Rad

Ferdy Kübler stirbt mit 97 Jahren

Eine Schweizer Radsport-Legende ist tot: Ferdinand «Ferdy» Kübler ist am Donnerstag «friedlich eingeschlafen».

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Am Donnerstag, 29. Dezember 2016, um 14 Uhr starb Ferdy Kübler in Anwesenheit seiner Frau Christina in einem Zürcher Spital. «Er sagte mir noch: 'Christina, du bist die beste Frau der Welt'», erklärte die 69-jährige Witwe am Freitag der «Schweizer Illustrierten». Weihnachten haben die beiden noch daheim in Birmensdorf im Kanton Zürich verbracht, danach musste Ferdy Kübler wegen einer schweren Erkältung ins Spital eingeliefert werden. «Ferdy ist friedlich eingeschlafen, mit einem Lächeln im Gesicht», sagte Christina Kübler.

Kübler gewann 1950 als erster Schweizer die Tour de France. 1951 eroberte er in Varese den Strassen-WM-Titel. «Quäle deinen Körper, sonst quält er dich.» Diesen Satz sprach er nach seinen vielen legendären Rennen immer wieder in die Mikrofone.

In den letzten Jahren machten Kübler zusehends gesundheitliche Beschwerden zu schaffen, er konnte sein Bett kaum mehr verlassen. «Wir können nicht einmal mehr zusammen spazieren gehen, ihm fehlt die Kraft dazu», sagte Christina Kübler vor zwei Monaten in einem Interview mit der «Schweiz am Sonntag». Die vielen Einladungen zu Festen oder Galas sowie Anfragen für Interviews musste Kübler in den letzten Jahre allesamt absagen.

Lieblingshobby Golfen

2008 war ausgekommen, dass sich der am 24. Juli 1919 geborene Kübler wegen Hautkrebs 18 Mal im Zürcher Triemlispital hatte bestrahlen lassen müssen. «Am Anfang hatte man dies leider etwas unterschätzt und zu spät behandelt», erklärte Christina Kübler. «Ferdy war in seinem Leben gerne und sehr viel an der prallen Sonne.»

Seinem Alters-Hobby, dem Golfen, frönte Kübler noch so lange, wie die Kraft reichte, um sich im Golfkart von Abschlag zu Abschlag fahren zu lassen. Zum Golfen war der Zürcher vor mehr als 25 Jahren gekommen, nachdem für ihn das Velofahren wegen der grossen Verkehrsdichte zu gefährlich geworden war und ihn der ehemalige Bob-Olympiasieger und Unternehmer Hausi Leutenegger mit Nachdruck für das neue Hobby zu begeistern verstanden hatte. Nicht zuletzt dank dem Golfspiel blieb Ferdy Kübler ein grosser Freundeskreis erhalten, der nun in grosser Trauer von ihm Abschied nimmt.

Auf Schweizer Verhältnisse übertragen, ist Ferdy Kübler die Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär gelungen. Er wuchs in ärmlichsten Verhältnissen auf und hatte das grosse Ziel, dieser Armut zu entfliehen. «Vom lieben Gott hatte ich den Willen bekommen, etwas zu tun, in dem ich besser war als alle anderen. Der Tour-de-France-Sieg und der WM-Titel waren für mich wie eine Erlösung. Jetzt war ich aus dem Dreck heraus», hielt Kübler in einem Interview zu seinem 90. Geburtstag fest.

Der Ausläufer einer Bäckerei und eines Uhrengeschäftes arbeitete sich für einen Wochenlohn von 20 Franken kontinuierlich nach oben. Der Zweite Weltkrieg verhinderte, dass Küblers Karriere schon zu Beginn seines Profidebüts 1940 steil anstieg. Die Rivalität mit Hugo Koblet führte zu den grössten Erfolgen und einer riesigen Radsport-Euphorie in der Schweiz. Jeder wollte den anderen übertrumpfen. Die Leistungen von Kübler und Koblet in den «goldenen K+K-Zeiten» fesselten fast die ganze Schweiz vor den Radiogeräten. Vergleichbares zu Kübler und Koblet gab es im Ausland nur noch in Italien durch Fausto Coppi und Gino Bartali oder in Frankreich durch Jacques Anquetil und Raymond Poulidor.

Dickschädel und trockene Sprüche

Der Wille war Ferdy Küblers grösste Triebfeder. Oft stand ihm sein Dickschädel aber auch im Weg. Etwa dann, wenn Kübler den Erfolg mit der Brechstange suchte und letztlich kläglich einging. Die Bilder vom Radprofi in Tränen der Enttäuschung - nach einer Niederlage oder weil er durch Defekte zurückgeworfen wurde - machten die Runde und trugen zum Bekanntheitsgrad bei. In 20 Jahren bestritt Kübler knapp 2000 Rennen auf der Strasse, der Bahn oder im Gelände. Sein Katzenbuckel beim Spurt waren ebenso legendär wie seine trockenen Sprüche.

