«Im Zirkus darf man sich nie auf seinen Lorbeeren ausruhen»

Bald feiert der Circus Knie Premiere. Zum 100-Jahr-Jubiläum blickt Zirkusdirektor Fredy Knie junior zurück auf die grössten Veränderungen – und verrät, wie er nach der ersten Vorstellung jeweils inkognito die Zuschauer belauscht.

Zirkusdirektor Fredy Knie jr. in seinem Element: Pferde sind seine grosse Leidenschaft.

Zirkusdirektor Fredy Knie jr. in seinem Element: Pferde sind seine grosse Leidenschaft. Bild: PD

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Im Zirkuswagen mit der Nummer 42 wartet der Zirkusdirektor schon Minuten, bevor die Besucherin den richtigen Wohnwagen gefunden hat. Pünktlich ist er, Fredy Knie junior – so wie die Zirkuskapelle, die bald in Rapperswil aufspielen wird. Die Nachmittagssonne brennt durch die Fenster ins Wageninnere, Fredy Knie offeriert ein Glas Wasser und nimmt sich selber ebenfalls eines an den Tisch. Viel zu tun gäbe es im Moment, sagt er: Interviews versuche er zwischen den Proben unterzubringen. Das Handy klingelt mehrmals im Gespräch, dreissig Minuten Zeit hat er. Also los:

Fredy Knie, die Tournee zum 100-Jahr-Jubiläum des Circus Knie steht kurz bevor. Welche Emotionen überwiegen vor dem Startschuss?
Die Nervosität ist jedes Jahr da. Das Jubiläum setzt dem Ganzen aber noch «eins oben drauf» und macht die Situation dieses Jahr besonders aussergewöhnlich. Und natürlich ist da die Vorfreude auf die vielen Events, die in unserem Jubiläumsjahr anstehen. Es bedeutet viel Arbeit, aber das ist gut so.

War die Winterpause dieses Jahr kürzer wegen der vielen Vorbereitungen?
Nein, in der Winterpause gibt es immer viel zu tun. Wir gehen ins Ausland mit den Tieren für andere Engagements und kommen dann zurück für den Feinschliff unseres Programms. Dieses Jahr haben wir im Sommer schon viel für die Jubiläumstournee vorbereitet. Und wegen unseres neuen Zirkuszelts haben wir diesmal mit dem Aufbau 14 Tage früher als üblich begonnen. Somit haben wir auch etwas mehr Zeit für die Proben.

...und die stehen jetzt wohl jeden Tag an?
Ja, wir proben täglich, sind praktisch immer von acht Uhr morgens bis zwölf Uhr abends ausgelastet. Choreographien, Lichteinstellungen, Sound – es sind Tausende Sachen, die erprobt werden müssen.

«Für eine mittelmässige Veranstaltung bringt man heutzutage niemanden mehr aus dem Haus.»

Was war Ihnen beim Zusammenstellen des Jubiläumsprogramms wichtig?
Das Programm ist ein «Best of» aus 100 Jahren Circus Knie, kombiniert mit neuen Elementen. Zu den «Best ofs» zähle ich etwa das Pferdekarussel von mir mit 30 galoppierenden Pferden, von Ivan Frédéric gibt es die «ungarische Post», die Fratelli Errani steuern ihre «ikarische Nummer» bei.

Gross angekündet wurde vor allem das Satiriker-Duo Giacobbo/Müller. Wird es eine politische Zirkustournee?
Nein, gar nicht. Es wird lustig, aber nicht politisch. Vielleicht werden Victor Giacobbo und Mike Müller zwischendurch mit einem Witz aktuelle Ereignisse aufgreifen, aber ihr Programm ist klar nicht auf Politik ausgerichtet. Ich mag den Humor der beiden – wir lachen uns schon bei den Proben schlapp. Das finale Urteil kann man jedoch erst nach der ersten Vorstellung fällen, wenn das Publikum den Auftritt gesehen hat.

Was wird diesmal komplett anders als in anderen Jahren?
Wir stellen jedes Jahr ein komplett neues Programm auf die Beine. Diesmal nehmen wir die Besucher mit auf eine Reise in die Vergangenheit: In der Manege werden Screens aufgebaut, auf denen wir alte Fotos und Videoaufnahmen aus 100 Jahren Zirkusgeschichte einblenden werden.

Fredy Knie Jr. im Jahr 1983 bei einer Raubtiernummer im Zirkus Roncalli. Bild: PD.

