Zürich

«Ich bin lieber naiv als korrupt»

Er ist Poet, schreibt Gedichte und vertont sie. Am Montag tritt Konstantin Wecker im Zürcher Volkshaus auf. Ein Gespräch mit dem Liedermacher über eine ganze Menge Leben.

40 Jahre unterwegs mit Wut und Zärtlichkeit: Konstantin Wecker schaut zurück und schon ist der Sommer nicht mehr weit.

40 Jahre unterwegs mit Wut und Zärtlichkeit: Konstantin Wecker schaut zurück und schon ist der Sommer nicht mehr weit. Bild: Annik Wecker

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Sie sind jetzt mit «40 Jahre Wahnsinn» unterwegs, einer, wie es heisst, Jubiläumstournee, die Sie auch in die Schweiz führt. Das sind 45 Konzerte in drei Monaten und da braucht es eine Wahnsinns-Riesenkraft.
Konstantin Wecker: Es ist eine sehr lange Tournee, aber sie macht grosse Freude. Lang ist sie nicht nur, weil wir seit November unterwegs sind, sondern auch, weil die Konzerte sehr lang sind – jeden Abend spielen wir über dreieinhalb Stunden. Diese Zeit braucht es auch. Ich versuche ja, die 40 Jahre mit je einem Lied auszufüllen. Das ist eine spannende Zeitreise, nicht nur für mich, sondern auch für das Publikum. Viele sind dabei, die mich in den Siebzigerjahren schon gehört haben.

Wird das Publikum älter mit Ihnen? Oder sind Sie jünger geblieben?
Es gab schon Zurufe aus dem Saal: «Ach ist es schön, mit Ihnen zusammen alt zu werden, Herr Wecker.» Gerade jetzt habe ich einen Brief von einem 18-jährigen Mädchen bekommen, das schrieb, seine Eltern seien grosse Fans und meine Lieder hätten sie und ihre Schwester seit ihrer Kindheit begleitet. Ich erreiche das jüngere Publikum über die Eltern – manchmal über die Grosseltern. Und diese jungen Menschen wollen an den Konzerten sehen: Was macht er eigentlich, dieser Mensch? Sie hören Ihnen zu. Am Ende eines Konzerts sage ich immer, dass es ein grosses Geschenk ist, dass man über drei Stunden jemandem zuhört. Es gibt ja ganz stille Momente, und bei mir muss man ja wirklich zuhören, weil die Texte wichtig sind, und das spüren die Leute auch. Keiner zappt da weg. Früher sassen in München im Englischen Garten noch traurige junge Menschen, die ihren Gedanken nachgehangen sind. Heute sitzen sie in der U-Bahn und schreiben ins Smartphone.

Wenn Sie Ihre alten Lieder singen, ist es auch eine Wiederbegegnung mit sich selber?
Die Lieder habe ich so ausgewählt, dass sie etwas über meine Biografie aussagen. Ich klammere ja nicht aus, dass ich zweimal in meinem Leben im Gefängnis gesessen habe, dafür steht das Lied aus den Achtzigerjahren «Fangt mi wirklich koaner auf». Meine Biografie ist wiederum verbunden mit dem Wandel in der Politik von den Sechzigerjahren bis in die Gegenwart. Ich bin ja auch ein Zoon politikon, wie jeder Mensch in einer Gemeinschaft, in meinem Fall war ich besonders lautstark.

Sie sagen: «Die Chance des Künstlers besteht darin, bunt malen zu dürfen. Politik ist eine schwarzweisse Sache.» Und doch nehmen Sie immer wieder Partei, gerade kürzlich für den griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras.
Ich finde es begeisternd, wie Tsipras mit seinem Charme und seinem sehr ungewöhnlichen Auftreten, weil es so menschlich ist, sogar unsere spröde Kanzlerin eingewickelt hat – da habe ich mich fast versöhnt mit meiner Kanzlerin. Da hat sich was getan, und das fand ich schön. Denn ich bin begeistert von dem Aufbruch in Griechenland und auch Spanien. Das wäre eine grosse Chance für Europa, einmal auszubrechen aus dem ausschliesslich ökonomischen Denken. Von den Ländern des Südens könnten wir eine andere Lebenskultur lernen, nämlich eine, die nicht nur vom Geld regiert wird.

