Zürich

Immer mehr Flüchtlinge in Jugendtreffs

Steigende Asylzahlen bedeuten auch mehr minderjährige Flüchtlinge. In der Stadt Zürich sind bis 15 Prozent der Jugendtreffbesucher Flüchtlinge. Eine Chance und eine Herausforderung.

Damit minderjährige Flüchtlinge nicht nur in Asyleinrichtungen herumsitzen, stellt die Offene Jugendarbeit Zürich ihnen ihre Angebote vor.

Damit minderjährige Flüchtlinge nicht nur in Asyleinrichtungen herumsitzen, stellt die Offene Jugendarbeit Zürich ihnen ihre Angebote vor. Bild: Keystone

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Jugendliche Flüchtlinge sollen nicht abgeschottet in Asyleinrichtungen ihre Freizeit verbringen. Deshalb besucht die Offene Jugendarbeit (OJA) Zürich seit gut einem Jahr Einrichtungen, wo minderjährige, unbegleitete Asylbewerber sogenannte Mineurs non accompagnés (MNA) leben. Sie stellt ihre Arbeit und Angebote vor. Mit grossem Erfolg: Alle acht Jugendtreffs in der Stadt werden regelmässig von jugendlichen Flüchtlingen besucht. «Der Austausch mit den ansässigen Jugendlichen ist zum Alltag geworden», sagt Giacomo Dallo, Geschäftsleiter der OJA Zürich, die als Verein organisiert und von der Stadt finanziert wird.

80 Prozent im Kreis 3 und 4

Die meisten Angebote werden von 40 bis 60 Personen besucht, darunter 5 bis 15 Prozent Flüchtlinge. Im Jugendtreff in Oerlikon kommen auf 90 Besucher 30 Asylsuchende und im Jugendtreff Kreis 3 und 4 stellen die Flüchtlinge derzeit sogar 80 Prozent. Dies liege an einem Generationenwechsel unter den Einheimischen, sagt Dallo. Zugleich habe der Jugendtreff in den Integrationsklassen grossen Zuspruch gefunden. «Wir arbeiten daran, dass sich dieses Verhältnis wieder normalisiert», sagt Dallo. Denn es ist nicht im Interesse der OJA Zürich Angebote nur für asylsuchende Jugendliche zu führen. «Die Zusammensetzung eines Jugendtreffs sollte die Gesellschaft widerspiegeln.»

Die Stadt Zürich nehme in der Integration von MNA eine Vorbildfunktion im Kanton ein, sagte Alan David Sangines gestern an einer Veranstaltung der OJA Zürich zum Thema Jugendarbeit mit minderjährigen Flüchtlingen. Sangines ist stellvertretender Leiter der Zentralstelle MNA des Amts für Jugend und Berufsberatung des Kantons Zürich. Dabei arbeitet er als gesetzlicher Beistand und Vertrauensperson der Minderjährigen und begleitet sie durch das Asylverfahren.

Grosse Unterschiede

Werden MNA aus den Bundeszentren dem Kanton Zürich zugewiesen leben sie für gewöhnlich in einer der spezialisierten Asyleinrichtungen für Minderjährige: dem Lilienberg in Affoltern am Albis, dem Zentrum in Zollikon oder einer der Aussenstationen, eine davon in Wiesendangen und drei in der Stadt Zürich. Ab 17 Jahren können die Jugendlichen auch den Gemeinden zugewiesen werden. Bei engen Platzverhältnissen in den spezialisierten Einrichtungen ziehen auch schon Jüngere um. So kommt es, dass jugendliche Flüchtlinge mit Erwachsenen zusammen leben, etwa in der Hallo 9 in Zürich-Oerlikon.

