiker angemessen visualisiert haben. Als ich das Ergebnis zum ersten Mal sah, blieb mir die Spucke weg. Es funktioniert wirklich.

Versuchen Sie mit Ihren Shows innovativ zu sein?
Mir geht es eher darum, mich selbst zu überraschen. Als ich anfing, Konzerte zu spielen, war ich einer der ersten, der mit visuellen Elementen arbeitete. Wenn ich heutzutage auf Konzerte anderer Künstler gehe, habe ich oft das Gefühl, vieles schon vor 25 Jahren gesehen zu haben – in meinen eigenen Konzerten. Wenn ich also eine neue Bühnenshow konzipiere, möchte ich mich dabei nicht wiederholen. Nicht, weil ich auf Teufel komm raus innovativ sein will, sondern weil ich unheimlich gerne kreativ bin. Die3-D-Darstellung ohne Brille ist nicht wirklich neu, es kommt aber immer auf den Kontext an. In der Musik haben wir nur zwölf Noten, aber man kann sich als Künstler immer wieder neu erfinden.

Man stellt sich Ihr Studio vor wie ein Museum für elektronische Musikinstrumente. Trifft es das?
Exakt. Der Unterschied ist, dass man in einem Museum nichts berühren darf, bei mir aber ist das ausdrücklich erwünscht.

Werden Sie einige der Gastmusiker auf den «Electronica»-Alben zu den Konzerten einladen?
Das wird von Zeit zu Zeit spontan passieren, es hängt immer von den Terminplänen der anderen ab.

Sehen Sie sich eher als Enter­tainer oder als Komponist?
Ehrlich gesagt bin ich viel zu beschäftigt, um über meine Rolle nachzudenken. Am liebsten wäre ich bei dieser Tour Teil des Publikums, damit ich selbst geniessen kann, was ich bei den Proben gesehen habe.

Wie schwer ist es, eine Setliste zusammenzustellen, wenn man so viele Platten gemacht hat wie Sie?
Das ist ziemlich kompliziert. Viele meiner Mitarbeiter und Mitmusiker schrecken davor zurück und sagen immer, ich wisse doch selber, was ich will. Ich sehe mich tatsächlich in dieser Verantwortung. Ich achte vor allem auf die Stimmung und die Dramaturgie, wenn ich eine Setliste erstelle. Ich glaube, die Songauswahl ist massgeblich verantwortlich für den Erfolg einer Performance. Bei dieser Tour werde ich auch einige Stücke spielen, die ich schon sehr lange nicht mehr aufgeführt habe, sowie neue Sachen, die es noch auf keinem Album gibt. Ich habe vor, meine Klassiker wie «Oxygene» und «Equinox» im Sound von heute zu reproduzieren. Natürlich werde ich auch etwas von den «Electronica»-Alben spielen.

Ihr aktuelles Album «Electronica 2: The Heart of Noise» ist Edward Snowden gewidmet. Der weltberühmte Whistleblower spricht darauf ein Manifest. Wie haben Sie das geschafft?
Als Snowden vor ein paar Jahren mit seinen Enthüllungen an die Öffentlichkeit ging, berührte mich das sehr. Meine Mutter war in seinem Alter, als sie sich 1940 der Résistance anschloss. Die Menschen, die damals in den Untergrund gingen, galten bei der restlichen Bevölkerung als Unruhestifter. Aber nach dem Krieg behaupteten plötzlich alle Franzosen, beim Widerstand gewesen zu sein. Meine Mutter war aber keine Unruhestifterin, sie stellte bloss die herrschende Macht infrage. Exakt das tut Edward Snowden heute. Er ist nicht gegen sein Land, sondern er will die Verhältnisse zum Wohle aller verändern. Deshalb ist er für mich ein moderner Held. Ich bewundere ihn für seine Unerschrockenheit. Wir brauchen mehr Leute wie ihn.

Wie haben Sie den Kontakt zu ihm hergestellt?
Über den «Guardian». Das war die erste Zeitung, die seine Enthüllungen veröffentlichte. Die wa­ren auch ganz fasziniert von meiner Idee und brachten mich mit einer Kontaktperson zusammen. Es kam dann auch tatsächlich zu einer Videokonferenz, bei der ich Snowden meine Idee schildern konnte. Er mochte die Musik, die mir für seinen Beitrag vorschwebte: Ich wollte sein Statement mit einem schnellen Technotrack unterlegen. Er sollte die ununterbrochene und hektische Sammelsucht nach Informationen und Daten widerspiegeln – sowie die irrwitzige Jagd nach Edward Snowden durchdie mächtigste Organisation der Welt. Ich habe dieses Stück «Exit» (Ausstieg) getauft.

Konnten Sie ihn denn auch persönlich treffen?
Ja, und zwar vor ein paar Wochen in Moskau. Ich wollte unser Gespräch unbedingt filmen, um es in meine Performance einzubauen. Aus diesem Grund trafen wir uns für drei Stunden und redeten und redeten. Jetzt ist sein Manifest auf meinem Album zu hören: «Jeder Mensch hat ein Recht auf Privatsphäre und Datenschutz. Dagegen zu verstossen, ist eine Verletzung der Menschenrechte.» Das kann ich jetzt insbesondere an junge Leute weitergeben. Die liegen mir nämlich sehr am Herzen, weil sie Populisten wie Donald Trump und Marine Le Pen am ehesten auf den Leim gehen.

