Nachruf

Ein Berg in der Filmlandschaft

Er gab dem Schweizer Film sein Gesicht – und seinen ganzen Körper. Mathias Gnädinger, der grosse Schauspieler, ist am Freitag gestorben.

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«Mathias Gnädinger, sterben ist scheisse, so was tut man einfach nicht, gehts noch?», twitterte ­Güzin Kar am Samstag, als sie vom Tod des Schauspielers erfuhr. Für Gnädinger hat sie den Film «Lieber Brad» (2009) geschrieben, er spielte dort einen Vater zweier Töchter, der sich ins Leben neu verliebte. «Es bleibt die Erinnerung an eine wunderbare Zusammenarbeit, und wie er mir bei jeder Umarmung fast die Rippen brach.»

Der Schmerz ist gross, nicht nur bei Güzin Kar. Man hätte Mathias Gnädinger, der im Schweizer Film eine feste Grösse war, noch so viele weitere Rollen gewünscht, bis über den hundertsten Geburtstag hinaus. Jetzt ist es zur Programmänderung gekommen. Das Schweizer Fernsehen zeigte am Sonntag zu seinen Ehren «Sternenberg». Mathias Gnädinger spielt sich hier «in seiner Paraderolle als ältester Primarschüler der Schweiz in die Herzen des Publikums hinein». Und auch das Magazin «Glanz & Gloria» machte für Gnädinger ein Weekend-Spezial.

Er war in der Schweiz ein Star. Und er spielte für das Volk. Als grossen «Volksschauspieler» würdigten ihn die Sonntagszeitungen und gaben die Details zu seinem Tod dazu: Am 5. März zu Hause in Stein am Rhein ausgerutscht, eine Oberschenkelfraktur war die Folge des Sturzes. Es gab Komplikationen, akutes Lungenversagen, künstliches Koma. Mathias Gnädinger ist dann am Karfreitag im Unispital Zürich gestorben. «Seid nicht traurig, gnüsseds und häbets guet», das war seine letzte Botschaft an die Familie.

Er sagte, er sei ein Polteri

Gnädinger habe sich seit längerem mit dem Thema Sterben und Tod auseinandergesetzt, sagte sein Bruder Angelo. Auch in Gnädingers letzten Filmen ging es ums Sterben, so etwa in «Usfahrt Oerlike», wo er seinem Freund Jörg Schneider beim Sterben beistand. Doch dieser Willy war nur eine Rolle, eine von vielen. Gnädinger konnte gut Rollen spielen. Er sagte, er sei ein Polteri. Er war aber von Herzen gut.

Ramsen, das Dorf an der Grenze, wo er am 25. März 1941 zur Welt kam, hat ihn zum Schauspieler gemacht. Alle die Typen, die Mathias Gnädinger im Laufe seines Lebens in Theater, Film, Fernsehen oder Radio dargestellt habe, die kenne er aus Ramsen, sagte der Schriftsteller Thomas Hürlimann einst anlässlich der Verleihung des Hans-Reinhart-Rings an Gnädinger.

Er lernte zuerst Schriftsetzer. Machte dann von 1962 bis 1966 die Schauspielausbildung am Bühnenstudio Zürich. Es folgen erste Engagements am Zürcher Neumarkt-Theater, in Kassel und Essen. Regisseur Peter Stein holte ihn dann an die Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin, wo er 1981 bis 1988 festes En­sem­blemitglied war und mit Regisseuren wie Klaus Michael Gruber, Luc Bondy, Andrea Breth ar­bei­te­te.

Mathias Gnädinger spielte im Theater immer wieder grosse Rollen, auch später nach seiner Rückkehr in die Schweiz: den Bürger Biedermann in Frischs «Biedermann und die Brandstifter» und Sir Toby Rülp in «Was ihr wollt» nach Shakespeare am Zürcher Schauspielhaus, Dorfrichter Adam in Kleists «Der zerbrochene Krug» im Theater Kanton Zürich, die Titelrolle in Tschechows «Onkel Wanja» an der Schaubühne und am Burgtheater in Wien.

Spätestens seit den Achtzigerjahren sei dieser Mann in der Theaterlandschaft der Schweiz ein Berg, ein Hochgebirge, ein Schweizer Massiv geworden, hiess es in einem Porträt. Mathias Gnädinger aber sagte immer: «Ich bin kein Star, wenn schon der Mond.»

Wege aus der Enge

So kam er auf die dem grossen Theater abgewandte Seite der Welt: zum Schweizer Film. Ma­thias Gnädinger gab ihm sein Gesicht – und auch den Körper. Und mit ihm bekam auch das neue Schweizer Kino sein Gewicht.

