Wetzikon

«Ein gefährlicher Cheib war das»

Einmal jährlich referiert Christoph Blocher über historische Figuren einer ausgewählten Region – dieses Jahr über drei Oberländer. Einer von ihnen ist schuld, dass Blocher einst in Russland zusammengestaucht wurde.

Christoph Blocher am Grabmal von Adolf Guyer-Zeller auf dem Friedhof Bauma. Am 2. Januar referiert der Alt-Bundesrat in Wetzikon.

Christoph Blocher am Grabmal von Adolf Guyer-Zeller auf dem Friedhof Bauma. Am 2. Januar referiert der Alt-Bundesrat in Wetzikon. Bild: Seraina Boner

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Ein verbannter Homosexueller, ein radikaler Marxist und ein Unternehmer: Herr Blocher, Ihre Auswahl hat mich überrascht.
Christoph Blocher: Das ist mit Absicht so gewählt. Ich muss mich nicht mit Leuten befassen, die mir gleichen. Alle drei sind Persönlichkeiten und Zürcher Oberländer. Sonst haben sie nicht viel gemein.

Weshalb fiel die Wahl dieses Mal auf das Zürcher Oberland?
Weil ich gefragt wurde, und ich das Zürcher Oberland gut kenne. Auch kommt meine Frau aus der oberländerischsten Gemeinde, aus Wald. Wald war im 19. Jahrhundert das «Manchester der Schweiz», das Oberland eines der am frühesten industrialisierten Gebiete hierzulande. Alle drei gewählten Figuren stammen aus dieser Welt und waren Persönlichkeiten, die etwas bewegten. Jakob Stutz war zwar homosexuell und wurde deshalb mehrmals verurteilt, einmal gar für drei Jahre aus dem Kanton Zürich verwiesen. Er ist aber ein Volksdichter, der das Zürcher Oberland wunderbar beschrieben hat. Seine Biographie ist interessant.

Inwiefern?
Seine Eltern starben früh, er wuchs bei seiner Gotte als Teil des einfachen Volkes auf. Er arbeitete unter anderem als Weber in der Heimweberei und ging nur drei Jahre zur Schule. Dennoch ist er etwas geworden, ja hat das Volkstum des Zürcher Oberlands einmalig beschrieben. Es braucht also nicht für alles einen Bologna-Abschluss oder Ähnliches. Es gibt immer Leute aus dem Leben, die Überraschendes leisten können.

Adolf Guyer-Zeller dürfte Ihnen näher liegen.
Er war jedenfalls wie ich ein Unternehmer. Guyer-Zeller war unglaublich vielfältig und tatkräftig, ein Industrieller im guten Sinn: Unternehmer nicht Manager. Neben Alfred Escher war er der bedeutendste Unternehmer seiner Zeit. Als Eschers Eisenbahngesellschaft fallierte, stieg er in das Geschäft ein, obwohl dies niemand anders tun wollte. Nicht mit allem hatte er Erfolg, die Uerikon-Bauma-Bahn zum Beispiel rentierte nie. Seine grösste Leistung war der Bau der Jungfrau-Bahn gegen viele Widerstände.

Wären Biographien wie jene von Guyer-Zeller oder Stutz heute noch möglich?
Sie hätten es heute eindeutig schwieriger. Heute hat man eine bürokratische Gesellschaft, die die Leute nach Bildung ausliest. Setzt man zu strenge Massstäbe, können manche gar nicht mehr wirken. Diese Personen haben gemacht, was sie für richtig hielten und alles – vor allem sich selbst – geopfert. Sie waren Individualisten. So gründete etwa Guyer-Zeller eine Bank – ganz einfach, weil er Geld für den Bahnbau brauchte. Er hat etwas gemacht und nicht gefragt, ob er es darf.

Wie kamen Sie auf Robert Grimm? Politisch steht er Ihnen diametral entgegen.
Robert Grimm hatte durchaus Qualitäten: Er war ein guter Redner, überzeugt von seiner Sache und setzte sich durch. Aber die Sache, die er vertrat, war niederträchtig. Er sei eigentlich schuld, dass die Kommunisten in Russland an die Macht kamen, sagte mir der damalige russische Justizminister in erzürntem Ton, als ich als Bundesrat einmal Russland bezüglich Terrorabwehr besuchen musste. Er sagte, hätte die Schweiz Lenin nicht Asyl gewährt und nach Russland geschleust, wäre es nicht passiert. Grimm stand an der Spitze des Zimmerwald-Komitees, das damals, während des ersten Weltkriegs, die Rückkehr Lenins nach Russland geplant hatte. Grimm war selbst in Russland und sympathisierte mit den Revolutionären.

Was haben Sie dem russischen Justizminister geantwortet?
Etwas feige, schob ich die Rückführung auf die Deutschen, die Lenin im verplombten Bahnwagen durch ihr Reich geschmuggelt hätten, mit dem Ziel, dass er das russische Reich, damals Deutschlands Kriegsgegner, destabilisiere. Sie sehen: Grimm war eine bedeutende Figur, wenn auch nicht im Guten.

Wenn er also kein Vorbild war, weshalb haben Sie ihn dennoch für eine Würdigung ausgewählt?
Es geht mir darum, dass man die damaligen Vorgänge ins rechte Licht stellt. Kommendes Jahr wird sich der Landesstreik von 1918 zum hundertsten Mal jähren. Ein Grund zum Feiern für die Verharmloser, vor allem von links. Dem will ich etwas entgegensetzen. Denn der Landesstreik war die grösste Krise des Bundesstaats überhaupt. Die Streikführer, und Robert Grimm war einer von ihnen, wollten den Umsturz des bürgerlichen Staats. Die Armee musste eingesetzt werden. Grimm war ein gefährlicher Cheib, keine Frage, auch wenn er später eine Karriere als braver Beamter machte. Er war irregeleitet.

