Kloten

Jammer und Zuversicht am Tag danach

Nach dem Abstieg des EHC herrscht in Kloten Katerstimmung. Die Fans sind konsterniert, und die ungewisse Zukunft des Traditionsvereins lässt viele Fans und Beobachter im ganzen Umfeld mitleiden. Die Stimmen.

«Anstrengend wie nie zuvor»
René Huber Klotener Stadtpräsident

«Natürlich war ich im Stadion. Nach Spielschluss habe ich mich aber schnell verabschiedet», sagt Klotens Stadtpräsident René Huber. Noch all die Sprüche und den Frust anzuhören, das hätte er wohl nicht mehr ertragen nach der riesigen Anspannung. «Das jetzt war so anstrengend wie nie zuvor.» Huber hat fast alle Heimspiele der Saison live mitverfolgt, ist ein grosser Fan des Traditionsvereins aus seiner Stadt. Er gibt zu bedenken: «Vor noch nicht allzu langer Zeit waren wir auch frustriert, aber das war ganz anders nach verlorenen Finals.»

Dann habe sich jeweils mit etwas Abstand doch ein gewisser Stolz eingestellt – «jetzt kommt am Tag danach erst recht der Hammer». Seine Gemütslage wolle er nicht gross in der Öffentlichkeit ausbreiten, nur so viel dazu: «Wut hilft nicht, Trauer aber auch nicht.» Gemäss Huber wird die Stadt Kloten die Verträge mit dem Klub über Stadionbenutzung, Mietpreise und dergleichen neu aushandeln müssen. Was das alles genau verändern wird, könne er noch nicht sagen. Generell wolle die Stadt Kloten weiterhin für eine Topinfrastruktur sorgen. Dazu gehört auch die Sanierung des Aussen­eisfeldes. «Es wird ja weiterhin Eishockey gespielt bei uns.» Und die neuen, belastungsreduzierenden Banden würden eh kommen, «die sind schon bestellt». Huber bestätigt, dass zudem ein anderer Vertrag weiterläuft: «Das Stadion wird mindestens bis 2021 weiterhin Swiss-Arena heissen – und ich hoffe, dass dies noch ganz lange so bleibt.»

«Müssen Perspektiven bieten»
Gérard Bouvard, Nachwuchschef EHC Kloten

«Das ist bitter für das Team, für die Fans, die ganze Region. Aber auch für uns im Nachwuchs­bereich», sagt Gérard Bouvard am Tag nach dem Abstieg. Der Nach­wuchschef des separat ge­führ­ten Vereins EHC Kloten hat das entscheidende Spiel nicht vor Ort gesehen, da er momentan im Ausland weilt. «Das geht mir aber auch so an die Nieren, ich habe­ richtiggehend Herz­schmer­zen», sagt er, der seit elf Jahren Juniorenarbeit leistet, ent­täuscht. «Ärgerlich, dass der Trainerwechsel während der Saison mit Schläpfer an der Bande nichts gebracht hatte­», meint er rückblickend.

Das Team habe vergangene Saison halt schon schlecht gespielt, da habe sich ein solches Ende abge­zeichnet. Nun erwartet er ­einige Umwälzungen – der Nachwuchsbereich sei allerdings nicht direkt gefährdet vom Abstieg. Im Gegenteil, so sei man mit dem neu aufgegleisten Projekt der Young Flyers zusammen mit den Eishockeyclubs von Winterthur, Bülach und Dielsdorf-Nieder­hasli gut unterwegs. «Wir haben einen tollen Unterbau und sind natio­nal auf allen Stufen mit aufstrebender Tendenz dabei.» Jetzt müsse Kloten einen Reset vollziehen, dann könne dieses Erlebnis zu einem Neuanfang genutzt werden. «Ich hoffe in zwei bis drei Jahren auf einen Wieder­aufstieg – aber dann muss man jetzt investieren und Perspek­tiven bieten» ist Bouvard überzeugt.

«Zu wenig Herz»
Heinrich Gehring, Schweizer Waffenlauf- Rekordhalter aus Neerach

Jahrzehntelang besuchte Heinrich Gehring fast jedes Heimspiel des EHC Kloten. «Seit dem Aufstieg im Jahr 1962 habe ich mir jedes Jahr eine Saisonkarte gekauft.» Das wird ab der kommenden Saison nicht mehr der Fall sein. Gehring will nicht mehr alle Heimspiele in der Swiss League in der Swiss-Arena mitverfolgen. Zu gross ist die Enttäuschung über die schlechten Leistungen der Unterländer. «Es ist schade, aber an den Fans hat es sicher nicht gelegen. Bei allen Heimspielen in der Ligaqualifikation war der Schluefweg gefüllt.» Die Spieler hätten auf dem Eis schlicht und einfach zu wenig Herzblut gezeigt.

Dass Kloten am Ende dieser Saison absteigt, ahnte Heinrich Gehring bereits während der gesamten Spielzeit. «Es begann schon damit, dass Denis Hollenstein vor laufenden Kameras seinen Wechsel zum Kantonsrivalen abstritt, obwohl alle Fans wussten, dass er den Vertrag bei den ZSC Lions bereits unterschrieben hatte.» Auch die Pläne von Präsident Hans-Ulrich Lehmann, ohne Ausländer zu spielen, sind laut dem langjährigen EHC-Fan Humbug gewesen. Wie es mit dem Unterländer Eishockeyklub weitergeht, mag Gehring nicht prognostizieren. «Aufsteigen ist viel schwieriger als absteigen. Also glaube ich nicht, dass Kloten gleich wieder zurückkommt.»

