Zürich

«Es gibt keine Kinder, die man nicht integrieren kann»

Die Integration von schwachen Schülern in Regelklassen funktioniert, das zeigt eine neue Studie. Lehrer müssen aber wirksamer unterstützt werden, sagt Andrea Lanfranchi von der Hochschule für Heilpädagogik.

«Kinder sind verschieden, in den Leistungen, der Sprache, im Verhalten»: Integration in der Regelklasse ist alles andere als einfach.

«Kinder sind verschieden, in den Leistungen, der Sprache, im Verhalten»: Integration in der Regelklasse ist alles andere als einfach. Bild: Keystone

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Eine neue Pilotstudie der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH) zeigt, dass die Leistungen in Mathematik und Deutsch aller Schüler in einer Klasse mit integrierten Kindern im Durchschnitt liegen. Auch wenn eine erste Berichterstattung das Gegenteil nahelegte. Man kann also sagen, die Integration funktioniert. Dennoch fühlen sich laut Studie Kinder mit sonderpädagogischen Massnahmen schlechter integriert als ihre Mitschüler.

Fühlen sich integrierte Schüler also weniger wohl als andere?
Andrea Lanfranchi: Die soziale Akzeptanz von Kindern mit Schulschwierigkeiten in Regelklassen ist weniger hoch, das kennt man aus vielen Studien. Unsere Ergebnisse zeigen aber auch: Emotional fühlen sie sich gleichermassen wohl, vor allem die fremdsprachigen. Dennoch ist der angesprochene kritische Punkt eines der wenigen wissenschaftlichen Argumente, die gegen die Integration sprechen. Man weiss aber auch: Wären diese Kinder in einer Sonderklasse, würden sie sich vor allem mit den anderen leistungsschwachen Kindern vergleichen und sich womöglich überschätzen. Spätestens im Übergang zum Beruf sind sie so oder so mit der Realität konfrontiert. Die Forschung zeigt: Jugendliche aus integrativen Regelklassen haben mehr Erfolg in Lehre und Beruf.

Wie erklärt sich das?
Kinder mit schwächeren Leistungen machen in Regelklassen mehr Lernfortschritte als in Sonderklassen. Sehr wichtig dazu: Ihre leistungsstärkeren Mitschüler werden durch die Integration nicht benachteiligt. Auch in unserer Pilotstudie gibt es keinen Anlass, davon auszugehen, dass die schwächeren Kinder die Klassen blockieren und die stärkeren Schüler an der Integration leiden.

"Es gibt keine trennscharfe Grenze der Integrierbarkeit"Andrea Lanfranchi

Gibt es Kinder, die schwieriger zu integrieren sind?
Ja, aber es gibt keine Kinder, die man nicht integrieren kann, wenn die Bedingungen dazu optimal sind. Viele denken, scheue, schwächere Kinder könne man gut integrieren, autistische und verhaltensauffällige aber nicht. Das ist ein Trugschluss. Es gibt keine trennscharfe Grenze der Integrierbarkeit. Man geht von drei Fragen aus: Was braucht das Kind? Was wollen die Eltern? Was können die Lehrpersonen? Dann setzt man sich zusammen und schaut, was die beste Lösung ist. Das könnte auch eine Sonderschule sein.

Oft hört man, verhaltensauf­fällige Kinder seien diejenigen, die den Unterricht unmöglich machen. Was macht man da?
Man muss Lehrerinnen und Lehrer mit störenden Kindern wirksam unterstützen. Nicht nur mit Worten, sondern Taten. Ein Modell ist die Schulinsel, ein Zimmer im Schulhaus, wo sich Kinder in Krisen für ein paar Stunden, Tage oder Wochen «erholen» können, bis sie in ihre Klasse zurückgehen. Die Separation ist auch hier problematisch. Was passiert, wenn wir acht Kinder mit ADHS in eine Kleinklasse zusammentun? Das potenziert sich. Eine solche Klasse ist sehr schwer zu unterrichten – auch wenn die Regelklassenlehrer dadurch entlastet wären.

Was können Lehrer konkret tun?
Gute Ergebnisse liefert eine neue Methode, die «Banking Time» heisst: Die Lehrerin sitzt zweimal pro Woche zehn Minuten mit einem verhaltensauffälligen Schüler zusammen, an einem ruhigen Ort. Das Kind wählt, was es tun will, und der Lehrer ist da als Vertrauensperson. Das schafft Sicherheit und Nähe, die sich im Unterricht positiv auswirken. Die Lehrer-Schüler-Beziehung ist in der Integration zentral.

"Die Heilpädagogin muss in diejenigen Klassen, wo es am nötigsten ist mit genügender Intensität"Andrea Lanfranchi

Lehrer sind die Schlüsselfaktoren. Diese sagen aber oft: Wir haben nicht genügend Ressourcen. Wo setzt man da an?
Sie werden von Heilpädagoginnen unterstützt. Nehmen wir aber an, die schulische Heilpädagogin hat zwanzig Wochenstunden zur Verfügung, und im Schulhaus hat es zehn Klassen. Wenn sie nach dem Giesskannenprinzip für zwei Stunden in jede Klasse geht, genügt das nicht. Da gibt es vielleicht Klassen mit Belastungen, aber die Lehrerinnen sind erfahren und meistern schwierige Situationen weitgehend alleine. Da muss die Heilpädagogin nicht hin. In einer anderen Klasse hat es fast keine Kinder mit Förderbedarf – eine Beratung genügt. Das macht Ressourcen frei für die restlichen Klassen. Die Schulleiterin soll mit der Heilpädagogin alle Mittel bündeln und dort einsetzen, wo es am nötigsten ist, aber mit genügender Intensität. Zudem brauchen wir mehr und sehr gut ausgebildete heilpädagogische Fachpersonen.

