Opferhilfe

Jugendliche Opfer erreichen

Seit 25 Jahren setzt der Kanton das Bundesgesetz zur Opferhilfe um. Eine Evaluation zeigte Verbesserungspotenzial: Jugendliche kennen die Angebote kaum.

Mädchen und Jungen, aber auch erwachsene Männer und Frauen finden bei den acht Zürcher Beratungsstellen Hilfe, wenn sie Opfer von Gewalttaten wurden.

Mädchen und Jungen, aber auch erwachsene Männer und Frauen finden bei den acht Zürcher Beratungsstellen Hilfe, wenn sie Opfer von Gewalttaten wurden. Bild: Shotshop

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Eine junge Volleyballspielerin wird unter der Dusche von ihrem Trainer bedrängt, ein Jugendlicher vom Vater zusammengeschlagen und ein Mädchen von ihrem eifersüchtigen Freund verprügelt. Wenn ihre Eltern oder Freunde fragen, was los sei, können sie sich ihnen aber nicht anvertrauen. Die Szenen in den Videoclips der neuen Kampagne #zukrass der Opferhilfe sind drastisch. «Opferhilfe ist ein Thema, das unter die Haut geht», sagte Justizdirektorin Jacqueline Fehr (SP) gestern vor den Medien. Seit 25 Jahren ist das nationale Opferhilfegesetz in Kraft, das Opfer von Gewalttaten mit medizinischer, psychologischer, sozialer und juristischer Hilfe unterstützt. Die Opferhilfe sei keine Wiedergutmachung, aber ein Zeichen der Bevölkerung, um zu zeigen, dass die Opfer nicht vergessen werden, wie Fehr sagte.

Erfahrungspotenzial nutzen

Die kantonale Opferhilfestelle vollzieht das Bundesgesetz. Sie nimmt Regress auf die Täter, beurteilt 600 Gesuche pro Jahr um finanzielle Hilfe und finanziert und beaufsichtigt die anerkannten und privatrechtlich organisierten Beratungsstellen. Bevor das Gesetz in Kraft war, kümmerten sich ausschliesslich Nichtregierungsorganisationen um die Opfer. Um diese Erfahrung und das Wissen zu nutzen, wurden die Beratungsstellen auf diese Weise eingebunden. Das habe sich in der Praxis bewährt, sagte Sandra Müller Gmünder, Leiterin der Kantonalen Opferhilfestelle.

Tiefere Genugtuung

Die Fallzahlen der Beratungen haben sich in den letzten 15 Jahren verdoppelt und steigen weiter. 2017 waren es im Kanton Zürich laut Bundesstatistik 10 350 Fälle, 2016 noch 9414. Die finanziellen Leistungen an die Opfer, etwa als Genugtuung, für Soforthilfe wie zur Unterbringung und Kostenbeiträge an Anwalts- oder Therapiekosten, schwanken hingegen stark. «Wir hatten schon zu Beginn tiefe Ressourcen pro Fallzahlen und dabei ist es bis heute geblieben», sagte Müller. Für Opferhilfeleistungen und Beiträge an die Beratungsstellen hat der Kanton ein jährliches Budget von 10 Millionen Franken.

2009 wurde das Opferhilfegesetz revidiert. Dabei wurden zwar die Anforderungen für finanzielle Leistungen gesenkt, es sollen nach dem Willen des Gesetzgebers aber auch tiefere Summen als Genugtuung ausbezahlt werden. Opfer erhalten seither maximal 70 000 Franken, Angehörige 35 000. Diese Entwicklung zeigt auch die Grafik (siehe unten). Da bis 2013 noch altrechtliche Fälle bearbeitet wurden, sinken die Opferleistungen erst nach diesem Zeitpunkt. Vor 2009 orientierten sich die Genugtuung daran, wozu die Täter in den Strafverfahren verpflichtet wurden, an die Opfer zu zahlen. Heute entspreche die Genugtuung einem Solidaritätsbeitrag der Bevölkerung, sagte Sandra Müller.

Es zeichnet sich eine Verschiebung der finanziellen Mittel zugunsten der Beratungsangebote ab. Welche Leistung für das Opfer wichtiger sei, sei individuell verschieden, sagte Fehr. Die Beratung leiste aber einen entscheidenden Beitrag zum Wiedereinfinden in die Gesellschaft, der Geld alleine nicht vollbringen könne.

Sensibler befragen

Dort gibt es aber noch Verbesserungspotenzial, wie eine Evaluation des Opferhilfegesetzes von 2015 zeigte. Das Gesetz habe sich zwar bewährt, wie Fehr sagte, drei Punkte will die Justizdirektorin aber konkret angehen. Sie schickt etwa alle Staatsanwältinnen und -anwälte in eine Weiterbildung zum Umgang mit traumatisierten Opfern, damit diese nicht bei einer unsensiblen Befragung erneut traumatisiert werden. Weiter will sich Fehr in der nächsten Legislatur für mehr Mittel für die Beratungsstellen einsetzen. Denn der durchschnittliche Aufwand von fünf Stunden pro Fall reiche nicht aus, etwa für die professionelle Begleitung von Opfern im Strafverfahren.

Als dritter Punkt lancierte die Opferhilfe gestern erstmals die oben erwähnte Informationskampagne. Vor allem Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sollen mit #zukrass erreicht werden. Eine Studie hat gezeigt, dass 78 Prozent der 16-29-Jährigen noch nie vom Opferhilfegesetz gehört haben. Plakate, Kleber und Videoclips sollen sie ermutigen, sich zu melden, wenn sie Opfer von Gewalttaten wurden. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 19.06.2018, 18:49 Uhr

Beiträge an Opfer und Beratungsstellen

(Bild: Quelle: Direktion der Justiz und des Innern, Grafik: da)

25 Jahre Opferhilfegesetz

Initiative und Frauenbewegung

Die Mutter einer ermordeten Frau gab 1978 den Anstoss, dass sich die Redaktion des «Beobachters» für eine staatliche Opferhilfe zu engagieren begann. Zuvor hatte sich der Staat nur um die Täter gekümmert. Die Opfer erhielten keine Unterstützung und keine Genugtuung, wenn der Täter nicht fähig war zu zahlen oder nicht gefunden wurde. Der «Beobachter» begann, den Opfern und ihren Angehörigen ein Gesicht zu geben und lancierte eine Volksinitiative zur Entschädigung der Opfer von Gewaltverbrechen. Die Initiative stiess in Bern auf offene Ohren. Der vom Parlament erarbeitete Gegenentwurf wurde 1984 vom Volk mit 81 Prozent Ja-Stimmen angenommen.
Parallel dazu habe auch die Frauenbewegung eine Rolle gespielt, sagte Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) gestern vor den Medien. Diese habe zur selben Zeit die häusliche Gewalt in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt und enttabuisiert. Am 1. Januar 1993 trat das Opferhilfegesetz in Kraft. kme

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