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Im Justizvollzug sah niemandAnzeichen für einen Suizid

Die 27-jährige Frau aus Flaach, die Anfang Jahr mutmasslich ihre Kinder erstickte, hat sich im Zürcher Untersuchungsgefängnis offenbar stranguliert. Sie hinterliess einen Abschiedsbrief.

Nahmen Stellung zu den Fragen, die der Suizid der 27-jährigen Mutter aus Flaach aufwarf: Thomas Manhart, Justizdirektorin Jacqueline Fehr (SP) und Jérôme Endrass (v. l.).
Nahmen Stellung zu den Fragen, die der Suizid der 27-jährigen Mutter aus Flaach aufwarf: Thomas Manhart, Justizdirektorin Jacqueline Fehr (SP) und Jérôme Endrass (v. l.).
Keystone

Kurze Rückblende: Nachdem die junge Frau am 1. Januar ihren fünfjährigen Sohn und ihre zweijährige Tochter gemäss bisherigen Erkenntnissen in ihrem Haus in Flaach erstickt hatte, flüchtete sie in ein nahes Waldstück. Dort wurde sie von der Polizei aufgegriffen. Sie hatte ein Messer bei sich, mit dem sie sich offenbar verletzen wollte. Man stufte sie als suizidgefährdet ein und brachte sie in die psychiatrische Klinik Rheinau. Im Mai verlegte man sie ins Zürcher Untersuchungsgefängnis im Bezirksgebäude an der Badenerstrasse. Dort nahm sie sich am Freitag in der Zelle das Leben (Ausgabe vom Samstag).

Wie ist es möglich, dass sich eine Frau mit einer derart belastenden Vorgeschichte, die eine Suizidgefährdung vermuten lässt, in einem Gefängnis umbringen konnte? Gab es keine Anzeichen? Oder hat man sie übersehen? Solche Fragen standen im Raum, als Jacqueline Fehr (SP), Direktorin der Justiz und des Innern, begleitet von Mitarbeitern, am Samstag in Zürich vor die Medien trat. Nachdem sie den Angehörigen ihr Beileid ausgesprochen hatte, schilderte Thomas Manhart, Leiter des Amts für Justizvollzug, den Stand des Wissens: Die 27-Jährige sei am Freitag bei der Abgabe des Mittagessens in der Zelle noch lebend gesehen worden. Gegen 13.30 Uhr, als man sie zum Hofspaziergang abholen wollte, habe man sie tot aufgefunden. Reanimationsversuche seien erfolglos geblieben. Polizei, Forensikfachleute und die Staatsanwaltschaft seien aufgeboten worden. «Offenbar hat sie sich stranguliert», sagte Manhart. Man habe einen strickähnlichen Gegenstand gefunden. Hinterlassen hat sie auch ein Schriftstück. Über dessen Inhalt gab es am Samstag keine Auskunft. Der Brief soll in der nun laufenden Untersuchung der Staatsanwaltschaft ausgewertet werden. Der Ehemann der Verstorbenen sei benachrichtigt worden. Er werde nun speziell betreut, sagte Manhart. Der 29-Jährige befindet sich wegen Vermögensdelikten im Gefängnis.

«Keine Standards verletzt»

Aufgrund der aussergewöhnlichen Vorgeschichte der jungen Frau habe das Gefängnispersonal ein besonderes Augenmerk auf die junge Mutter gehabt, sagte Jérôme Endrass, stellvertretender Leiter des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes. Er sprach von einer «regelmässigen und engen Betreuung». Alle Mitarbeitenden seien in solchen Fällen angehalten, Auffälligkeiten zu melden. Solche habe es aber nicht gegeben. Zur Standardüberwachung von Personen mit Suizidgefährdung gehöre ein Gespräch pro Woche mit einem Psychiater. «Wir haben keine Hinweise, dass Betreuungsstandards verletzt worden sind», sagte Endrass. Die junge Frau wurde nach der Tötung ihrer Kinder zunächst in die psychiatrische Klinik Rheinau gebracht. Im Mai wurde sie ins Zürcher Untersuchungsgefängnis verlegt, nachdem die Psychiater in Rheinau keine akute Suizidgefährdung gesehen hätten.