Es gibt zu wenig gute Heilpädagogen?
Die Kantone haben bei uns an der HfH eine kontingentierte Anzahl Studienplätze. Es ist wichtig, dass die schulischen Heilpädagogen gut qualifiziert sind. Die Arbeit in der integrativen Regelschule ist anspruchsvoll. Nur die besten sind gut genug.

Was braucht es sonst noch?
Eine Anpassung der Schule an die besondere Schülerschaft. Unterricht wie früher, für alle gleich im gleichen Tempo, ist nicht mehr angebracht. Die Kinder sind verschieden, in den Leistungen, in der Sprache, im Verhalten. Das ist alles andere als einfach für Lehrerinnen und Lehrer. Eine schulische Heilpädagogin kann helfen und Kinder individuell fördern.

"Wenn man in einem Schulhaus nichts geändert hat, obwohl man neu integriert, behält man lieber die Sonderklassen."Andrea Lanfranchi

Integrative Regelklassen wurden vor über zehn Jahren eingeführt, kämpfen aber immer noch mit Problemen.
Wenn man bedenkt, dass das frühere System mit den Sonderklassen komplett umgestellt wurde, ist es trotz aller Kritik erstaunlich gut gelaufen. Auch dank dem Engagement aller Beteiligten. Allen voran der Heilpädagoginnen, aber auch der Lehrerinnen und Lehrer, die für diese Arbeit nur teilweise speziell ausgebildet werden konnten. Das hätte man besser implementieren können. Wenn man in einem Schulhaus aber nichts geändert hat, obwohl man neu integriert, behält man lieber die Sonderklassen.

Wie wichtig ist es, die Eltern einzubeziehen?
Sehr wichtig. Die Eltern muss man regelmässig informieren, auch damit sie nicht die Fantasie entwickeln, etwas laufe nicht gut. Eine Lehrerin kann etwa kurz nach Schulbeginn mit den Eltern telefonieren und sagen, dass sie mit ihnen in Kontakt bleiben möchte. Das bewirkt Wunder. Bei Eltern, die Probleme haben und machen, braucht es Hilfe von der Heilpädagogin oder vom Schulpsychologischen Dienst.

"Eine gute Lehrerin hat auch die Fähigkeit, mal etwas sein zu lassen oder abzugeben."Andrea Lanfranchi

Sind Lehrer offen oder frustriert beim Thema Integration?
Lehrerinnen und Lehrer mit Erfahrungen in der Integration sind offener als solche ohne. Diese haben verständlicherweise eine gewisse Zurückhaltung. Es gibt auch solche, die sich übernehmen, weil sie in vielen schwierigen Fällen so engagiert sind. Eine gute Lehrerin hat auch die Fähigkeit, mal etwas sein zu lassen oder abzugeben, etwa indem sie zum Schulleiter geht und die Problemlösung delegiert. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 07.03.2018, 07:55 Uhr

Irrtum in Pilotstudie

Falsch interpretiert und missverständlich dargestellt

Im vergangenen Herbst hat ein Team der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik eine Pilotstudie abgeschlossen. Diese untersuchte erstmals die Wirkung integrativer Förderung in der Regelklasse, die seit 2004 gesetzlich Pflicht ist. Es wurden 429 Kinder aus 27 Mittelstufenklassen aus den Kantonen Zürich, St. Gallen und Schwyz während eines Jahrs befragt und untersucht. In einer ersten Interpretation kamen die Forscher zum Schluss, dass zwei Drittel der integrierten und ein Drittel der übrigen Schüler das Minimalniveau in Mathematik und Deutsch nicht erreichten. Darüber haben auch mehrere Medien berichtet.
Diese Schlussfolgerung ist falsch. «Ein Punkt wurde falsch interpretiert», sagt Institutsleiter Andrea Lanfranchi. Das Team habe Angaben der Testkonstrukteure fehlerhaft verstanden und Daten aus den Leistungstests der Schüler missverständlich dargestellt. Das Team hat den Mittelwert, also die Durchschnittsleistung, als Minimalniveau angegeben. «Daraus wurde in der Öffentlichkeit gefolgert, dass die Integration nicht funktioniere», sagt Lanfranchi. Auch die Schulen reagierten mit vielen Fragen. Die Daten wurden nochmals analysiert und in einem Bericht zusammengefasst.
Man stellt nun fest, dass sich das Schulleistungsniveau der untersuchten Kinder nicht grundsätzlich vom Niveau der repräsentativen Eichstichprobe unterscheidet. Kinder mit sonderpädagogischen Massnahmen erzielen zwar schwächere Leistungen im Vergleich zu ihren Mitschülern, der Unterschied vergrössert sich über ein Schuljahr hinweg aber nicht, sondern bleibt konstant. Kinder mit tiefen Leistungen verbessern sich über die Zeit mehr als Kinder mit hohen Leistungen. Sie holen also auf.
Weiter wurde festgestellt, dass die Verhaltensprobleme der Kinder mit der Zeit abnehmen und das erwünschte Verhalten zunimmt. Auch musste niemand die Klasse repetieren oder in eine Sonderschule versetzt werden. Dennoch fühlen sich Kinder mit sonderpädagogischer Unter­stützung weniger integriert als ihre Mitschüler. Die HfH will das heikle Thema Integration auch in Zukunft aktiv angehen und regelmässig darüber informieren. Katrin Oller

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