Diese Bilder bleiben in Erinnerung. Gnädinger in Bernhard Gigers «Der Gemeindepräsident» (1993) – seine Figur zeigt Wege aus der Enge der Provinz hinaus. Dann sein Franz Flückiger in Imhoofs «Das Boot ist voll» (1980) – ein Wirt, der in Zeiten der Unmenschlichkeit Menschlichkeit beweist. Ein ähnliches Rollenmuster gab ihm auch Xavier Koller in seinem Film «Reise der Hoffnung» (1990), Gnädinger spielte hier einen Lastwagenchauffeur, der einer Familie auf der Flucht zu helfen versucht. Mit ihm glaubte man wieder an das Gute im Schweizer Film, auch wenn das Gute in der Geschichte meist nur eine Nebenrolle war.

In mehr als 60 Filmen hat Ma­thias Gnädinger gespielt, man kannte ihn als «Leo Sonnyboy» (von Rolf Lyssy), aus «Klasse­zämekunft», «Gekauftes Glück», aber auch als Göring (in «Der Untergang»). Mathias Gnädinger war ein Verwandlungskünstler, er konnte neben Stars bestehen, machte sich manchmal auch klein und schien doch immer sich selber bleiben zu können.

Der grosse Sommer

In Erinnerung bleibt eine frühe Begegnung. Gnädinger stellte im Kino «Bingo» vor. Da gab es keine Allüren. Er konnte es immer gut mit dem Publikum.

Nicht zuletzt hat auch das Fernsehen das Bild des «Lebensschauspielers» geprägt, dies in der Rolle des Bauern Ruedi in «Lüthi & Blanc» oder des melancholisch-bärbeissigen Kommissärs Hunkeler aus der «Hunkeler»-Serie. Es sollte noch eine siebte Folge geben: «Hunkelers Geheimnis», dazu kommt es jetzt nicht mehr.

Seine letzte TV-Rolle hatte er so in der Serie «Bestatter» – atypischerweise als Bösewicht. Im Herbst ist dann im Kino der Film zu sehen, der Mathias Gnädingers letzter wurde: «Der grosse Sommer». Er spielt einen Schwingerkönig. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 08.04.2015, 13:55 Uhr

Zum Abschied

Der Berner Filmregisseur Bernhard Giger erinnert sich. «Gnädinger ­forderte sehr viel. Vor allem von sich selbst.»

Ich habe mit Mathias Gnädinger bei zwei Projekten zusammengearbeitet: 1984 beim Kinospielfilm «Der Gemeindepräsident» und 2001 beim Tatort «Time-out» (da spielte er den Präsidenten des SCB). Es waren zwei sehr unterschiedliche Projekte – Hauptrolle in einem Autorenfilm und grössere Nebenrolle in einem Auftragsfilm –, aber ich habe ihn beide Male gleich erlebt: als einen Darsteller, der sich nicht in erster Linie intellektuell einen Zugang zu seiner Figur schafft, sondern sich diese mit Haut und Haaren aneignen muss.

Im «Gemeindepräsidenten» zum Beispiel hatte er persönlich Schwierigkeiten, diesen bürgerlichen Politiker zu spielen – er selber stand politisch entschieden links. Aber allein dadurch, dass er meistens in einem braven grauen oder auch einmal einem dunklen Anzug auftreten musste, hat er sich in die Figur hineingelebt. Wie fühlt sich einer, der in solchen Anzügen herumläuft, war für Mathias Gnädinger damals eine entscheidende Frage.

Mathias Gnädinger war einer, der auf dem Set sehr viel forderte – weniger von seinen Partnerinnen und Partnern, denen ge­gen­über er immer offen und hilfs­bereit war, auch wenn es, wie im «Gemeindepräsidenten», zum Teil Laien waren. Nein, gefordert hat er den Regisseur – wir haben während des Drehs nächtelang über den Film und seine Figur diskutiert und gestritten –, aber vor allem sich selber.

Ich habe keinen anderen Schauspieler getroffen, der mehr Ansprüche an sich selber hatte als er. Gnädinger ist nie einfach über eine Strasse gegangen oder eine Treppe hochgekommen. Er musste immer noch etwas anderes dabei machen, nervös mit dem Schlüsselbund in der Hosentasche herumhantieren, sich gedankenverloren über den Schnauz streichen, kleine Dinge, die aber in der Summe viel zur Zeichnung des Charakters seiner Figur beigetragen haben.

Die ungeheure Professionalität und seine Gabe, «volkstümlich» zu sein, nahe bei den Menschen, ohne dass es je klischiert gewirkt hätte, sondern in höchstem Mass glaubwürdig –, das hat Mathias Gnädinger vor allem ausgezeichnet.

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