Der «Adler von Adliswil» hatte immerhin die Lehren aus seiner harten Jugend gezogen. Im Gegensatz zu Hugo Koblet, der 1963 bei einem Autounfall ums Leben kam, liess er sich nicht von den Freunden ausnehmen. Kübler nutzte seine Popularität nach seinem Rücktritt 1957 als Skilehrer, als Aquisiteur für die Tour de Suisse und als Vertreter für die verschiedensten Produkte aus. In den Siebziger- und Achtzigerjahren wurde Kübler bei der Schweizer Landesrundfahrt, als er hochkarätige Gäste in einem Sponsorenauto herumchauffierte, mehr Beachtung zuteil als seinen Nachfolgern im Rennsattel.

Über acht Jahre hinweg nutzte ein Versicherungsunternehmen, immerhin 23 Jahre nach dessen Rücktritt, Küblers markante Nase zu Werbezwecken. Obwohl er nie «Schweizer Sportler des Jahres» geworden ist, wurde Kübler 1983 noch als Schweizer Sportler des Jahrhunderts ausgezeichnet. Zudem erhielt er bei den Sports Awards 2003 den Ehrenpreis zugesprochen.

Cancellara als Nachfolger

Neben der Tour de France 1950 sowie der Strassen-WM 1951 setzte Ferdy Kübler in seiner grossartigen Karriere noch zwei weitere Ausrufezeichen. Sowohl 1951 wie auch 1952 entschied er das Ardennen-Weekend für sich, indem er jeweils die Flèche Wallonne und Lüttich - Bastogne - Lüttich gewann. Die beiden schweren Rennen wurden innerhalb von 24 Stunden samstags und sonntags ausgetragen. Gleich dreimal (1950/1952/1954) entschied Kübler die hoch eingestufte Jahreswertung «Challenge Desgrange-Colombo» für sich.

Bis 2009 war er auch der Schweizer, der das «Maillot jaune» der Tour de France am häufigsten getragen hat (12 Mal). Dann löste ihn der in diesem Jahr zurückgetretene Fabian Cancellara ab, der sich 28 Mal ins gelbe Leadertrikot hat einkleiden lassen dürfen. (mst/sda)

Erstellt: 30.12.2016, 13:48 Uhr

Zürich

Das waren Ferdy Küblers grösste Erfolge

Ferdy Kübler. Geboren am 24. Juli 1919 in Marthalen ZH. Gestorben am 29. Dezember in Zürich.

Radprofi von 1940 bis 1957. Seine grössten Siege:

Strassenweltmeister 1951 in Varese (ITA). - Tour de France 1950. - Tour de Suisse 1942/48/51. - Tour de Romandie 1948/51. - Lüttich - Bastogne - Lüttich 1951/52. - Flèche Wallonne 1951/52. - Ardennen-Weekend 1951/52. - Rom - Neapel - Rom 1951. - GP Prato (ITA) 1950. - Mailand - Turin 1956. - Schweizer Strassenmeister 1948/49/50/51/54. - Schweizer Bergmeister 1941/42. - Meisterschaft von Zürich 1943. - Nordwestschweizer Rundfahrt 1943/49. - Vier-Kantone-Rundfahrt 1943/49. - Tessiner Rundfahrt 1950/51/52/54. - Genfersee-Rundfahrt 1952. - Quer durch Lausanne 1940/41/42/44/45. - Luzern - Engelberg 1941/42. - Schweizer Meister Einzelverfolgung 1940/41/43. - Schweizer Stundenrekord 43,651 km (Lausanne, 25. September 1941). - Schweizer Quer-Meister 1945. - Gewinner Jahreswertung Challenge Desgrange-Colombo 1950/52/54.

Weitere Resultate von Ferdy Kübler. Tour de France: Aufgabe 1947 (2 Etappensiege), Aufgabe 1949 (1 Etappensieg), 2. 1954 hinter Louison Bobet/FRA (2 Etappensiege, Erster Punktewertung). - Giro d'Italia: 4. 1950, 3. 1951, 3. 1952, Aufgabe 1953. - Tour de Suisse: 3. 1941 (1 Etappensieg), 4. 1947 (1 Etappensieg), 5. 1950 (Bergkönig), 2. 1952 hinter Pasquale Fornara/FRA (1 Etappensieg, Bergkönig), 4. 1955 (1 Etappensieg). - Strassen-Weltmeisterschaft: 2. 1949, 3. 1950. - Paris - Tours: 2. 1953. - Paris - Roubaix: 4. 1952. - Flèche Wallonne: 2. 1953, 2. 1954. - Gent - Wevelgem: 2. 1954. - Lombardei-Rundfahrt: 2. 1949. - Meisterschaft von Zürich: 3. 1947, 2. 1950. - Tour de Romandie: 3. 1947, 2. 1949. - GP des Nations: 3. 1941, 2. 1948. - Baracchi-Paarzeitfahren: 2. 1951 (mit Gino Bartali/ITA), 3. 1954 (mit Hugo Koblet). Critérium des As: 3. 1953.

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