«Game of Thrones» ist zu Ende – was bleibt

Die letzte Folge der Erfolgsserie ist ausgestrahlt. Warum es ein TV-Ereignis wie dieses so bald nicht mehr geben wird.

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Trostlose Bäume in einer Schneelandschaft: Mit diesem Bild beginnt «Game of Thrones» – und so endete die Serie auch. Nach acht Jahren, 73 Episoden und circa 200'000 Toten. Schätzungsweise eine Milliarde Menschen haben die Serie verfolgt, die auf der unvollendeten Buchreihe des US-Autors George Martin beruht. Ein Achtel der Menschheit zog sich die Machtkämpfe im mythischen mittelalterlichen Kontinent Westeros rein – Wahnsinn.

Das Erfolgsgeheimnis von «Game of Thrones» ist eine Mischung aus Familiendrama und Politthriller mit viel Gewalt, Sex und Humor. Dazu ­überraschende Wendungen, knappe, perfekte Dialoge und schauspielerische Glanzleistungen.

Und über allem die hoch spannende Frage, die die Serie die ganzen Jahre bis zur allerletzten Folge aufrechterhielt: Welche ­Figur wird am Schluss auf dem Eisernen Thron sitzen, also alleiniger Herrscher über Westeros sein?

Eine Szene aus der ersten Staffel der Serie mit der jungen Arya (l.)

Und gewonnen hat … nein, das wird nicht verraten, weil noch nicht alle Zuschauer das Finale gesehen haben. Nur so viel: Der Schluss enttäuschte nicht. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Vielen Serien fällt es leicht, Spannung aufzubauen, indem Twist an Twist gereiht wird.

Doch irgendwann muss man die Handlungsstränge zusammenführen und zu einem Ende kommen, das nicht absehbar ist, aber auch nicht abrupt wirkt – und daran scheitern die meisten Produktionen. Die allerletzte Folge von «Game of Thrones» ist still, ruhig und nachdenklich. Diese Tonlage war schon immer die wahre Stärke von «Game of Thrones» – nicht die grossen Kampfszenen.

Letztere hatte die Serie bereits in den vorletzten Folgen verbraten. Anstatt dem Zuschauer eine leuchtend rote Katharsis zu bieten, geht «Game of Thrones» in Braun und Schneeweiss zu Ende, einem Akkord des moralischen Unbehagens – ein weiteres Markenzeichen der Serie. Nur eine Gewissheit gibt es am Schluss: dass Gerechtigkeit schwieriger herzustellen ist, als eine Armee von Untoten zu schlagen.

Eine Szene aus der achten Staffel mit der erwachsenen Arya.

Natürlich gehen die Meinungen auseinander. «Antiklimax!», empören sich einige. Andere haben sich ein Happy End gewünscht oder bemängeln das zuletzt forcierte Erzähltempo. Feministinnen sind enttäuscht, dass eine der wichtigsten weiblichen Figuren am Schluss als verrückt dargestellt wird.

Eine Million Leute unterschrieben eine Petition, die forderte, dass der Schluss umgeschrieben und neu verfilmt wird. Laut war das Gemeckere in den sozialen Medien. Bei allem Respekt für diese Fans: Diese For­derung ist so unrealistisch wie unnötig. Sie deckt jedoch den ­Nachteil an einem gigantischen, heterogenen Publikum auf: Man kann es nicht allen recht machen. Zumal «Thrones» im Internet einen Writer’s Room mit Millionen Möchtegern-Autoren hat.

Zugegeben, nicht alle offenen Fragen wurden am Schluss der Serie beantwortet. Die eine oder andere Folge mehr hätte es vertragen. Aber gehörte das Debattieren über Drehbuchentscheidungen und Imperfektionen nicht stets zum Reiz dieser Serie?

Universelle Themen

Zu Beginn wurde «Game of Thrones» von TV-Kritikern übersehen oder als Fantasy-Kitsch abgetan. Doch nach ein paar Staffeln sprangen selbst Zeitungen wie die FAZ auf, und die «New York Times» hatte zuletzt sogar einen eigenen «Thrones»-Newsletter – weil sie merkten, dass hier trotz Drachen und Zombies kein zweiter «Herr der Ringe» zugange war, der in einer gigantischen Endschlacht zwischen Gut und Böse gipfelt.

Die Kreaturen machen Spass, es handelt sich um Meisterwerke der Computer-Animationskunst, aber «Game of Thrones» ist mehr: eine sorgfältig ­konstruierte Mythologie, die in ihrer Komplexität universelle Themen spiegelt. Die Tragödie des Krieges, die Korruption der Macht und das Erbe der Gewalt. Liebe, Tod, Gier, Grosszügigkeit, Vertrauen, Verrat, Loyalität, Leidenschaft, Mitgefühl, Sadismus – es gibt kaum eine Charaktereigenschaft, welche die Serie nicht durch die unvergesslichen Figuren auslotet, die selbst einen Shakespeare zum Fan gemacht hätten.

Einer der «Game of Thrones»-Drachen.

Auch formal ging die Serie ­andere Wege als der klassische Fantasy-Film. Weil man mit dem Budget eines «Avenger»-Films nicht mithalten konnte, musste «Game of Thrones» auf der ­visuellen Ebene mit Originalität punkten. Sowieso wollte man standardisierte Schlachtszenen wie im «Herr der Ringe» vermeiden, was immer wieder hervorragend gelang.