Auf die Frage, ob die Verlegung rückblickend ein Fehler gewesen sei, sagte Manhart, das könne er nicht beurteilen. Im Nachhinein sei es immer einfach, die Dinge anders zu beurteilen. Wäre im Gefängnis etwas Auffälliges festgestellt worden, hätte man die Frau wieder zurück in die Klink bringen können. Endrass ergänzte, eine Suizidgefährdung sei kein bleibendes Persönlichkeitsmerkmal. Sie könne in einer akuten Krise entstehen und wieder verschwinden.

Schwieriger Zielkonflikt Bei der Suizidprävention befinde sich der Strafvollzug in einem schwierigen Zielkonflikt, betonte Manhart. Mit einer Totalüberwachung liesse sich das Risiko zwar senken, doch verletzte man damit das Gebot der menschenwürdigen Behandlung. Zwar könne man jegliches Mobiliar aus der Zelle räumen, Papier- statt Stoffwäsche verwenden oder im Extremfall Tag und Nacht das Licht brennen lassen. Aber eine solche Behandlung sei unmenschlich und grenze an Folter. «Ein Suizid lässt sich auch in einem Gefängnis letztlich nicht verhindern», folgerte Manhart. Ob es sich um einen geplanten oder spontanen Suizid handle, könne man noch nicht sagen. Das gefundene Schriftstück weise nicht zwingend auf Planung hin.

Den Alltag der jungen Frau im Untersuchungsgefängnis muss man sich laut den Schilderungen von Markus Epple, Direktor der Zürcher Untersuchungsgefängnisse, so vorstellen: Die Frau bewohnte auf eigenen Wunsch eine Einzelzelle von etwa zwölf Quadratmetern. Wie in der Untersuchungshaft üblich, durfte sie einmal pro Woche privaten Besuch empfangen – während einer Stunde, getrennt durch eine Glaswand und beaufsichtigt durch Gefängnispersonal. Neben den privaten Besuchen waren Kontakte zu Seelsorgern, Pflegepersonal oder Rechtsanwälten möglich. Das Essen nahm die Frau wie andere Häftlinge in der Zelle ein. Kontakte zu anderen Insassen seien beim Duschen, auf Spaziergängen oder bei gemeinsamen Beschäftigungen wie Bastelarbeiten möglich. Die junge Frau habe daran aber wenig Interesse gezeigt, so Epple. Das Regime in der U-Haft soll die Flucht- und Absprachegefahr minimieren. Fragen nach den Lebensperspektiven der jungen Frau, wie lange die Untersuchungshaft noch gedauert und was sie bei einer Verurteilung erwartet hätte, wurden an der Medienkonferenz nicht beantwortet.

In der Schweiz gebe es pro Jahr rund 1000 Suizide, führte Endrass aus. Wenn Medien darüber berichteten, lasse sich jeweils ein Nachahmereffekt beobachten. Ob hier ein solcher im Spiel sei, liess er offen. Die junge Frau habe im Gefängnis fernsehen und Zeitungen lesen können. Im Zürcher Justizvollzug hat es dieses Jahr bereits fünf Suizidfälle gegeben, mehr als in den Vorjahren, wie Manhart bestätigte. «Ja, es beunruhigt uns», sagte er. Die Häufung scheine ihm aber zufällig.

Gab es doch Hinweise? Verschiedene Medien machten am Wochenende publik, die junge Frau habe ihren Eltern Briefe geschrieben, in denen sie ihren bevorstehenden Suizid angedeutet habe. Die Eltern wurden mit Aussagen zitiert, wonach sie unter der Isolation litt, sich dringend eine Beschäftigung und die Rückverlegung in die Klinik Rheinau wünschte. An der Medienkonferenz vom Samstag kamen diese Vorwürfe allerdings nicht zur Sprache.

Das Drama um die junge Familie, die in Flaach lebte, begann damit, dass die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) die beiden Kinder in einem Heim platzierte. Über Neujahr durften sie zurück zu ihrer Mutter. Offenbar um die Rückführung ins Heim zu verhindern, brachte sie die beiden Kinder um. Darauf wurden schwere Vorwürfe gegen die Kesb laut. Die Grosseltern befeuerten diese. Der Kesb konnten aber keine Fehler nachgewiesen werden.

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