Politik

Kantonale Wahlen – und kaum einer geht hin

Berechnet man statt der klassischen Wahlbeteiligung den Anteil der Wählenden zur Gesamtbevölkerung, kommt man auf bedenklich tiefe Zahlen. In zwei Gemeinden haben sich sogar weniger als zehn Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner an den Kantonsratswahlen beteiligt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Geht es nach dem Willen von Justizdirektorin Jacqueline Fehr (SP), so dürfen Jugendliche ab 16 Jahren sowie Ausländerinnen und Ausländer im Kanton Zürich bald politisch mitbestimmen. Denn Fehr hält die tiefe Beteiligung der Bevölkerung an den diesjährigen Kantonsratswahlen für ein Problem. Sie sagt im Interview mit dieser Zeitung: «Die Behördenmitglieder sollten als Vertreterinnen und Vertreter aller Menschen im Kanton legitimiert sein.»

Nur 20,1 Prozent der Bevölkerung an Wahl beteiligt

Diese Legitimation in Frage gestellt hat an der ersten Kantonsratssitzung der neuen Amtsdauer das jüngste Ratsmitglied Leandra Columberg (SP, Dübendorf) in ihrer Eröffnungsrede. Die 19-Jährige rechnete vor: Die Wahlbeteiligung – also der Anteil der Stimmberechtigten, die tatsächlich wählten – betrug bereits tiefe 33,5 Prozent. Vergleicht man die Zahl der Wählenden mit der Gesamtbevölkerung, lag die Beteiligung an der Kantonsratswahl im März bei nur 20,1 Prozent.

Riesiger Unterschied zwischen Land und Agglo

Wendet man die Columberg­sche Rechnung auf alle Wahlkreise im Kanton Zürich an, kommt man auf extrem unterschiedliche Resultate: In Dägerlen, der Gemeinde mit der höchsten Stimmbeteiligung und gleichzeitg einem tiefen Ausländeranteil, lag die Beteiligung im Vergleich zur Gesamtbevölkerung immerhin bei 36,3 Prozent. In Opfikon hingegen, einer Agglomerationsgemeinde mit hoher Ausländerquote und den am wenigsten politbegeisterten Bürgerinnen und Bürgern des Kantons, haben sich nur 9 Prozent der Bevölkerung an den kantonalen Wahlen beteiligt.

Wie hoch war die Beteiligung an der Kantonsratswahl 2019 im Vergleich zur Gesamtbevölkerung in den einzelnen Wahlkreisen? Alle Daten in dieser Karte (mit dem Cursor über Gemeinden fahren):

Die Schweiz – Musterland der Demokratie – ist in Sachen Wahlbeteiligung schon lange ein Sorgenkind. Bei den Kommunalwahlen in der Türkei lag die Beteiligung letzte Woche bei 84 Prozent, bei den Parlamentswahlen in Spanien gingen Ende April 75 Prozent an die Urnen. Sogar an der ungeliebten EU-Wahl in zwei Wochen ist eine Wahlbeteiligung von über 40 Prozent prognostiziert.

Besonders tiefes Interesse an kantonalen Wahlen

Hierzulande ist man sich so tiefe Werte wie die 33,5 Prozent der letzten Kantonsratswahlen längst gewohnt. Die gängige Erklärung: Wer so viel über Sachgeschäfte abstimmen kann wie die Schweizerinnen und Schweizer, hat automatisch weniger Interesse an Parlamentswahlen. Die kantonalen Wahlen sind dabei besonders unbeliebt. An den Nationalratswahlen liegt die Wahlbeteiligung jeweils 10 bis 15 Prozent höher.

Wahlbeteiligung seit der Einführung des Frauenstimmrechts 1971. Die Kantonsratswahlen sacken im Vergleich zu den nationalen Wahlen ab. Die Quote Wählende zu Gesamtbevölkerung liegt seit Jahren tief:

Sarah Bütikofer, Politikwissenschaftlerin an der Universität Zürich, sieht diese Entwicklung nicht so dramatisch: «Eine tiefe Wahlbeteiligung bei einer kantonalen Wahl bedeutet nicht gleich das Ende der Demokratie.» Das Total der politisch Partizipierenden in der Schweiz liege eigentlich höher als die tiefen Wahlbeteiligungen vermuten lassen. «Es sind nicht die immer gleichen Personen, die jeweils zur Urne schreiten», sagt Bütikofer. Das teilnehmende Volk setze sich je nach Wahl oder Abstimmungsvorlage anders zusammen.