Damit meinen Sie, dass er Marxist war.
Er hat das gesamte Werk von Karl Marx gelesen. Dafür bewundere ich ihn. Ich habe das als Student auch versucht, aber bald wieder aufgehört, denn das ist furchtbar kompliziert. Grimm wollte mit dem Landesstreik die Revolution nach sowjetischem Vorbild in die Schweiz bringen. Damals, im Ersten Weltkrieg, fielen solche Ideen auf fruchtbaren Boden, denn die Not war gross: Die Männer wurden zum Wehrdienst eingezogen, ohne dass es eine Entschädigung gegeben hätte. Die Exporte brachen ein, viele waren arbeitslos, es herrschte eine Hungersnot, und eine Grippewelle hinterliess viele Opfer.

Die Forderung vom Landesstreik erscheinen heute nicht gerade revolutionär. Es ging unter anderem um die Einführung einer AHV oder der 48-Stunden-Woche.
Ja, das kritisiert auch niemand. Aber Grimm wollte eine Revolution – die Diktatur des Proletariats. Also die Abschaffung der Demokratie. Und eine Revolution führt nie irgendwo hin, denn sie reisst nur nieder, baut nichts auf. Das hat man in Russland gesehen: 100 Millionen Tote hat diese Geschichte gebracht.

Könnte nicht auch eine Lehre sein, dass es die damalige Politik verpasst hat, auf die Missstände zu reagieren?
Doch, das kann man so sehen. Die herrschenden Leute haben es nicht fertig gebracht, den Landesstreik zu verhindern. Man muss die Leute ernst nehmen. Unternehmer können das besser als SP-Politiker, die Arbeiter ja nur noch aus der Literatur kennen. Wir haben mit den Arbeitern jeden Tag zu tun. Mit diesen Leuten kann man offen reden. Man kann ihnen zum Beispiel sagen: In einem Jahr, in dem es dem Unternehmen schlecht geht, sind Lohnerhöhungen unmöglich, in einem besseren Jahr kann man es tun. Missstände werden besprochen und Abhilfe geschafft. Das war damals vielleicht anders.

Heute gibt es kaum akute Revolutionsgefahr, aber viele fürchten die Auswirkungen der digitalen Revolution. Verstehen Sie diese Befürchtungen?
Verstehen schon, aber ich halte dagegen. Sehen Sie, in der Geschichte wiederholt sich alles. Vor 30 Jahren sprach man von Japan als der «gelben Gefahr», mit günstigen Arbeitskräften, mit Computern, die die Arbeitsplätze wegnehmen. Was ist passiert? Japan hat heute dieselben Probleme wie alle Industriestaaten. Die Schweiz ist noch immer gut aufgestellt, auch für die Digitalisierung. Probleme hat man nur, wenn man sich nicht anpassen kann. Das sah auch der Volksdichter, Jakob Stutz, so. Er hat beschrieben, wie die Arbeiter 1832 Webstühle in Brand setzten, der berühmte Brand von Uster. Stutz hat die Anführer kritisiert. Er sagte aber auch, warum sie so sind, nämlich dass sie zu wenig Bildung hätten, um zu verstehen, wie es in der Welt zugeht. Man müsse über den Tellerrand hinausschauen. Das gilt noch heute.

Es ist das zehnte Mal, dass Sie am Berchtoldstag über historische Persönlichkeiten referieren. Weshalb machen Sie das überhaupt?
Vor zehn Jahren, bei der ersten Veranstaltung, sagten manche: Der spinnt. Das war in einem Restaurant im Berner Seeland. Ich wusste: meine Frau kommt und der Wirt ist da. Darüber hinaus war es ein Experiment. Und dann mussten wir 800 Personen abweisen. Das zeigt mir: Man darf die Leute nicht unterschätzen. Sie hören gerne von ihrer Geschichte. Als ich vor einigen Jahren in Wattwil war, kam eine Frau auf mich zu. Sie sei zwei Stunden zu Fuss hergelaufen und laufe auch zwei Stunden wieder heim. Aber das tue sie voller Stolz. Sie sagte zu mir: Ich wusste nicht, dass wir solche Leute wie einen Zwingli und einen Bräker haben, die aus unserer Region stammten. Da fällt mir noch eine lustige Geschichte zu Wattwil ein.

Welche?
Wir hatten mit maximal 700 Leuten gerechnet und beim Metzger entsprechend Ghackets mit Hörnli bestellt. Das gibt es jedes Jahr. Dann kamen doppelt so viele Leute. Der Metzger war verzweifelt. Ich fragte, wie lange er brauche, um zusätzliche Portionen zu kochen. Er sagte: zwei Stunden. Dann sagte ich, gut dann rede ich so lange. Der Metzger kam, gab mir ein Zeichen und ich schwieg. Niemand hat wegen der langen Redezeit reklamiert. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 28.12.2017, 19:30 Uhr

Referat

Alt-SVP-Bundesrat Christoph Blocher (77) referiert am Berchtoldstag in Wetzikon über Oberländer Persönlichkeiten. Blocher stellt den gebürtigen Hittnauer Volksdichter Jakob Stutz (1801 – 1877), den Wirtschaftspionier Adolf Guyer-Zeller (1839 – 1899) aus Bäretswil und den Arbeiterführer Robert Grimm (1881 – 1958), geboren in Wald, vor. Am 2. Januar um 10.30 Uhr im Schulhaus Egg in Wetzikon. red

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