Das lernen wir auch durch die Dichtung. Sie haben für uns ein Novalis-Gedicht vergegenwärtigt. Es heisst dort in einer Zeile: «Wenn die, so singen oder küssen, mehr als die Tiefgelehrten wissen, dann fliegt vor einem geheimen Wort das ganze verkehrte Wesen fort.»
Durch die Wiederbeschäftigung mit Novalis nach fast vierzig Jahren habe ich festgestellt: Ich bin bekennender Romantiker. Ich stehe dazu, und ich stehe auch zur Naivität, die es braucht, um Romantiker zu sein. Naivität wird mir als Pazifist ja seit Jahrzehnten vorgeworfen, meine Antwort: Ich bin lieber naiv als korrupt. Das habe auch in den letzten Gesprächen mit meinem verehrten Freund Dieter Hildebrandt, der leider vor zwei Jahren gestorben ist, festgestellt. Der Dieter war für mich der unbestechlichste Mensch, dem ich je begegnet bin. Das ist auch eine Form der Naivität.

Wenn man älter wird, kann man besser sagen, was man früher nicht so einfach sagen konnte. Sehr berührend ist Ihr Lied «Für meinen Vater».
Ich verdanke ihm viel. Mein Vater war Opernsänger und auch ein Träumer, aber er hat nie die gesellschaftliche Anerkennung erlebt, die er eigentlich verdient hätte. Er ist trotzdem nicht verbittert und hat sich zu einem grossartigen, philosophischen, gütigen Menschen entwickelt. Heute gehe ich so weit, zu sagen: Vielleicht ist die Anerkennung in unserer utilitaristischen Gesellschaft eher ein Hinderungsgrund, um sich zu einem Philosophen zu entwickeln. Stellen Sie sich vor: Wie soll sich der Chef der Deutschen Bank zu einem gütigen Menschen entwickeln?

Das Lied «Genug ist nicht genug» handelt von einem Aufbruch. Sie sind immer noch unterwegs, wie es scheint, zu neuen Ufern, diesmal auf dem richtigen Gleis.
«Genug ist nicht genug» ist im Programm, weil es ein Hit war. Ich sage aber auch: Dieses Lied hat mir die Bewunderung einer Berufsgruppe eingetragen, der ich eigentlich skeptisch gegenüberstand: Banker, Börsianer und Spekulanten. (lacht) Ich würde heute nicht mehr den Satz schreiben: Mein Ego ist mir heilig. Aber es kommt eben im Alter vor, dass man manche Sachen anders sieht. Es gibt einen sehr schönen Satz von C. G. Jung: «Wie kann einer sein Ego verlieren, wenn er nie eines gehabt hat?» Diesen Satz finde ich ganz grandios.

Ihrer Tournee stellen Sie auf der Website ein Gedicht voraus, es heisst: «Auf der Suche nach dem Wunderbaren».
Die Poesie hat eine grosse Möglichkeit: Sie deutet nicht, sondern sie zeigt uns in Worten etwas auf, was unser Verstand zu erklären nicht vermag. Es gibt einfach Dinge, die wir nicht verstehen werden mit unserem Gehirn. Aber im tiefsten Inneren wohnt in uns etwas, was es uns erklärt. Wenn ich Mozart höre, verstehe ich die Welt und Gott, für kurze Zeit. Mozart erklärt es uns mit seiner Musik. Und manchmal geht man spazieren und hat so einen Moment, wo man alles weiss, es stimmt alles, und alles ist richtig.

Erstellt: 17.04.2015, 18:27 Uhr

Veranstaltungshinweis

Konstantin Wecker: 40 Jahre Wahnsinn. Im Volkshaus Zürich am Montag, 20. April um 20 Uhr.

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