«Ob die Kosten für Tagesstrukturen, Deutschkurse, Integration oder Ausbildung übernommen werden, liegt im Ermessen der Standortgemeinde», sagte Sangines. Die Unterschiede seien gross. Es gebe Gemeinden, die so gut wie keine Unterstützungsmassnahmen anbieten, während Zürich und Winterthur vorbildlich seien. Neue Empfehlungen der Konferenz der kantonalen Sozialdirektoren sollen für mehr Einheit sorgen (siehe Box rechts)

Die Verständigung und die Einbindung der jungen Flüchtlinge in längerfristige Projekte sei vorerst noch schwierig, sagt OJA-Geschäftsleiter Giacomo Dallo. Denn viele sprechen kaum Deutsch oder Englisch und ziehen je nach Stand des Asylprozesses nach wenigen Wochen oder Monaten wieder weg.

«Was machen die denn hier?»

Obwohl grundsätzlich unter den Jugendlichen eine grosse Akzeptanz und Offenheit herrsche, seien auch schon vereinzelt Fragen gestellt worden wie «Was machen die denn hier?» Etwa wenn ein Angebot sehr voll sei, wie die Midnight Sports mit Hallensportarten, die an Samstagabenden stattfinden. Auch die unterschiedliche Altersstruktur sei eine Herausforderung. Während die meisten ansässigen Jugendtreffbesucher zwischen 13 und 16 Jahre alt sind, sind die jugendlichen Flüchtlinge meist älter (siehe Box rechts). Das kann zu Spannungen führen, die unabhängig von der Herkunft zwischen Altersgruppen entstehen, sagt Dallo. «Manchmal treffen auch Welten aufeinander, etwa wenn ein Jugendlicher aus Afghanistan zum ersten Mal ein Minitrampolin sieht.» Die Bedürfnisse der jungen Leute seien aber global ähnlich, wodurch vieles schneller und unkomplizierter funktioniere als bei Erwachsenen.

Sangines schätzt den Einsatz der Jugendarbeit sehr. «Jugendtreffs sind Orte, an denen die MNA Anschluss finden können, und einfach nur ‹normale› Jugendliche sein dürfen, ausserhalb des Asylprozesses». Das fördere die grosse Motivation zur Integration, die die jungen Flüchtlinge bereits mitbringen. Er zeigte aber auch Grenzen auf: Man solle die oft traumatisierten Jugendlichen nicht nach ihrer Fluchterfahrung fragen, empfiehlt er. Dies könnte retraumatisierend wirken. Und: «Jugendarbeiter müssen wissen, dass die Jugendlichen Beistände und Betreuungspersonen haben, die sie bei Alltagsfragen beraten und unterstützen.» (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 10.11.2016, 17:06 Uhr

MNA in Zahlen

Im Jahr 2014 kamen 795 unbegleitete minderjährige Asylsuchende in die Schweiz. 2015 waren es 2736. 2014 entsprach dies 3,3 Prozent, 2015 bereits 6,9 Prozent aller Asylsuchenden. Im Jahr 2015 waren 66 Prozent der Jugendlichen zwischen 16 und 17 Jahren alt, 25 Prozent zwischen 13 und 15. 82 Prozent der Jugendlichen sind männlich. Etwas weniger als die Hälfte stammt aus Eritrea, ein Drittel aus Afghanistan und 8 Prozent aus Syrien. Im Kanton Zürich ist die Verteilung ähnlich. 2014 hatte die Zentralstelle für MNA 352 Fälle bearbeitet (inklusive der abgeschlossenen Fälle). 2015 waren es 655 Fälle. kme

Empfehlungen der Konferenz der Sozialdirektoren

Im Mai verabschiedete die Konferenz der kantonalen Sozialdirektoren Empfehlungen zu unbegleiteten Minderjährigen im Asylbereich. Denn die Kantone und die Gemeinden unterscheiden sich sehr stark im Umgang mit MNA. Neben rechtlicher und finanzieller Unterstützung und der Unterbringung, soll ihnen etwa eine altersgerechte und stabilisierende Tagesstrukturen ermöglicht werden. Die Unterbringung von MNA im schulpflichtigen Alter in Asylunterkünften mit Erwachsenen ist zu vermeiden. Die jungen Flüchtlinge sollen entsprechend ihrem Entwicklungsstand und ihren Erfahrungen betreut werden.kme

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