Das muss emotional für Sie gewesen sein, solche alten Fotos hervorzukramen.
Ja, definitiv. Da sind Bilder aufgetaucht von Erlebnissen, die vergessen gegangen waren – mit den Fotos war die Erinnerung aber sofort wieder präsent. Zum Beispiel gibt es ein Foto von meinem allerersten Auftritt im Zirkus, da war ich vier Jahre alt. Ein altes Schwarz-Weiss-Foto zeigt mich mit dem Pony in der Manege. An diese Zeit habe ich nur schemenhafte Erinnerungen, ich war ja schliesslich ein kleiner Bub.

Ist es in Zeiten von wachsenden Unterhaltungsangeboten schwieriger geworden, Zuschauer für den Zirkus zu begeistern?
Es ist eine Herausforderung, ja. Das Unterhaltungsangebot ist enorm gewachsen – und hier spreche ich nicht vom Fernsehen. Die Leute können nicht dreimal die Woche ausgehen, sie müssen sich für etwas entscheiden. Um mitzuhalten, muss man «top» sein und den Zuschauern eine Show mit bester Qualität anbieten. Für eine mittelmässige Veranstaltung bringt man heutzutage keinen mehr aus dem Haus. Das Besondere am Zirkus ist hierbei: Unser Publikum ist zwischen vier und achtzig Jahren alt. Da muss für jede Altersgruppe etwas dabeisein.

Wie wird denn rückblickend bewertet, ob wirklich für jeden etwas dabei war? Lesen Sie sich nach der Premiere alle Kritiken durch?
Wir analysieren alles, was uns zu Ohren kommt. Zu unterscheiden gilt aber immer, ob eine Kritik das Anliegen einer einzelnen Person ist oder ob es dem Gesamteindruck entspricht. Darum sind mir die Kritiken der Zuschauer viel lieber als die der Journalisten – denn in der Zeitung tut nur ein Einzelner seine Meinung kund. Die Meinungen aus dem Publikum abzuholen, ist für uns aufschlussreicher.

Wie gehen Sie dabei vor? Sprechen Sie nach der Vorstellung einzelne Gäste an?
Wenn die Leute am Ende aus dem Zelt laufen und ich beim Ausgang stehe, sagen mir ja die wenigsten direkt, dass ihnen etwas nicht gefallen hat. Mein «Trick» ist darum folgender: Wenn es regnet, spanne ich einen grossen Schirm auf, ziehe ihn tief über den Kopf und gehe ein Stück mit der Menschenschar mit, die hinausspaziert. So kann ich ein wenig zuhören, wie sie über die Vorstellung diskutieren. Solche ehrliche Meinungen abzuholen, ist mir wichtig – auch wenn es zuweilen kritische Stimmen sind. Das ist aber in Ordnung: es muss ja nicht immer allen alles gefallen.

«Wir wollen keinen verstaubten, sondern einen zeitgemässen Zirkus.»

Wenn Sie nun zurückblicken: Mit welchen Veränderungen im Zirkus haben Sie sich schwer getan?
Der ganze Betrieb ist hektischer geworden – da ergeht es uns wohl nicht anders, als vielen anderen Firmen. Zum Beispiel müssen unsere Mitarbeiter seit einiger Zeit ihre Arbeitszeit erfassen. Das ist ein grosser Aufwand und sehr kompliziert, vor allem, weil ein Arbeitstag im Zirkus nicht um acht Uhr beginnt und um fünf Uhr abends endet. Ich habe unserem Team erklärt: Ich verlange das nicht, weil ich sie ärgern will, sondern weil es halt eine arbeitsrechtliche Vorschrift ist.

Und wie schwer fiel Ihnen der Abschied von den Raubtieren und den Elefanten?
Wir taten dies ja aus eigenem Willen. Bei den Raubtieren war es ein Platzproblem, das hatte mit dem Tierschutz nichts zu tun. Vor 50 Jahren waren die Raubtiere in Zirkuswagen, und man hielt das so für richtig. Heute weiss man durch die Forschung, dass die Tiere mehr Auslauf und grosse Gehege brauchen. Jedoch sind die Plätze, auf denen wir gastieren und unser Zelt aufschlagen, kleiner geworden. Auf 80 Prozent der Plätze konnten wir den erforderlichen Raum für die Tiere nicht mehr bieten. Wir wollten keine Kompromisse eingehen, also haben wir nach der Saison 2004 mit den Raubtieren aufgehört. Bei den Elefanten ist es so, dass der Asiatische Elefant vom Aussterben bedroht ist. Er kann von Zirkussen und Zoos nicht importiert werden. Wir entschieden uns darum für ein Zuchtprogramm im Kinderzoo mit einer grossen, intakten Herde und einem Zuchtbullen.