Natürlich fallen auch bei «Game of Thrones» die Heerreihen krachend ineinander, aber die Massen-Action wird stets durch klaustrophobische Einzelaktionen durchbrochen. Grandiosität trifft auf Intimität. Spannung auf Entspannung. Unvergessen bleibt etwa, wie die Dothraki-Reiter mit flammenden Schwertern in die Dunkelheit ziehen, wo die Untoten lauern, und es dort zum grossen Lichterlöschen kommt. Dazu im Soundtrack das Pochen eines Herzens. Die Szene ist so dramatisch wie gespenstisch.

Obama mischt sich ein

«Winter is coming» lautet der weltberühmte Slogan der Serie, der auf den Vormarsch der unheimlichen Eiszombies gemünzt ist. Nun ist der Winter vorbei – und das Loch, das «Game of Thrones» in der Serienlandschaft hinterlässt, ist gewaltig.

Während acht ­Jahren haben die Zuschauer die Geschehnisse in Westeros mitverfolgt. Sie beobachteten, wie die Zwillinge Cersei und Jaime dem Inzest frönten, wie König Robb an seiner eigenen Hochzeit gemeuchelt wurde. Sie haben über Tyrions Bonmots gelacht und sind auf Littlefingers Intrigen hereingefallen.

Als Jon Snow vermeintlich starb, haderte die halbe Welt mit den Autoren – sogar Barack Obama schaltete sich damals in die Diskussion ein. Donald Trump bastelte aus dem ikonischen «Thrones»-Schriftzug ein politisches Meme. In die Popkultur war die Serie schon lange eingegangen. Die bisher unbekannten Schauspieler wurden zu Stars, Eltern tauften ihre Kinder «Arya» oder «Daenerys».

«Thrones»-Meme von Donald Trump.

Kaum hatte der Sender HBO eine Episode ausgestrahlt, wurde sie weltweit gestreamt, runtergeladen, raubkopiert. Über Jahre band die Serie das Publikum an sich – und entfachte so das totgesagte ­«mediale Lagerfeuer». «Game of Thrones» wurde zu einer Parallelwelt und Projektionsfläche. Bücher, Filme oder ­Theaterstücke schaffen das kaum.

«Thrones» ist so das beste Beispiel für die Vorzüge des seriellen Erzählens gegenüber anderen Erzählformen. Manche Szenen sorgten nicht nur am Kantinentisch oder in Fanforen für Diskussionen, sondern wurden zu medialen Debatten, die über Plot-Spekulationen hinausgingen. Diskutiert wurde etwa darüber, ob die Serie Folter und Vergewaltigung verharmlose. Doch ungleich vielen Mainstream-Filmen, die Gewalt ohne Motiv zelebrieren, ist sie in «Game of Thrones» nie beiläufig, sondern stets mit den verzwickten Handlungssträngen und den finsteren Beweggründen der Protagonisten verbunden – oder aber eine der historischen Reverenzen, mit denen die Serie gespickt ist.

George Martin ist ein Kenner der europäischen Geschichte. Die Handlung siedelte er bewusst nicht in einer Art mythischem Disneyland an, sondern er orientierte sich an den Kreuzzügen und am Hundertjährigen Krieg. Aber auch modernere Bezüge kommen vor. Die letzte Schlacht in der Serie ist keine Schlacht, sondern ein Abschlachten. Die Drachenkönigin verwüstet eine ganze Stadt mit ihrem Drachen, einer Waffe, die in Schrecklichkeit und Verheerungspotenzial an heutige Nuklearwaffen erinnert. Die Feuerhölle ist wie ein Atompilz auf grausame Art schön anzusehen und läuft auf die ­Frage hinaus, ob der Zweck die Mittel heiligt. Kann es Frieden durch Zerstörung geben? Dresden oder Hiroshima kommen einem in den Sinn.

Das Leben nach der Serie

Natürlich lässt sich in eine Serie wie «Game of Thrones» vieles hineindeuten, und manchmal ist dies des Guten zu viel. Ein Geschichtsprofessor verglich eine brutale und effiziente Armee der Serie mit den Schweizer ­Söldnern im Mittelalter. Der Night King, der Anführer der Untoten, die den ewigen Winter bringen sollten, wurde als Chiffre für den Klimawandel gedeutet. Allerdings kam der Zombie-Boss bereits in der Buchvorlage vor, die in den 80er-Jahren entstand. Da wäre er – wenn überhaupt – eine Metapher für den Ansturm der Borkenkäfer gewesen.

Aber auch darüber liess sich prima diskutieren. Genauso wie über die Plot-Löcher (ja, solche kommen vor). Damit ist jetzt Schluss. «Game of Thrones» verschwindet aus dem Leben der Fans. Was tun? Die zweitbeste Fantasy-Serie gucken? Auf die angekündigten Spin-offs ­warten? Die Bücher von George Martin ­lesen? Arya im richtigen Leben stalken, um ihr zu sagen, was für eine tolle Killerin sie ist? Wahrscheinlich nimmt man es am besten tapfer mit dem hochvalyrischen Motto Valar Morghulis – jeder muss sterben. Das gilt auch für Lieblingsserien.

Wir haben die letzte Staffel Folge um Folge besprochen (Achtung, Spoiler!):

Erstellt: 20.05.2019, 19:53 Uhr

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