«Ich kann nicht untätig bleiben»
Ernst Bruderer, Ex-Coach EHC Kloten, Managementberater, Dozent

«Es tut mir weh. Das ist ein Riesendrama», sagt mit Ernst Bruderer einer, der in den 90ern im Coaching-Staff bei allen vier Meistertiteln an der Bande stand. In der grössten Niederlage des EHC wolle er sich nicht verkriechen. So sei er auch im Stadion gewesen und habe sich alle wichtigen Spiele angeschaut. «Es lässt einen nicht kalt, was da passiert», sagt er. Inzwischen hat Bruderer sich vom Eishockey etwas entfernt und beruflich weiterentwickelt. Er wurde Hochschuldozent für Sportmanagement und ist heute erfolgreich als Berater für Führungskräfte tätig. «Es lässt mir keine Ruhe, ich kann nicht untätig bleiben in diesem Moment und will dem EHC Kloten helfen.»

Denn er hoffe nun auf eine positive Wende. Eigentlich habe man im Juniorenbereich soeben die Fehler der Vergangenheit korrigiert und sei nun gut organisiert, sieht Bruderer. Der Abstieg komme einem Tiefschlag gleich. «Der Klub hat immer vom eigenen Nachwuchs gelebt. Wo man hinschaut, spielen in der Schweiz Klotener. Es kann nicht sein, dass Kloten nun im B endet.» Positiv sein, nicht ängstlich werden lautet seine Devise. «Wir müssen umdenken und wieder echte Spielerpersönlichkeiten heranziehen.» Statt «nur» schulen müsse man die jungen Spieler auch fördern, herausfordern und ihnen etwas bieten.

«Bin empört über die Clubführung»
Isabel Wildbolz Langjähriger Fan aus Dietlikon

Für langjährige Fans war der Abstieg der Klotener aus der National League am Mittwochabend bitter, auch wenn er nicht überraschend kam. «Die Playouts waren die logische Konsequenz dieser Saison und der letzten Jahre», sagt etwa Isabel Wildbolz, die schon seit früher Kindheit für Kloten mitfiebert. «Melancholisch bin ich wegen des Abstiegs nicht. Vielmehr bin ich empört über die Clubführung in den letzten Jahren.» Vielleicht sei der Abstieg sogar gut. «Bei einem Ligaerhalt hätte man das Unvermeidliche wohl nur um ein Jahr verzögert. Vielleicht ist nun der richtige Moment für einen Neuanfang gekommen», schätzt Wildbolz. Die 30-Jährige findet denn auch nicht, dass ein sofortiger Wiederaufstieg oberste Priorität haben muss. «Klar, als Fan würde ich mir das natürlich wünschen. Aber in sportlicher Hinsicht bin ich der Meinung, dass man sich in Kloten nun zuerst wieder darauf besinnen muss, dass man früher für den Nachwuchs eine Topadresse war.»

Spätestens in zwei bis drei Jahren müsste der Wiederaufstieg dann aber schon geglückt sein. «Der Liga fehlt etwas, wenn der dienstälteste Club nicht dabei ist. Und ohne den EHC Kloten gibt es nun auch kein Zürcher Derby in der National League. Ein Zürichseederby ist definitiv nicht das Gleiche!»

«Keinesfalls in Trauer versinken»
Corinne Thomet, Präsidentin EHC Bülach aus Kloten

«Ich konnte das letzte Spiel nicht vor Ort mitverfolgen und habe deshalb am Handy mitgefiebert», sagt Corinne Thomet. «Dramatisch und hochemotional» sei das gewesen, beschreibt die Präsidentin des EHC Bülach, die in Kloten aufgewachsen ist und noch heute dort lebt, den Abend des Abstiegs. Schon die ganze Saison habe sie mitgelitten, erzählt die ehemalige Schulpräsidentin von Kloten. Bis zuletzt hatte sie auf ein besseres Ende gehofft, sich dann aber in der harten Realität wiedergefunden.

«Nun darf man auf keinen Fall in abwartender Stellung verharren», warnt sie im Hinblick auf die nahe Zukunft, in der es im Umfeld des EHC Kloten derzeit noch viele offene Fragen rasch zu klären gilt. Im Interesse aller Beteiligten müsse man jetzt möglichst bald wieder positive Emotionen finden – und dürfe «keinesfalls in Trauer versinken, das bringt nichts». Das Projekt Young Flyers liegt Thomet am Herzen. Mit diesem Verbund habe man eine gute Basis für die Zukunft gelegt. «Wir müssen unbedingt auf Eigengewächse setzen und unsere Junioren pflegen. Das ist enorm wichtig.»

«Voll auf Junge setzen»
Kurt Hottinger, Stadtrat und Ex-Spieler Kloten

«Mein Herz schmerzt, aber ehrlich gesagt hat das richtige Team gewonnen gestern», sagt Klotens Stadtrat Kurt Hottinger, der Anfang der 80er-Jahre selber für den EHC in der ersten Mannschaft auf dem Eis stand. «Ich bin nicht hässig – sie haben ja gekämpft.» Traurig treffe seinen Gemütszustand besser. Er sei zunächst im Stadion sitzen geblieben, danach aber rasch gegangen. Die Anspannung sei enorm gewesen. «Das ist nun die Chance für einen Neuanfang», sagt Hottinger. Er wünscht sich, dass man in Kloten jetzt voll auf den Nachwuchs setzt und sich nicht ein teures Team zusammenkauft. – «Das bringt nichts.»

Texte: Christian Wüthrich / Flavio Zwahlen / Manuel Navarro

Erstellt: 27.04.2018, 10:05 Uhr

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