Zu den Jubiläumsevents gehört eine Arena-Vorstellung am Rapperswiler Hauptplatz. Wie ist diese Idee entstanden?
Dies ist eine Tradition, die wir bisher an jedem Jubiläum gemacht haben, zuletzt im Jahr 2003, als wir «200 Jahre Dynastie Knie» feierten. Auf dem Hauptplatz traten schon mein Grossvater und seine Brüder auf. Es wird eine Vorstellung im Freien sein, wie man sie von früher kennt. Die Zuschauer warfen damals Münzen in einen Blechteller, mit dem das Nummerngirl am Schluss durch die Reihen ging. Diesmal sind die Einnahmen aber für einen wohltätigen Zweck. Angelehnt an früher ist auch das Finale: Dieses war seit jeher die Besteigung des hohen Seils vom Rathaus aus quer über den Platz. Diesen Part wird Freddy Nock übernehmen und sogar bis zum Kirchturm hoch balancieren.

Wie werden Sie das Jubiläum mit Ihrer Familie feiern – fernab der grossen Scheinwerfer?
Für uns heisst es in erster Line: «Schaffe, schaffe, schaffe». Aber am Schluss werden wir hoffentlich die Zeit finden, bei einem Jubiläumsessen alle zusammen zu feiern.

Und wenn Sie einen Ausblick wagen: Wie sieht der Circus Knie in 100 Jahren aus? Gibt es ihn noch?
Den Zirkus wird es sicher noch geben. Ich kann jetzt nicht für die nächsten 100 Jahre sprechen, aber sicher für die kommenden Saisons. Veränderungen sind aber unausweichlich. Allein im nächsten Jahr wird es eine 180-Grad-Wende geben. Wir wollen keinen verstaubten, sondern zeitgemässen Zirkus. Zu sehen, mit welchem Enthusiasmus meine Familie in meinem Sinne weitermacht, ist für mich das eigentliche Highlight. Meine Aufgabe ist es nun, mein Wissen weiterzugeben.

...auch an die Enkelkinder, die in Ihre Fussstapfen treten werden.
Ich habe ihnen immer gesagt: Tut das, was ihr möchtet. Denn es gibt nichts Schlimmeres, als sein Leben lang etwas zu tun, das einem keine Freude bereitet. Der Zirkusberuf ist viel zu hart, wenn man ihn nicht mit Enthusiasmus angeht. Meinem Enkel Ivan Frédéric, der jetzt die Schule beendet hat, habe ich gesagt: Jetzt musst du dich entscheiden – willst du weitermachen, oder möchtest du einen anderen Weg einschlagen. Er hat mich den Satz nicht mal ausreden lassen. Ich betonte aber: Weitermachen gibt es nur mit 100 Prozent. Es reicht nicht aus, den Namen Knie zu tragen – im Gegenteil. Im Zirkus darf sich keiner auf seinen Lorbeeren ausruhen.

Erstellt: 13.03.2019, 11:34 Uhr

Zur Person

Fredy Knie jr. wurde am 30. September 1946 geboren und entstammt der sechsten Generation der Zirkusfamilie Knie.

Mit vier Jahren ritt der heutige Zirkusdirektor zum ersten Mal vor Publikum, als fünfjähriger Artist erlebte er 1951 seine erste Schweizer Tournee.

Von seinem Vater übernahm er später die Leitung der Pferdedressur. 1972 heiratete er die nicht in einem Zirkus aufgewachsene Mary-José Galland, die seit der Heirat regelmässig im Zirkus auftritt. Am 19. Januar 1973 kam Tochter Géraldine Knie, die Vertreterin der siebten Generation, zur Welt.

1992 übernahm Fredy Knie jr. zusammen mit Franco Knie sen. die Leitung des Unternehmens Knie; die beiden teilten sich die artistische und technische Direktion. Seit 2014 ist Franco Knie nicht mehr mit dem Zirkus auf Tournee und kümmert sich in Knies Kinderzoo um den Elefantenpark. Heute leitet die 7. Generation – Géraldine, Franco Knie jun. und Doris Knie – den Circus Knie. Pferde sind bis heute die grosse Leidenschaft von Fredy Knie jr., seine Pferdenummern fehlen in keinem Tourneeprogramm. (ran)

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