«Nichtwählen kann auch eine passive Zufriedenheit mit dem System ausdrücken.»Sarah Bütikofer, Politikwissenschaftlerin an der Universität Zürich

«Es ist auch nicht so, dass die Nichtwählenden alle von der Politik völlig abgelöscht wären.» Nichtwählen könne auch eine passive Zufriedenheit mit dem System ausdrücken.

Setzt man die Zahl der Wählenden ins Verhältnis zur gesamten Einwohnerzahl, kommt man jedoch in einigen Wahlkreisen auf bedenklich tiefe Werte, wie obenstehende Karte zeigt. Auffallend ist, wie verschieden die Beteiligungszahlen in den einzelnen Wahlkreisen sind. In der Agglomerationsgemeinde Opfikon liegt die Beteiligung im Vergleich zur Gesamtbevölkerung mit 9,1 Prozent viermal tiefer viermal tiefer als in der Landgemeinde Dägerlen, Spitzenreiter mit 36,3 Prozent.

Auch der Anteil der Wahlberechtigten Personen ist extrem unterschiedlich. In Dägerlen sind es fast drei Viertel, in Opfikon weniger als die Hälfte:

Diese grossen Unterschiede erklärt Bütikofer mit der Bevölkerungszusammensetzung. Soziale Integration am Wohnort, Bildungsniveau, sozioökonomischer Status, Mobilität der Bevölkerung: Alle Faktoren beeinflussen die Wahlbeteiligung. «In kleineren Gemeinden auf dem Land mit einer eher traditionellen Bevölkerungsstruktur und etablierten lokalen Parteien liegt die Wahlbeteiligung entsprechend höher, genauso wie dort, wo eher urbane, sehr gut ausgebildete Bevölkerungsschichten wohnen.»

Beispiele für urbane Wahlkreise mit relativ hoher Beteiligung sind entsprechend die Winterthurer Stadtkreise Veltheim und Altstadt, wo sich rund 30 Prozent der Bevölkerung an den Kantonsratswahlen beteiligt haben. In Zürich liegen die Werte am Zürichberg (Kreis 7) und im Seefeld (Kreis 8) sowie in Ober-/Unterstrass (Kreis 6) und Wipkingen/Höngg (Kreis 10) bei rund 25 Prozent.

In Stadtquartieren wie Zürich Schwammendingen (Kreis 12), Zürich Nord (Kreis) oder in Winterthur im Kreis Töss liegt die Beteiligung hingegen ähnlich tief, wie in den Agglomerationsgemeinden Opfikon, Schlieren, Oberglatt oder Dietikon. Dort haben sich nur zehn Prozent der Bevölkerung oder sogar weniger an den kantonalen Wahlen im März beteiligt.

Dass die Wahlbeteiligung mit einer Ausweitung des Wahlrechts auf Jugendliche sowie Ausländerinnen und Ausländer deutlich steigt (siehe Interview unten), bezweifelt Politologin Bütikofer. Damit könne man zwar den Anteil der Wahlberechtigten erhöhen: «Grundsätzlich löst aber weder die eine noch die andere Massnahme das Problem, dass Politik eben nur einen bestimmten Teil der Bevölkerung wirklich interessiert.»

Erstellt: 12.05.2019, 07:37 Uhr

Artikel zum Thema

«Die Türe für das Ausländerstimmrecht steht bei mir offen»

Politik Justizdirektorin Jacqueline Fehr (SP) lanciert die Diskussion um das Wahlrecht für Ausländerinnen und Ausländer neu. Jugendliche möchte sie bereits ab 16 Jahren politisch mitbestimmen lassen. Ein Grund dafür ist die tiefe Beteiligung der Bevölkerung an den diesjährigen kantonalen Wahlen. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben