Zürich

Kampf den normierten Spielplätzen

«The Playground Project»: Die Ausstellung in der Kunsthalle an der Limmatstrasse in Zürich ist dem Spielplatz gewidmet – und ein Aufruf, ihn neu zu denken.

Er ist die Erfindung des Zürcher Plastikers Yvan Pestalozzi und eines der zentralen Objekte der Ausstellung in der Kunsthalle: Der «Lozziwurm».

Er ist die Erfindung des Zürcher Plastikers Yvan Pestalozzi und eines der zentralen Objekte der Ausstellung in der Kunsthalle: Der «Lozziwurm». Bild: Florian Niedermann

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Das zentrale Objekt des «Play­ground Project» ist eine Zeitmaschine. Der «Lozziwurm» des Zürcher Plastikers Yvan Pestalozzi, eine Installation aus verschlungenen gelb-orangen Röhren von knapp einem Meter Durchmesser, ruht im grössten Raum der Kunsthalle an der Zürcher Limmatstrasse. Und es ist nicht die Ästhetik seiner Inszenierung allein, welche die Besucher berührt: Sein Anblick weckt Erinnerungen. An heisse Sommertage. An Wasserglace. An Sand unter den Fingernägeln und an aufgeschlagene Knie. Viele haben in einem Röhrensystem wie diesem ihre halbe Kindheit verbracht – seit seiner Schöpfung 1972 wurde der «Lozziwurm» auf über 110 Spielplätzen in ganz Europa installiert.

In der Ausstellung der Basler Stadtplanerin und Kuratorin Gabriela Burkhalter, die «The Play­ground Project» nach einer ersten Ausgabe 2013 im amerikanischen Carnegie nun nach Zürich gebracht hat, nimmt der «Lozziwurm» auch programmatisch eine Sonderstellung ein: In ihm vereinen sich zwei Kernthemen der Ausstellung: die historische Aufarbeitung des städtebaulichen Phänomens Spielplatz und die Kritik an der behördlichen Normierungswut, welche diese städtebauliche Nische ab den Achtzigerjahren zu ersticken drohte. «The Playground Project ist ein Aufruf an die Städte, den Spielplatz neu zu denken und Aufenthaltsorte für Kinder wieder mit mehr Mut zu planen», erklärt Burkhalter.

Heute oft ab der Stange

Heute beschränken sich viele Kommunen darauf, Freizeitanlagen nur noch mit Kleinbauten und Spielgeräten ab der Stange auszustatten; unfallsicher, aber kaum lebendig. Auch der «Lozziwurm» könne in der Schweiz kaum mehr auf Spielplätzen eingesetzt werden, sagt Daniel Baumann, Direktor der Kunsthalle, auf einem Rundgang durch die Ausstellung: «Je nach Aufbau und Steigung der Röhren entspricht er den geltenden Sicherheitsnormen nicht.»

Dabei gab es in der Geschichte des Spielplatzes früher äusserst freie, fast schon anarchische Strömungen, wie die Ausstellung aufzeigt. Anfang des 20. Jahrhunderts, als Grünflächen durch die verstärkte Urbanisierung immer knapper wurden, holten Sozialreformer das «herumlungernde» Kind von der Strasse und brachten es auf betreute Plätze, die mit teils waghalsigen Turngeräten aus Stahlrohr und Holz bestückt wurden. Ab 1930 drang aus Skandinavien die Überzeugung nach Europa, dass Kinder mit natürlichen Materialien spielen sollten.

Raum für eigene Spielformen

Im folgenden Jahrzehnt entwickelten Landschaftsarchitekten wie Carl Theodor Sørensen, Künstler wie Egon Møller-Nielsen oder Architekten wie Aldo van Eyck unter der Ägide von sozialdemokratischen Regierungen drei Anlagentypen: solche mit abstrakten Spielskulpturen, jene, die sich stark an der umliegenden Landschaft orientierten, und schliesslich sogenannte Gerümpelspielplätze. Aus den Letzteren entwickelten sich nach dem Zweiten Weltkrieg die «Robinson-Spielplätze», denen die Ausstellung einen eigenen Raum widmet. Sie ermöglichten es Kindern, ohne elterliche Kontrolle eigene Spielformen zu entwickeln. Die erste solche Anlage der Schweiz wurde 1954 in Wipkingen gebaut.

Nach dieser Pionierzeit der Spielplatzgestaltung setzte Ende der Sechzigerjahre ein zweiter Schub ein, dem Kuratorin Burkhalter auf einem eigenen Stockwerk viel Platz einräumt. Hier wird die grosse Lust am Experimentieren spürbar. Neue Materialien, wie etwa Kunststoff beim «Lozziwurm», aber auch neue Entstehungskonzepte wie Do-it-yourself-Spielplätze, die Elterngruppen oder auch Studierende teils als Guerilla-Aktionen organisierten, kommen zum Einsatz.

Das Ende der Utopien

Die Strömungen der Spielplatzgestaltung entstanden meist unter dem Einfluss des ideengeschichtlichen Wandels, wie «The Play­ground Project» zeigt. Materialisierung, pädagogische Zielsetzung und Konzeption der Spielplätze waren symptomatisch für die Rolle des Kindes in der Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund erstaunt es kaum, dass es in den Achtzigerjahren zur Krise kam. Damals endeten die gesellschaftlichen Utopien, und getrieben von einer generellen Risikoaversion setzte eine zunehmende Regulierung vieler Lebensbereiche ein. Die Folge: «Das Kind wird zum Konsument, der Spielplatz zum Normraum», wie es im Begleittext zur Ausstellung heisst.

Aufbruchstimmung

Und heute? Es herrsche Aufbruchstimmung in der Spielplatzgestaltung, sagt Burkhart: «Fragen zur Kindheit und zur Freizeitgestaltung werden im digitalen Zeitalter wieder wichtiger.» Um diese diskutieren zu können, begleiten die Ausstellung bis zu ihrem Ende Mitte Mai mehrere Publikumsanlässe. Es ist den Machern von «The Play­ground Project» zum Glück gelungen, dass der Spielplatz in der Kunsthalle nicht zur grauen Theorie verkommt: In den Wänden wurden etwa eigens Öffnungen angebracht, durch die Kinder in den nächsten Ausstellungsraum schlüpfen können. Und im gesamten oberen Stockwerk der Ausstellung sind die Spielgeräte, darunter auch der «Lozziwurm», frei zugänglich. Man wird in den nächsten Monaten wohl aber auch immer wieder erwachsene Besucher sehen, die sich dort tummeln. ()

Erstellt: 20.02.2016, 11:37 Uhr

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