Welchen Eindruck machte Snowden auf Sie?
Es scheint ihm glücklicherweise ganz gut zu gehen. Er wirkt sehr jugendlich, aber man spürt seine innere Stärke. Ich halte ihn für absolut integer. Es geht ihm nicht darum, jemandem persönlich zu schaden, er tut dies alles allein für sein Land. Snowden ist ein Idealist und Pragmatiker in Personalunion. Dass er einmal in ein kulturelles Projekt involviert sein würde, hätte er sich nicht träumen lassen. Ein Ingenieur wie ich, sagte er mir schmunzelnd, gilt in der Regel nicht als cool. Wir hatten eine gute Zeit zusammen.

Was bedeutet er Ihnen persönlich?
Für mein Empfinden verdient er den Friedensnobelpreis. Edward Snowden ist ein Paradebeispiel dafür, wie jemand bestehende Machtverhältnisse auf dynamische und positive Weise infrage stellt mit dem Ziel, das System zu verbessern. Ihn darf auf keinen Fall das gleiche Schicksal ereilen wie dem Whistleblower Bradley Manning, der in den USA eine35-jährige Haftstrafe verbüsst. Ich habe gehört, dass der Chef der CIA Edward Snowden für die Anschläge in Paris mitverantwortlich macht. Die CIA und NSA sollten sich schämen! Sie haben auf der ganzen Linie versagt, indem sie den Terrorismus nicht verhindern konnten. Oder die Panama Papers: Alle finden es toll, was da jetzt alles an die Öffentlichkeit kommt, aber niemand schützt die Whistleblower. Deshalb habe ich mein Album Edward Snowden gewidmet.

Glauben Sie, dass Snowden ­jemals unbehelligt in seine ­Heimat zurückkehren kann?
Im Moment bestimmt nicht. Aber eines ist sicher: Donald Trump wird nie US-Präsident werden. Die Dinge ändern sich mit der Zeit, hoffe ich jedenfalls. Vielleicht können Leute wie ich dazu ja beitragen. Ausserdem wählen wir Bürger diejenigen, die die Macht ausüben sollen. Wir leben schliesslich in einer Demokratie. Und deren Zukunft hängt stark von Leuten wie Snowden ab.

Haben die Anschläge von Paris Sie politisiert?
Ich war eigentlich schon immer ein politischer Mensch. Was sich durch die Anschläge verändert hat, ist, dass meine Generation jetzt weiss, was Krieg bedeutet. Das kannten bisher nur unsere Eltern und Grosseltern. In der Nacht, als die Terroristen zuschlugen, war ich im Studio mit dem grossartigen französischen Sänger Christophe. Wir hörten, dass draussen irgendetwas vor sich ging, waren aber zu sehr auf unsere Arbeit konzentriert, um uns davon ablenken zu lassen. Als ich schliesslich realisierte, was da geschehen war, war ich bereits auf dem Weg nach Hause. Es war fünf Uhr in der Früh und mir wurde schlagartig klar, dass Frankreich sich im Kriegszustand befand. Überall war Polizei, aber gleichzeitig war Paris totenstill. Es war sehr bizarr und schockierend. Natürlich kenne ich das Bataclan-Theater sehr gut und auch Menschen, die dort ums Leben kamen. Wir Europäer müssen jetzt zusammenhalten, schliesslich tragen wir eine Mitverantwortung für die Misere.

Die Rechten bekommen in Deutschland und in Frankreich immer mehr Zulauf. Befürchten Sie, dass Marine Le Pen Ihre nächste Präsidentin werden könnte?
Nein. Das ist wie bei Donald Trump: Marine Le Pen und er kriegen allerhöchstens 40 Prozent der Wählerstimmen. Zu mehr wird es bei ihnen niemals reichen. Le Pen wird also auf Allianzen mit anderen Parteien angewiesen sein. Aber in dem Moment verliert sie ihre Glaubwürdigkeit. In dieser Falle sitzt auch Donald Trump. Diese Leute sind natürlich gefährlich, aber nach einer Weile wird sich die Stimmung im Volk gegen sie wenden. Weil sie nicht für, sondern gegen etwas sind. Bedauerlicherweise gibt es derzeit keine kühnen Staatschefs. Beim Radfahren schauen sie alle auf ihre Füsse – statt auf die Strasse.

Sie haben Fingerabdrücke von allen Mitwirkenden genommen. Auch von Edward Snowden?
Ja, ich habe auch seine. Er kommentierte das auf sehr witzige Weise: «Das geringste Problem ist für mich, dir meine Fingerabdrücke zu geben. Die haben ja eh schon alle.» (lacht) Ich will sie für eine Ausstellung verwenden, die ich als Nebenprojekt zu den Alben geplant habe. Ich will jeden der eingesammelten Fingerabdrücke mit meinen eigenen verschmelzen lassen und davon überdimensionale Prints herstellen lassen. Schauen Sie, dieser graue hier ist meiner und der rote daneben gehört Moby. Auf diese Weise kann ich prima analysieren, was wir gemeinsam haben. Genau darum geht es ja bei diesem Projekt.

Jean-Michel Jarre: Electronica World Tour, 18. November, Hallenstadion Zürich.

(Der Landbote)

Erstellt: 18.10.2016, 10:38 Uhr

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